Rose_MikroThomas Fischer ist Richter am Bundesgerichtshof und Kolumnist für ZEIT ONLINE. Was wir am 21. Juni unter dem Titel „Frauenfilme zu Frauenwahrheiten und Frauenfragen“ lesen mussten, hat uns gleichermaßen entsetzt als auch wütend gemacht.

Fischer äußert sich in seiner Kolumne „Fischer im Recht“ zur ausstehenden Reform des deutschen Sexualstrafrechts in einem Ton, der Frauen wegen ihres Äußeren herabwürdigt, Gewalterfahrungen sexueller Art kleinredet und gesellschaftliche Missstände bezüglich dieses Themas als weibliche Hysterie abtut.

ROSEGARDEN Community-Mitgleid Regine Heidorn und ROSEGARDEN Redakteurin Lena Baseler im Gespräch über einen Mann, der als juristischer Experte in seiner Meinungskolumne sehr viel Diskussionsgrundlage bietet.

Lena: Regine, welcher Gedanke ist dir als erstes durch den Kopf gegangen als du Thomas Fischers Kolumne vom 21. Juni gelesen hast, in der er Gina-Lisa Lohfink als Mensch mit dem Beruf „Vorzeigen von dicken Silikon-Brüsten“ betitelt hat?

Regine: Da er Jurist ist nehme ich an, er könnte irgendeine Liste dafür parat haben, in der Berufe gelistet sind. Ich wäre sehr neugierig, welchen gesetzlichen Bestimmungen Menschen mit dieser Berufsbezeichnung unterliegen. Ich war schon versucht, beim Finanzamt nachzufragen, wie steuerliche Vergünstigungen für das Vorzeigen von Brüsten als Tätigkeit aussehen. Das wäre doch ein interessanter Nebenverdienst, den Menschen mit Brüsten quasi im Vorbeigehen mitnehmen könnten.

Interessanter finde ich allerdings, dass diese von ihm doch eher neutrale Berufsbezeichnung offensichtlich auch gleich verbunden ist mit dem Recht, dass nicht nur die Brüste auch berührt werden dürften. Das ist meines Erachtens nach im Vorzeigen allein ja noch nicht enthalten.

Lena: Herr Fischer setzt den Begriff Sexualdelikt bewusst in Anführungszeichen. Sind Ausdrucksweisen von Männern wie ihm einer der Gründe, warum Frauen sich auch im 21. Jahrhundert immer noch rechtfertigen müssen, wenn es um sexuelle Übergriffe geht? Schließlich ist er Jurist von Beruf und muss als Mann (Männer sind bekanntlich ja viel öfter von Sexualdelikten betroffen als Frauen) wissen worum es sich bei Sexualstraftaten handelt.

Regine: Frauen, die Juristen sind, könnten seine Interpretationspraxis teilen. Die Richterin im Falle Lohfink scheint da mit ihm auf einer Linie zu sein. Die Idee, dass Frauen prinzipiell mit anderen Frauen solidarisch seien, gehört wohl in eine Phase des Feminismus, die schon länger vorbei ist. Wenn das nicht eh schon immer eine eher romantische Vorstellung war. Tatsächlich bedient er sich hier einer rabulistischen Rhetorik, von der seine gesamte Kolumne geprägt ist. Er spricht zwar immer von sich als „dem Kolumnisten“, möchte sich aber gleichzeitig nicht mit der gemeinen Journaille gleichgesetzt wissen. Denn es ist ja nur ein persönlicher Gefallen, den er den LeserInnen tut, um sie juristisch aufzuklären. Das ergibt einen völlig verschrobenen Kolumnenstil, der im Gewand des Autoritätsarguments daherkommt. Das bringt die Angesprochenen automatisch in Rechtfertigungszwang.

Juristisch kann ich das natürlich nur laienhaft einschätzen, aber mich hat es gewundert, dass Fischer kein einziges Mal klar umreisst, was Vergewaltigung für ihn im juristischen Sinne eigentlich ist. Die Vergewaltigung in der Ehe zum Beispiel blendet er völlig aus. Ich frage mich, was in seiner juristischen Praxis überhaupt unter das Sexualstrafrecht fällt. Leider hat er seine kolumnistische Freiheit völlig ungenutzt gelassen, hier mal für Aufklärung zu sorgen.

Lena: Bist du der Meinung, dass Herr Fischer genau aus diesem Grunde in aggressiv lautem Ton seinen Kolumnentext geschrieben hat – bei dem man sich vor lauter Anführungszeichen fragt, ob er deren Bedeutung überhaupt kennt? Das Thema Vergewaltigung wird tatsächlich nicht deutlich. Dass es tatsächlich falsche Berichterstattungen bezüglich der aktuellen Debatte gibt, sei ihm gegönnt. Seine übermäßige Arroganz gegenüber Opfern (er nennt etwa Ministerin a.D. Müller-Piepenkötter, Vorsitzende des Weißen Rings, die „Leibwerdung des ehrenamtlichen Berufopfers“) wirft aber beim Lesen die Frage auf, warum ein Mann, der anscheinend große Aggressionsprobleme gegenüber Frauen hegt, ZEIT ONLINE in einer Rechtskolumne vertritt.

Regine: Auch wenn Fischer in meinen Augen in manchen Ausgaben seiner Kolumne Dinge gut erklären und auf den Punkt bringen konnte schafft er es anscheinend nicht, eine klare Abgrenzung zwischen seinen Rollen als Mensch, als Mann, als Feuilletonschreiberling und als Jurist zu finden. In diesem Rollenkonflikt setzt er eine Rhetorik ein, die Schopenhauer als Rabulistik entlarvt: Die Nutzung rhetorisch unlauterer Winkelzüge, die den Sprecher noch als Gewinner dastehen lassen, wenn ihm die inhaltlichen Argumente längst ausgegangen sind. Die Rabulistik hat jedoch mehr zu bieten als Autoritätsargumente, daher ist die Fischerkolumne rhetorisch eher langweilig gestaltet.

Ich glaube, dass ihm das selbst gar nicht so bewußt ist. Im Gerichtssaal mag ihm das helfen, aber in Sachen Kolumne bewegt er sich damit leider unter dem Mittelmaß, wie er es selbst definiert. Warum orientiert er sich nicht an Kolumnistinnen wie Margarete Stokowski oder Carolin Ehmcke, die bald den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekommt?

„Ja“, möchte man ihm zuraunen, „du hast das gut auswendig gelernt, damals während des Studiums. Aber die Zeit ist nicht stehengeblieben.“ Lena, du hast dir ja mal die Kommentare zur Kolumne angeschaut? Ich nehme nicht an, dass ein solcher Stil dazu angetan ist, interessante Kommentardebatten loszutreten?

Lena: Tatsächlich  findet man in den Kommentaren zu seiner Kolumne einige Menschen die ihm applaudierend zustimmen und in ihm so etwas wie den letzten Heilsbringer, der sich noch traut die Wahrheit zu sagen, wie Gina-Lisa hätte ja schließlich auch viel zu ihrem Image beigetragen. Ob Fischers Schreibstil der Richtige ist um ein solch sensibles Thema adäquat aufzuarbeiten, wage ich jedoch zu bezweifeln.

In seinem Text ist weiterhin zu lesen, dass die Zahl der Sexualdelikte in den letzten Jahren kontinuierlich abnehme und eine Reform des Sexualstrafrechts daher aktuell in seinen Augen eher fragwürdig ist. Ihm nach würden nur Sachverständige angehört, die sowieso pro Reform sind, alles andere wäre – wieder bei ihm in Anführungszeichen – ja frauenfeindlich. Wie siehst du die aktuelle Debatte, insbesondere in Verbindung zum aktuellen Lohfink-Fall?

Regine: Es gibt eben nur wenige Persönlichkeiten, die so kontrovers in verschiedene Richtungen denken können, dass es auch interessant ist, den Kommentaren zu folgen. Antje Schrupp etwa, die solche Kommentarstränge so respektvoll moderieren kann, dass es sich tatsächlich lohnt, den ganzen Windungen zu folgen. Eigentlich sucht ja die BILD eher nach den Mutigen, die eine Wahrheit aussprechen. Was ZEIT ONLINE dabei findet, ausgelutschte Narrative zu publizieren, die allzu fadenscheinig daherkommen, wird mir ein Rätsel bleiben.

Zur Zahl der angeblich sinkenden Sexualdelikte hat ihm eine Juristin im Missy Magazin geantwortet. Es fällt mir sehr schwer, eine Einschätzung der Debatte zu finden … Tatsächlich macht mich das alles einigermaßen sprachlos …

Lena: Zu allerletzt, was wünschst du Herrn Fischer für seine Zukunft?

Regine: Herrn Fischer etwas zu wünschen wäre mir zu persönlich. Aber vielleicht würde er sich nicht so quälen, wenn er doch einfach weiter in seinem juristischen Elfenbeinturm Spitzfindigkeiten hinterherjagen würde, die die Juristerei tatsächlich nennenswert voranbrächten anstatt sich mühsam in staubigem Schreibstil mit Frauen herumzuquälen, deren unverständliches Verhalten seiner Ansicht nach ja doch durch Hormone bereits vorbestimmt ist. Fehlt bloß noch, daß er die Hysterie wieder auspackt.

Vielen Dank für das Gespräch!

ze.ttMissy-MagazinStraight und ROSEGARDEN veröffentlichen unter der Aktion „Nein heißt nein“ verschiedene Inhalte rund um den Gina-Lisa Lohfink-Prozess und der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen.

 

Titelbild: AJEL via: https://pixabay.com/de/iustitia-rechtsprechung-rechts-677945/ is licensed under a Creative Commons license CC0. 

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