Rose KurzgeschichteDas bedingungslose Grundeinkommen hat 74.896 Fans – auf Facebook. Sechs meiner Freunde sind auch darunter. Ich auch. Seit heute. Das war noch nicht immer so. Einmal habe in meiner Studienzeit ein Seminar aus Protest verlassen. Es ging um das Recht NICHT zu arbeiten und davon ausgehend, um die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das war im Jahr 2000. Nun gut, das Otto-Suhr-Institut in Berlin, wo ich studierte, ist für links-alternative Gedanken bekannt. Ich hätte mich nicht wundern sollen. Aber ich fand: Jeder der arbeiten kann, soll auch arbeiten, für die die nicht arbeiten können, ist in unserer Gesellschaft schon gesorgt.

Heute sehe ich das ein bisschen anders. Ich habe gelernt, dass Arbeit und Lohn zwar schon irgendwie, aber nicht zwangsläufig logisch zusammenhängen. Ich kenne Menschen, die arbeiten und notorisch unterbezahlt sind, Menschen, die gerne arbeiten würden, aber keine mehr finden. Menschen, die viel arbeiten und viel Geld verdienen, Menschen, die ihre Arbeit krank macht, Menschen, die mit ihrer Kunst und mit Leidenschaftsprojekten andere inspirieren. Menschen, die ihre Kinder erziehen und Angehörige pflegen, Menschen, die für andere putzen, Menschen, die in ihrer Freizeit Leben retten und Feuer löschen, Menschen, die noch nie für ihr Geld arbeiten mussten und solche, die versuchen mit Hartz IV über die Runden zu kommen.

Foto: Stefan Bohrer

Foto: Stefan Bohrer

Was das heißt? Es gibt in unserer Gesellschaft viele Arbeiten, die werden gut bezahlt, viele Arbeiten die werden schlecht bezahlt und viele Arbeiten, die werden gar nicht bezahlt. Über das, was sie in unserem Alltag und in unserer Gesellschaft bedeuten, sagt das nichts aus. Gar nichts!

Umso interessanter ist die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Sie ist so einfach wie subversiv: jeder Bürger bekommt ein Einkommen vom Staat, unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage und ohne Gegenleistung. Ein Konzept, das gleichzeitig ursozial und urliberal ist. Und entsprechend schwer in politischen Lagern unterzubringen.

Die Idee ist nicht neu und wurde schon vor langer Zeit von politischen Vordenkern und Philosophen entworfen. Seitdem wurden unterschiedliche Konzepte entwickelt und es gab einige Versuche, ein bedingungsloses Grundeinkommen auf die politische Agenda zu bringen. In der Breite diskutiert wurde es allerdings noch nie. Und es ist weit davon entfernt im politischen Mainstream angekommen zu sein. In Deutschland gab es 2008 eine Petition zum Thema. Die Initiatorin, Susanne Wiest, wurde 2010 zwar im Bundestag angehört, aber zu einer Debatte kam es nicht.

„Es geht um den Menschen und die Frage der Freiheit.“

In der Schweiz existiert eine aktuelle Diskussion zum Thema. Losgetreten von Daniel Häni, Unternehmer und Aktivist in Sachen bedingungsloses Grundeinkommen. 1999 gründete er in einem Bankhaus in Basel das „unternehmen mitte“ – ein Kaffeehaus, Veranstaltungsort und Co-Working-Place. Sein Fokus: herausfinden, was Menschen tun, wenn sie nicht müssen. Die Gäste müssen nicht konsumieren und die Mitarbeiter haben nicht nur Mitspracherecht, sondern Mitsprachepflicht.

Häni ist außerdem Mit-Initiator der „Initiative Grundeinkommen“. Im vergangen Jahr sammelte die Initiative 126.000 Unterschriften für eine Volksabstimmung zur Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens in der Schweiz. Häni rechnet nicht auf Anhieb mit einer mathematischen Mehrheit, wenn die Abstimmung 2016 stattfindet. Er sieht sie aber als Meilenstein für das Konzept, das für viele den Charakter einer Revolution hat. Für Häni ist es eher eine Evolution, eine Entwicklung hin zum Ernstnehmen der Menschen. „Das Menschsein wird durch das bedingungslose Grundeinkommen auf die eigenen Beine gestellt, nicht auf den Kopf“, sagt er. „Wir leben im totalen Überfluss und gleichzeitig müssen sich Menschen mit Problemen der Existenzsicherung herumschlagen, die wir eigentlich gar nicht haben müssten. Das so tun, als würden wir im Mangel leben ist ineffizient.“

Wie würde das bedingungslose Grundeinkommen funktionieren?

Daniel Häni sieht die Frage über Modelle als Ablenkung derjenigen, die eine Diskussion ums Wesentliche verhindern wollen. Wie genau soll ein solches Grundeinkommen finanziert werden? Geht dann überhaupt noch jemand zur Arbeit? Alles berechtigte Fragen, vor allem wenn man eine politische Debatte führen will. Bevor man sich mit diesen Fragen beschäftigt, sollten wir uns aber mit den grundsätzlichen Fragen auseinandersetzen: „Will ich wirklich bestimmen, was andere zu tun haben? Will ich bewusst verzichten, damit andere keine ne Existenzängste haben? Wie ist das Verhältnis vom Einzelnen zur Gesellschaft?“ Alles schon sehr philosophisch.

Aber um dem Kern des Ganzen etwas näher zu kommen, kann man sich die Frage stellen, was der eigene Antrieb für das ist, was man tut. Was mache ich aus Leidenschaft, für Anerkennung oder für das Wohl anderer? Und: was würde ich tun, wenn ich kein Geld verdienen müsste?

Mit meinem positiven Menschenbild komme ich zu der Erkenntnis: es könnte klappen. Allerdings würde es eine so große Umwälzung bedeuten, dass sie wohl kein Politiker jemals in Angriff nimmt. Es sei denn, irgendwann steigt der Druck, weil wir als Gesellschaft die großen Herausforderungen in Sachen Rente und Arbeitslosigkeit nicht anders lösen können. Und vielleicht auch, weil wir neugierig sind und wissen wollen: Was passiert eigentlich, wenn alle ihre Leidenschaften entdecken und ausleben können, weil für ihr Einkommen gesorgt ist.

tl; dr: Arbeit und Einkommen hängen nicht logisch zusammen und unsere (Arbeits-)Gesellschaft ändert sich derzeit rasant.
Deshalb ist ein bedingungsloses Grundeinkommen gar keine so schlechte Idee.

 

Foto: Hansjörg Walter

Foto: Hansjörg Walter

1 Kommentar

  1. Thomas Antworten 5. Dezember 2014 at 11:07

    Leider wird es immer wieder Menschen geben, die sich auf dieses bedingungslose Grundeinkommen ausruhen werden, was gegenüber anderen Menschen, die hart arbeiten, einfach nicht fair ist. Bislang gehen die Meinungen darüber ja immer noch sehr weit auseinander. Zur Zeit kann ich mir nicht vorstellen, dass es hier zu einer Umsetzung kommt, aber letztendlich muss sich grundlegend etwas tun, damit die Menschen wieder an Lebensqualität gewinnen, denn immer mehr Menschen leben am Existensminimum und das sollte verhindert werden.

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