Rose ContributorenIm Jahr 2012 schrieb ROSEGARDEN Chefredakteur Mario Münster an einem bisher nicht veröffentlichten Roman über allerhand Themen unserer Zeit. Unter anderem auch eine Passage, in der er den Austritt Griechenlands aus der Eurozone inszeniert. Nicht so weit weg von der Realität dieser Tage… hier die ungekürzte Passage.

„…Damit waren sie beim lieben Geld angekommen, ein Thema, das sich dieser Tage förmlich aufdrängte. Am vergangenen Dienstag war wieder einmal ein Staat aus dem Euro geflogen. Oder besser gesagt: Er kam dem Rausfliegen zuvor. Irgendwie war das für alle absehbar, und man hatte sich an Krisenticker und Negativsensationen inzwischen längst gewöhnt. Wie ein Zug, der in stetig wachsendem Tempo auf eine Betonwand zufuhr und einfach nicht das Gleis wechseln konnte. Finanzdinge interessierten sie eigentlich alle nicht sonderlich. Auch das Euro- und Wirtschaftskrisen-Gerede hatte für sie mittlerweile etwas vom Nahost-Konflikt: Es kam immer in den Nachrichten, es war immer alles schlimm, es gab keine Lösungen, dafür umso mehr Berichterstattung, und eines Tages schaltete man einfach ab. Dennoch konnte sich keiner diesem Sog entziehen, weil es mittlerweile um mehr als eine reine Finanzproblematik ging, weil selbst ihnen als behütete Ist-ja-schlimm-Generation plötzlich Zusammenhänge klar wurden, die sie lieber nicht verstanden hätten.

Auf beiden Seiten des Spiels führte die Entscheidung für einen Austritt des ohnehin geschwächten Landes aus dem Euro zu einer üblen Nationalisierungsspirale. Die einen kamen dem offenbar unausweichlichen Rauswurf zuvor und erklärten unter großem Säbelrasseln, sie seien es leid, unter der Knute der Geberstaaten zu stehen. Staats- und Ministerpräsident erklärten dies in einer gemeinsamen Pressekonferenz voller Pathos und nationaler Anklänge. Es lag auf der Hand, dass sie mit dieser ordentlichen Prise Nationalstolz lediglich die Stimmung im eigenen Land retten wollten, dass man das Volk mittels Hurra-Patriotismus aus Lähmung und Chaos holen wollte, in die es in den Wochen zuvor verfallen war. Die von der EU eisern überwachten Sparmaßnahmen führten zu heftigen Randalen im ganzen Land.

Junge Menschen, Staatsbedienstete, sie alle gingen auf die Straßen und protestierten größtenteils gewaltbereit. Für sie ergab es keinen Sinn, dass es dem Land dadurch besser gehen sollte, dass man ihnen Geld und Jobs wegnahm. Kabinett und Parlament schlingerten von einer Nachtsitzung zur nächsten, auf beinahe jede neue Forderung der EU folgte eine Vertrauensabstimmung. Also sah sich die politische Spitze des Landes in einer Sackgasse und wählte den Frontalangriff als Ausweg, angestachelt von zahlreichen abwertenden Kommentaren aus dem Ausland, die die gesamte Bandbreite landläufiger Klischees bedienten. Vor allem Deutschland machte seinen Job auch hier wieder mal gründlich. Zuletzt sorgte die Interview-Äußerung eines konservativen Fraktionsvorsitzenden, der die gesamte südeuropäische Zaziki-Wirtschaft für gescheitert erklärte und endlich radikales Umdenken forderte, für heftige diplomatische Verstimmungen.

Tollhaus-Tage im politischen Berlin

Mit diesem unüberhörbaren Startsignal begannen die politischen Tollhaus-Tage der Saison. In Berlin kippten Restaurantbesitzer literweise Zaziki vor die CDU-Parteizentrale. Aus ganz Südeuropa gab man zu verstehen, dass die Zeiten, in denen „am deutschen Wesen die Welt genesen“ sollte, doch hoffentlich längst vorbei wären. Ein prominenter Rockmusiker der alternativen Achtzigerjahre-Szene lies sich ostentativ in seiner Stammkneipe beim Ouzotrinken ablichten und erklärte einem Lokalblatt, dass Zaziki-Intoleranz keine Lösung, sondern lediglich eine Diagnose sei. Der SPD-Vorsitzende fand die Aktion natürlich prima und versuchte nicht zum ersten Mal durch das Nachahmen einer erfolgreichen PR-Maßnahme auch etwas Liebe von den Guten abzubekommen. Er verdonnerte einen Mitarbeiter dazu, ihn in einem Restaurant in der Nähe des Willy-Brandt-Hauses vor einer großen Portion einschlägiger Nationalgerichte zu fotografieren und postete das Ergebnis auf seiner Facebook-Seite unter der Überschrift „Essen gegen Kauderwelsch!“. 234 Personen gefiel das. Die Vorzeigetalkerin des Sonntagabendprogramms griff das Thema in ihrer Sendung auf und gab der Diskussion den opulenten Titel „Zaziki-Wirtschaft, Big-Mac-Keynesianismus oder Schnitzel-Liberalismus – was rettet unsere Wirtschaft?“. Von der Diskussion blieb vor allem die Szene hängen, in der ein Promikoch mit einer  Vertreterin der Grünen („Ich finde das wirklich empörend wie hierzulande über andere Völker gesprochen wird!“) Sirtaki tanzte und ein veralteter Fußballtrainer im Hintergrund rhythmisch klatschte, während der ehemalige Bundesfinanzminister, die aktuelle Bundesministerin für Arbeit und Soziales und ein höchst kontrovers diskutierter Autor offenbar betreten zu Boden guckten.

In jedem Fall war die martialische Austrittserklärung durch populistische Verbalattacken von Politikern auf Stimmenfang wirkungsvoll befeuert worden. Man habe Demokratie und Freiheit bereits gelebt, während sich andere europäische Staaten noch wie die Wilden gegenseitig abschlachteten. Und nun solle man nach deren Pfeife tanzen? Lächerlich! Der Stolz des Landes ertrage es nicht länger, nur Befehlsempfänger der Euro-Barbaren zu sein.

Die Rechnung der beiden Männer ging prompt auf. Noch am Abend ihrer Erklärung versammelten sich Hunderttausende auf den Straßen, schwenkten die Fahnen des Landes und schmetterten begeistert die Nationalhymne. Die im TV übertragenen O-Töne der Bevölkerung ließen auch abgebrühte Zuschauer erstarren. Von einem Reporterteam gefragt, was sie sich von der Zukunft erhoffe, schrie eine Mutter mit Kind auf dem Arm in die Kamera: „Mir ist egal, was morgen ist. Aber heute bin ich zum ersten Mal seit Jahren wieder stolz, Bürgerin meines Landes zu sein.“ Womit sie künftig beim Einkaufen bezahlen sollten, wusste ihr allerdings niemand zu sagen.

Die Reaktionen aus dem Ausland schwankten zwischen der üblichen Resignation und dem ebenso üblichen Entsetzen. Sie versuchten es alle mit der abgedroschenen Parole, wonach die aktuelle Lage nicht mehr, sondern weniger nationale Alleingänge erforderte. Die Kanzlerin und der französische Präsident erkannten die Absurdität dieser Aussage aus ausgerechnet ihrem Mund schon längst nicht mehr. Die Börsen reagierten wie immer orientierungslos: Zunächst raste der Wert des Euro nach oben, weil man annahm, der Austritt des Schuldensünders komme dem Herausschneiden eines Tumors gleich und der Patient werde wieder gänzlich genesen. Kurz danach sackte der Kurs tief in den Keller. Vermutlich weil niemand wusste, wo überall im System noch Metastasen saßen…“

 

Titelfoto: © Leonora Enking, Greece! Via: https://flic.kr/p/8wJLM2 is license under a Creative Commons license: CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

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