Rose_GedankenIch bin manchmal hilflos in den letzten Monaten – der tägliche Trump, die AFD, der Front National und der Brexit, der wachsende Unmut gegen alles, was anders ist. Ich ertappe mich selbst dabei, die Nachrichten gar nicht mehr anhören zu wollen. Ich bin nicht mutlos geworden, sondern versuche konkret für die Dinge zu arbeiten, die mir wichtig sind: Diversity, Gemeinschaftlichkeit und Freiheit. Allerdings ertappe ich mich dabei, in bestimmten Kontexten allgemeinen Diskussionen aus dem Weg zu gehen. In vielen Diskussionen geht Energie verloren, scheinen sie doch von vornherein aussichtslos.

Dazu kommen die Zweifel: Sind wir nicht viel zu isoliert in unserer Filterblase? Wie können wir mit denjenigen diskutieren, die sich mit ihren Standpunkten gefühlt in einem anderen Universum befinden? Wie wappnen wir uns gegen Angriffe von Populisten und Trollen?

Umso erleichterter war ich, als ich Ende vergangenen Jahres auf Carolin Emcke stieß. In meiner kleinen Liste an Vorbildern steht sie seitdem ganz weit oben. Selten habe ich so komplizierte Gedanken so klar ausgedrückt gesehen wie in ihren Büchern, Reden und Diskussionen.

Bei einer Veranstaltung in Berlin, konnte ich sie letzte Woche live erleben – naja mehr oder weniger. Aufgrund des großen Besucheransturms wurden Lesung und Diskussion ins Foyer übertragen. Dort gab es für mich und viele andere nur noch Sitzplätze auf dem Boden. Nachdenken als Massenevent – irgendwie hat mich das auch froh gemacht.

 

7 Punkte, die ich von dem Abend mitgenommen habe

 

1. Was passiert da eigentlich gerade und wie kann man dem beikommen?

„Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass mal wieder so gehasst wird“, sagt Emcke. Es habe stets ein konstantes Ressentiment gegeben, auch Ausbrüche von Gewalt. Aber in der Qualität habe sich etwas geändert: Es gebe mehr Enthemmung und ein stärkeres Selbstbewusstsein mit dem rassistische Positionen vertreten werden. Die Szenen von der Straße hätten eine politische Heimat gefunden. Die grundlegende Konstruktion dahinter: Der Blick (der Hassenden) fällt nicht auf Menschen in ihrer Individualität, sondern vereinfacht sie als Gruppen von Fremden – die Juden, die Flüchtlinge, die Frauen, die Muslime … „Der Hass richtet sich das Objekt des Hasses zurecht. Präzise lässt sich nicht gut hassen!“ Wie kann man dem beikommen? Das Prinzip erst einmal verstehen und dann ein paar Dinge beherzigen:

2. Gefühle – es ist kompliziert

„Es gibt eine Renaissance von Gefühligkeit. Gefühle werden derzeit als authentisch stilisiert. Dadurch erscheinen sie so naturwüchsig, so dass man ihnen nicht beikommen kann – das macht mich ungeheuer nervös“, so Carolin Emcke. Das Politische werde dadurch infantilisiert. Aber von Erwachsenen könne man verlangen, dass sie ihre Gefühle reflektieren, sich informieren und Diskurse führen, wie man mit einander leben möchte. Word! Zwar lernt mein Yoga-Ich gerade, die eigenen Gefühle stärker zuzulassen und zu erkennen, aber Achtsamkeit und Reflexion schließen sich ja nicht aus.

3. Die Filterblase ruhig nutzen

„Erkenntnistheoretisch hat man immer nur eine Blase zur Verfügung“ – beruhigend. Statt sich selbst dafür zu geißeln, sich „nur“ in seiner Bubble zu bewegen, sollte man dort wo man ist, das bestmögliche bewirken. Beispielsweise indem man andere bestärkt, ermutigt oder einfach doch mal in der Familie eine politische Diskussion führt. Wir müssen jede Gelegenheit und jeden Raum nutzen, den wir einnehmen können und hoffen, dass sich die Positionen verbreiten.

4. Gegen Stereotype vorgehen

„Jedes Medienformat konstruiert Bilder und Stereotypen“, so Emcke, also nicht nur die Nachrichten, sondern auch fiktionale Inhalte wie Filme, Serien und Theaterstücke. Wie machen wir uns diese Stereotype und mögliche Vorurteile bewusst? Wo produzieren wir all diese Bilder mit? Wir brauchen andere Erzählungen, in denen andere Sichtweisen und die Verschiedenheit der Menschen deutlich gemacht werden.

 

„Der Hass richtet sich das Objekt des Hasses zurecht. Präzise lässt sich nicht gut hassen!“

 

5. Diversity galore!

„Ich bin beruhigt, so lange ich Verschiedenheiten im öffentlichen Raum sehe“, das hieße nämlich auch, dass man seine individuellen Eigenheiten leben könne. Wichtig sei der „wechselseitige Respekt vor der Individualität und Einzigartigkeit aller, sich nicht wechselseitig mögen zu müssen, aber lassen zu können“.
Sehr schöne Positionen zum Thema Vielfalt – einem Thema, das für mich schon so selbstverständlich geworden ist, dass ich mir auf der Metaebene manchmal schon gar nicht mehr einfällt, warum das Ganze.

6. „Lob des Unreinen“

„Wir müssen daran arbeiten, Gespräche herzustellen, in denen man auch die eigenen Positionen zweifelnd besprechen darf, die eigene Position nochmal abklopfen und selbst verunsichert werden kann.“ Wo finden die politischen Willensbildungsprozesse dieser Zeit statt? Nicht im Fernsehen, nicht im Netz, sagt Emcke, sondern im direkten Austausch. Da stellen sich die Fragen: Wo und wie kann man eine Diskussionskultur und Räume schaffen, in denen eine wirklich offene Diskussion möglich ist? Sind wir nicht alle etwas zu stur, zu mutlos, zu festgefahren? Passend dazu auch diese Frage aus dem Publikum an uns alle gerichtet: Wer hat in den vergangenen Monaten seine Meinung geändert? Wer hat etwas gelernt?

7. Haltung entwickeln

Eine klare Haltung zu Werten erleichtert einem das Einordnen konkreter Entwicklungen und Argumente. Und vor allem auch, sich dazu zu verhalten. Carolin Emcke vertritt eine universalistische Position (musste ich auch erstmal googeln) und kehrt immer dahin zurück, wenn sie ihre konkreten Standpunkte erklärt oder verteidigt. Note to myself: Es ist schon zu lange her, dass ich meine Werte mal auf einer Metaebene formuliert oder abgeklopft habe. Sollte ich mal wieder tun. Wer diskutiert mit mir?

Copyright: S. Fischer Verlag

Mehr kluge Gedanken von Carolin Emcke in ihrem Buch „Gegen den Hass“ oder persönlich n ihrem regelmäßigen Diskussionsformat „Streitraum“ in der Berliner Schaubühne.

Titelbild: Stephan Röhl, CC-BY-SA https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

2 Kommentare

  1. Regine Heidorn Antworten 12. April 2017 at 17:22

    Hier, ich 🙂

    • Maren Heltsche Antworten 17. April 2017 at 20:20

      🙂

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