Rose ContributorenAlle reden über den Weg, die Ankunft und die Erstversorgung der Flüchtlinge in Deutschland. Doch die eigentliche Herausforderung ist nicht das Ankommen. Sie ist die langfristige Integration und deren enorme Chance für uns.

Noch deutlicher: Deutschland steht vor der größten Veränderung und Herausforderung seit der Wiedervereinigung und dem Wiederaufbau nach 1945. Deutschland wird schon in wenigen Jahren ein anderes Land sein. Der Einfluss des Flüchtlingsstroms auf unsere Wirtschaft, Gesellschaft und Infrastruktur wird erheblich bis umwälzend sein. Deutschland wird sich verändern. Bloß traut sich das fast niemand zu sagen, von denen, die etwas zu sagen haben.

Die einzige Angst der Satten: Veränderung

Denn in einem Land, in dem die übergroße Mehrheit der Menschen satt und politisch sediert ist, gibt es nur eine große Angst: Veränderung. Deutschlands Mitte hat sich eingerichtet. In ihren Eigenheimen, auf ihren Balkonen, mit den Kochshows und Pauschalreisen. Die großen Krisen der vergangenen Jahre wurden vom Sofa aus betrachtet wie der neue Tatort. Sie machten vor unseren Grenzen in der Regel halt oder waren aus dem Sinn, wenn Abends der Fernseher auf Stand-By gestellt wurde. Eurokrise? Finanzkrise? ISIS und Al Quaida Terror? Kennen die Meisten aus dem Fernsehen. Und Merkel, die Anchor-Woman unserer politischen Wahrnehmung, wird schon dafür sorgen, dass das auch so bleibt…

Doch plötzlich steht die Krise draußen auf dem Parkplatz neben dem Bauernhof, oder in der leerstehenden Schule im Nachbardorf. Die Krise hat ein Gesicht, sie hat Namen, sie hat Kinder, sie hat Hunger, sie ist oft traumatisiert und sie ist eine Massenbewegung. Wir sehen sie nicht nur in den Nachrichten, sondern auf der Straße, an der Kasse im Supermarkt, im Wartezimmer beim Arzt, im Kindergarten. Sie hat keinen Stand-By Modus.

Teil unserer Willkommenskultur:
Die „Bearbeitungsstraße“ – ein Begriff wie von Goebbels

Angesichts dieser Wucht des Realen, fokussiert sich in diesen Tagen, die Debatte vor allem auf die „Erste-Hilfe“: Aufnehmen, sortieren, unterbringen, anziehen, Wasser, Nahrung. Typisch Deutsch zusammengefasst in dem ätzenden Begriff „Bearbeitungsstraße.“ Eine Vokabel, die man eher bei Goebbels vermutet als im Hier und Jetzt. Ohne eine funktionierende Zivilgesellschaft würde schon diese „Erste-Hilfe“ häufig scheitern, wie das traurige Beispiel LaGeSo in Berlin zeigt. Deutschlandweit wurden in den vergangenen Jahren hunderte Städte und Gemeinden bis an den Rand der Handlungsunfähigkeit kaputt gespart, weil Sparen zum Selbstzweck wurde. Integrations-Beauftragte? Schulsozialarbeit? An vielen Orten eine blasse Erinnerung.

Wie derart schlecht ausgestattete und unvorbereitete Kommunen nun organisieren sollen, dass Zigtausende neue Bürgerinnen und Bürger in unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unser kulturelles Miteinander integriert werden, ist mir ein absolutes Rätsel. Doch bereits in diesen Tagen wird das Fundament für das Deutschland von Morgen gelegt. Die nächsten Tage und Wochen werden entscheiden, ob wir in der Lage sind, die Chancen, die die aktuelle Situation eröffnet, zu nutzen. Und ob es uns gelingt, Menschen aus anderen Ländern ein echtes neues Zuhause zu geben. Oft scheitert dieses erste Zusammenwachsen ja schon an der Sprache. Und nicht selten ist es der Syrer, der Englisch spricht, und die Bankangestellte in Biberach, die es nicht tut.

Es ist möglich, dass wir die Geschichte von Begriffen wie Fachkräftemangel, Schulschließungen und dem Demographischen Wandel neu schreiben müssen. Und zwar mit einem besseren Ausgang. Bloß ist gerade niemand da, der das organisieren kann oder will. Wir brauchen Sprachkurse und Integrations-Lotsen, die auf beiden Seiten interkulturelle Kompetenz vermitteln, die mit Schulämtern, Handwerkskammern, den IHKn und Vereinen interagieren, um den Grundstein für ein Zusammenwachsen zu legen. Wir müssen Perspektiven schaffen für die neuen Bürgerinnen und Bürger und für die alten. Dazu müssen wir der Politik auf die Füße treten. Und zwar jeden Tag. Der große Schriftsteller Ernst Jünger hat im Kontext der Wiedervereinigung mal gesagt: „Wenn dein Bruder vor der Tür steht, lässt du ihn rein und fragst nicht, was es dich kosten wird.“ Auch wenn kluges Handeln statt Aktionismus angesagt ist, darf man in diesen Tagen an diese Worte denken.

Die ganze Härte der Zivilgesellschaft gegen die Begleitmusik des Mob

Die beschriebene Aufgabe ist bombastisch. Sie wird uns alle in den kommenden Jahre herausfordern. Und es ist eine Katastrophe, dass das Anpacken dieser Aufgabe begleitet wird vom rechten Mob. Es ist eigentlich schade, dass ausgerechnet Sigmar Gabriel mutig genug war, die Sache beim Namen zu nennen. Bei einem, dessen politisches Reden andauernd im roten Bereich ist, fehlt jede Modulation, die dem Gesagten das nötige Gewicht verleiht. Man stelle sich vor, Angela Merkel hätte vom „Pack“ gesprochen. Oder Olaf Scholz. Das hätte zu einem wahren Aufhorchen geführt. So hat der Krakeeler ausnahmsweise mal die Richtigen angeblafft. Aber egal, das Pack ist da und als solches entlarvt.

Possierlich ist in dem Kontext die Phrase von der „ganzen Härte des Rechtsstaates“. Genau dieser Rechtsstaat ist vielerorts überfordert, ein erodiertes Überbleibsel eines Sicherheits-Apparates (siehe Sachsen), ein langsames Vehikel und eine Institution, die von dem Pack eh nicht als solche anerkannt wird. Natürlich brauchen wir den Rechtsstaat jetzt. Aber was das Pack vor allem spüren muss, ist die volle Härte der Zivilgesellschaft. Ziviler Ungehorsam kann da helfen: Man muss nicht jeden Idioten beim Bäcker bedienen. Und man muss nicht mit jedem Kollegen Mittagessen gehen. Man muss auch nicht jedes Arschloch im gleichen Fußball-Trikot der Dorfmannschaft auflaufen lassen, wie die Anständigen. Nicht jeder Faschisten-Großonkel hat Recht, bloß weil er ein Verwandter ist. Man muss nicht weiter zu einem Zahnarzt in Behandlung gehen von dem man weiß, dass er sich weigert, Flüchtlinge zu behandeln. Man kann auch einfach mal in zweiter Reihe vor einem dämlichen Rassisten parken. Man sollte alles, was legal ist, ausreizen, um denen zu zeigen, dass sie nicht dazugehören.

Es ist fast schon zu spät…

Und dann saß ich vor wenigen Tagen mit einem knapp vierjährigen Kind aus bestem und politisch korrektestem Hause in einem Berliner Garten. Für uns unsichtbar hinter der Hecke aber dennoch gut hörbar stieß irgendjemand sehr alkoholisiert laute, gutturale Verwünschungen aus – der obligatorische Sound eines Berliner Sommerabends. Das Kind blickte mich mit großen Augen an und sagte: „Das war ein Flüchtling.“…

Ich glaube, wir haben keine Zeit zu verlieren, um uns um die Sache und ihr langfristiges Gelingen zu kümmern. Das Kind droht in den Brunnen zu fallen.

Titelfoto: © Bengin Ahmad, Syrian Refugee. Via: https://www.flickr.com/photos/benginahmad/16654549000 is licensed under a Creative Commons license: CC BY-ND 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

2 Kommentare

  1. Robin Varcoe Antworten 3. September 2015 at 16:53

    Ich finde es gut, dass Sie die Problematik und die Herausforderung so klar definieren. Es ist so wichtig, dass Zeitungen, Zeitschriften und deren (Chef)Redakteuren sich unmissverständlich äußern.

  2. Pingback: Kultur beginnt im Herzen jedes einzelnen. * |

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