Rose IdeeGeneration Y, Generation Golf, Millennials, Generation Praktikum, Generation X, Boomerang Kids, Digital Natives… Es kann einem schwindelig werden. Der Versuch etwas Licht in den Wald zu bringen.

Wir behaupten ja in ROSEGARDEN Themen der Post-Generation-Golf-Generation zu besprechen. Schon klar, das ist jetzt nicht gerade ein sehr einfacher und eingängiger Begriff. Die Sache ist aber auch nicht so einfach. Es schwirren einige Begriffe durch die Gegend. Manche sind soziologisch, andere populär-wissenschaftlich, wieder andere sind Schlagworte. Einige spielen in Europa und Deutschland eine Rolle, andere eher in den USA. Aus manchen kann man lustige Überschriften bauen. Meine fiktive Lieblingsschlagzeile lautet:

Helicopter Mom von Boomerang Kid getroffen

Und damit sind wir schon mitten drin im Dickicht der Begriffe. Boomerang Kid? Schon mal gehört? Boomerang Kids gibt es besonders häufig in der Generation Y oder bei den Millennials, wie andere die Alterskohorte nennen, die zwischen 1980 und 1990 geboren wurde.

Boomerang Kids sind ein Produkt der Wirtschaftskrise, der Eurokrise, des Zusammenbruchs der Immobilienmarktes in den USA. Es sind Kinder, die eigentlich schon erwachsen, ökonomisch aber noch unselbstständig sind. Sie wohnen entweder noch oder wieder bei ihren Eltern und/oder sind von ihnen in hohem Maße wirtschaftlich abhängig. Weil sie entweder gar keine oder schlecht bezahlte Arbeit haben.

Klar, der ganze Diskurs betrachtet den reichen Westen. Aber genau in diesem reichen Westen gibt es Boomerang Kids in Massen. In den USA lebt ein Fünftel aller jungen Menschen in ihren 20er und 30er-Jahren bei den Eltern. Eine Generation zuvor war es nur jeder Zehnte. 60 Prozent von ihnen erhalten finanzielle Unterstützung von ihren Eltern. In Italien und Spanien ist bald die Hälfte der jungen Menschen arbeitslos. 60 Prozent der Italiener unter 35 leben bei ihren Eltern. Bestimmt nicht nur wegen Mama‘s Lasagne. Einzig Deutschland scheint von den Boomerang Kids verschont zu sein.

Millenials und Generation Y

Jetzt habe ich eben aber einfach mit den Begriffen Millennials und Generation Y um mich geworfen. Meine Mitherausgeberin ermahnt mich immer, so was nicht einfach vorauszusetzen. Entweder, weil sie dich, lieben Leser, für zu uninformiert hält oder mich für zu klug. Da sie ersteres aber niemals tun würde und letzteres sich einzubilden sehr schmeichelhaft ist, beuge ich mich gerne diesem Wunsch.

Also: Millennials ist der vor allem in den USA sehr populäre Begriff für Menschen, die um die Jahrtausendwende Teens waren. Er wird beinahe Synonym mit dem Begriff Generation Y verwendet. Es gibt TV-Serien wie „Girls“ und den Film „Frances Ha“, die die Millennials und ihre Befindlichkeiten treffend portraitieren. Und es gibt Bands wie Arcade Fire oder Beach House, die mit eskapistischen Konzeptklängen den Soundtrack dieser Generation prägen.

In Vorbereitung auf diesen Artikel habe ich beim großartigen PEW Research Institut mal den Selbsttest „How millennial are you?“ gemacht. Ergebnis: Ich bin nur ganz wenig millennial – 41 von maximal 100 Punkten. Ich bin viel mehr Generation X. Yeah. Yeah. Yeah!

millenialscore

Screenshot: http://www.pewresearch.org/quiz/how-millennial-are-you/

Warum jetzt Yeah!?

Weil man der Generation Y und den Millennials nachsagt, dass sie verblendete narzisstische Weicheier sind, die schlussendlich zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt geboren wurden. Naja, das war jetzt etwas überspitzt. Zudem fällt diese Generation gerade ganz schön übel auf die Fresse – allerdings ohne sich allzu viel darum zu scheren.

Was ist da los?

Die Millennials wurden in Zeiten geboren, in denen ihre Eltern eine Regel gelernt haben: Jede Generation hat es einmal besser als die Folgegeneration. Und jeder kann alles werden, weil jeder besonders ist. Folglich wurden diese Kinder überbehütet (Helicopter Mom!) in dem Glauben großgezogen, dass sie besonders sind, alles erreichen können und es ihnen, egal was passiert, gut gehen wird. Soweit der Weichei-Teil der Geschichte. Denn schon klar, dass man bei dem Surrounding nicht gerade zu einem Fighter wird, der hart im Nehmen und Geben ist.

Nun wurde diese Generation Y aber von zwei üblen Dingen getroffen. Erstens:  Der wirklich total überraschenden Erkenntnis, dass nicht jeder alles werden kann und nicht jeder zu Großartigem geboren ist. Zweitens und noch schlimmer: Sie werden die erste Nachkriegs-Kohrte sein, der es eben nicht automatisch besser geht als ihren Vorgängern. Wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise, wegen dem demographischen Wandel und wegen der absurd hohen Verschuldung der öffentlichen Haushalte. Weil die klassische Familie als beständiger Ort und Schutzraum ein Auslaufmodell ist. Folglich muss die Generation Y nun doch fighten. Und zwar so richtig. Und wer es nicht schafft, der wird zum Boomerang Kid.

Generationen X bis Y

Generationen X bis Y, CC BY-ND by ROSEGARDEN Magazin, Bertram Sturm

Generation Y: Unterwegs sein statt ankommen

Hier hört das Spannende an der Geschichte aber noch nicht auf. Es gibt interessante Befunde, die viel über diese Generation aussagen, was doch nicht so banal ist. Grob zusammengefasst: Viele Millennials finden ihre Lage gar nicht so schlimm. Sie blicken nicht verzagt in die Zukunft. Und das hat etwas damit zu tun, dass die Millennials Glück und ein gutes Leben nicht mehr anhand der Parameter von gestern messen: Unbefristeter Job, gefülltes Bankkonto, Bausparvertrag, Eigenheim, überhaupt materieller Besitz… das alles spielt eine untergeordnete Rolle. In den USA würden 64 Prozent von ihnen lieber für 40.000 Dollar im Jahr einen Job machen, den sie lieben, als für 100.000 Dollar einen, der sie langweilt.

Die Generation Y hat andere Werte: Die Freiheit, sich auszuprobieren, der Wunsch etwas Sinnvolles zu tun, mehr teilen – weniger haben. „Wir sind jung und brauchen das Glück“ sagt die Autorin Kerstin Bund, die mit ihrem Buch „Glück schlägt Geld“ einen tiefen Blick in die Generation Y wirft. Und vor allem hat diese Generation offenbar verinnerlicht, dass eine Biographie keine gerade Linie ist, sondern eine Kurve mit Höhen und Tiefen. Life is a rollercoaster. Es geht nicht ums Ankommen, sondern ums Unterwegs-Sein. So eine Philosophie kalkuliert Rückschläge ein. Auch deshalb war die lange Debatte um die Generation Praktikum für viele Millennials vielleicht gar nicht so schlimm. Praktikum als Königs-Disziplin des Ausprobieren und Unterwegs-Seins? Wer weiß…

Für Unzufriedenheit bei der „Generation Nice“, wie sie Sam Tanenhaus in der New York Times kürzlich einmal nannte, sorgen höchstens die auf Hochglanz polierten Facebook-Timelines und Instagram-Accounts der Freunde und Bekannten, die sich die Soll-Variante ihres Lebens zurechtposten und den Ist-Zustand lieber nicht teilen. Da kann man schon mal neidisch werden und sich klein und erfolglos fühlen, weswegen man dann schnell etwas Spektakuläres twittert. Und schon ist der Kreis geschlossen. Aber das sind nun wirklich eher digitale Neurosen als existenzielle Nöte.

Die wahren Weicheier sitzen in der Generation Golf: Pragmatisch.Taktisch. Gut.

Ich bin viel eher der Ansicht: Die wahren Weicheier sind in der Generation Golf zu finden. Das ist jetzt nun mal kein soziologischer Begriff sondern eher ein populär-feuilletonnistisches Schlagwort, das zudem sehr spezifisch deutsch ist. Für mich ist die Generation Golf die Gruppe zwischen der Generation X – sicher teilweise aus ihr heraus erwachsen – und der Generation Y. Irgendwie ein soziologisches Erbe von Ludwig Erhard. Die Mensch gewordene Dividende des deutschen Wirtschaftswunders. Eine nationale Ausnahme.

Die Generation Golf ist gekennzeichnet davon, dass sie in ihrem Anspruch an das eigene Leben und in den Fragen danach, was wichtig für das eigene Glück ist, noch den eben genannten Parametern ihrer Eltern folgt. Bloß, dass sie die Chance hatte, dem Streben nach hohen Werten dieser Parameter in viel besseren Zeiten nachzugehen. Sie wollen Sicherheit, die sie vor allem durch die Abwesenheit finanzieller Sorgen definieren. Sie wollten Eigentum, Wohlstand, Geborgenheit. Beruflichen Erfolg um des Geldes und des Status Willen und für Sicherheit, die wiederum durch das Geld möglich wird. Sie haben viel mehr erreicht als ihre Eltern. Sie sind deshalb glücklich und stolz. Vom Leben ausgezeichnete Abteilungsleiter, Anwälte, Ärzte, Investmentbanker. Immer bergauf und auf dem Höhepunkt dann abspringen in die verdiente Rente und alles nachholen, was man im Streben nach den genannten Werten und beim abbezahlen von Krediten verpasst hat: Sinnstiftendes, persönliche Experimente, Freiheit, Bewegung. Ausbrechen.

Ich will hier nicht falsch verstanden werden: Es ist OK, dass es so ist. Auch wenn diese Generation zu Dingen neigt, die ich verabscheue: Uniformität, Rückzug aus dem Politischen, Fokussierung auf Materielles. Aus meiner Sicht konnte auch nur eine solche Generation Politiker wie Angela Merkel und Christian Wulff in Spitzenämter hinein gewähren lassen. Ein bisschen nachhaltig, ein bisschen liberal, ein bisschen sozial, ein bisschen konservativ, Diversität so lange es nicht zu bunt wird – bloß keine Extreme, ein Schritt nach dem anderen: pragmatisch, taktisch, gut. Würg.

Und wer war jetzt die Generation X noch mal?

Das machen wir jetzt ganz kurz: Der Begriff Generation X hat eine länger Tradition als Rock-Musik aus Seattle. Er fiel erstmals bereits in den 1950er Jahren. Das führt hier zu weit. Es geht in diesem Kontext um die Prägung und Verwendung des Begriffes, die stark von Douglas Couplands gleichnamigen Roman Anfang der 1990er beeinflusst ist. Geboren wurde diese Generation in den 1960ern und 1970ern.

Ein zentrales Motiv war die Ablehnung der Wohlstandsgesellschaft. Vor allem als Reaktion auf ein Leben, das in den meisten Bereichen in hohem Maße ökonomisch geprägt war. Umso ironischer ist natürlich, dass auch das Label „Generation X“ ebenso wie nun der Begriff „Generation Y“ in höchstem Maße von Medien und Marktforschern genutzt wurden, um ein Lebensgefühl oder einen Trend zu fassen.

So ist das mit den Trends und den Labels. Und natürlich bleibt da jetzt die Frage zurück: „Wer bin ich eigentlich?“. Ist es überhaupt möglich, sich in diesen Kategorien ein- und unterzuordnen? Mein hochflexibler Lebenswandel deutet natürlich eindeutig auf Generation Y hin. Wobei ich nicht leugnen will mit einem Spritzer biederer Spießigkeit der Generation Golf gesegnet zu sein. Ganz zu schweigen von den gelegentlichen Anti-Establishment Resignations-Anfällen die total Generation X sind. Tja… wer will schon in Schubladen.

Übrigens, erwähnte ich die Generation Z? Geboren nach 2000. Die wahren Digital Natives. Es bleibt spannend!

 

Generationenkonfetti

Party in the Air – Foto: CC BY-SA 2.0 by k bost | https://flic.kr/p/4SVqrC

1 Kommentar

  1. Bertram Sturm Antworten 1. September 2014 at 10:18

    Wow, ich bin 85% Millennial. Wer hätte das gedacht?!

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