Rose KommentarWer die Täter der Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht sind und woher sie kommen, ist egal. Es geht um die Frauen. Ein Kommentar von Lena Baseler.

Man hört die Wutbürger unseres Landes schon wieder aus ihren rechten Ecken herauskriechen, leiser geworden in den letzten Wochen, um nun mit neuer Kraft in das Jahr 2016 zu starten. Da stehen sie und heben den Zeigefinger mahnend, dass es so kommen musste. Sie wussten es ja angeblich von Anfang an! Man muss sich aber ebenso über die Berichterstattung einiger Nachrichtenplattformen und Journalisten wundern. Es geht um die Vorfälle an Silvester am Kölner Hauptbahnhof. In der Neujahrsnacht wurden Frauen auf dem Vorplatz des Bahnhofs massiv sexuell belästigt und ausgeraubt, es wird von bis zu 100 Tätern gesprochen. Bis zum Dienstagmorgen gingen bei der Kölner Polizei 90 Anzeigen betroffener Frauen ein. Nach Augenzeugenberichten sollen die Täter „südländisch“ aussehen, arabisch oder nordafrikanisch.

Interessant an dieser sich im Moment überschlagenden medialen Debatte, bei der sich mittlerweile Bundesjustizminister Heiko Maas zu Wort gemeldet hat, ist, dass die Täter wieder zum Politikum gemacht werden und nicht die Tat an sich, bzw., dass die Möglichkeit einer solch zu verurteilenden Handlung  an öffentlichen Orten, wie eben dem Kölner Bahnhofsvorplatz, besteht. Der Täterkult siegt einmal mehr. Jetzt wird sich ausgemalt wie die Täter aussehen, wer sie sind und natürlich, ob dies nun ein neuer Meilenstein der Enthemmung sei.

Und schon haben die Rechten wieder eine perfekte Schlagzeile: Belästigung in diesem Ausmaße und dann sollen es mutmaßlich auch noch  Ausländer gewesen sein. „Das kann doch dann nur etwas mit den Flüchtlingen zu tun haben“, wird da mit schelmischem Grinsen in Nebensätzen artikuliert. Lesen würde bilden, scheint aber schwer zu sein und daher umgeht man einfach die offiziellen Angaben der Polizei, die nämlich besagen, dass einige der Täter schon lange polizeibekannte Trickbetrüger sind.

Es geht aber nicht um die Täter. Es geht um die Frauen. Die Frauen, die bedrängt, belästigt, angefasst und ausgeraubt wurden. Die Frauen, die jetzt mit den psychischen Folgen eines solchen Übergriffs fertig werden müssen. Da ist die Herkunft der Täter egal. Übergriff ist Übergriff, Aussehen und Nationalität des Täters egal, es ist in jedem Falle widerwärtig und ekelhaft und muss strafrechtlich verfolgt werden. Dennoch scheint im Gros die Dramatik um die Täter interessanter und ausschlachtenswerter, als eine fundierte Berichterstattung bei der es einmal mehr um die Opfer geht.

Rund 60 Prozent aller Frauen in Deutschland haben bereits die Erfahrung sexueller Belästigung erleben müssen. Mehr als jede zweite Frau, die einem auf der Straße entgegenkommt, wurde in einer Weise bedrängt, die die eigene Privats- und Schutzsphäre durchbrach. Liebe besorgte Wutbürger, Zugehörige rechter Parteigruppierungen und auch liebe ausgewählte Medienvertreter: diese 60 Prozent wurden in der Vergangenheit nicht nur  von „südländisch“ anmutenden Männern bedrängt. Es waren ebenso Täter, die deutscher nicht aussehen, sprechen und sein könnten. Ihr legt den Fokus falsch, kümmert euch jetzt um eine angemessene und respektvolle Haltung gegenüber den betroffenen Frauen. Ihre Strafe wird länger währen, als das durch den Richter ausgesprochene Urteil für die Täter.

 

Titelfoto: © Tom Page, Img_3501 Via: https://flic.kr/p/7p9zsg is licensed under a Creative Commons license: CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

1 Kommentar

  1. Kevin Antworten 7. Januar 2016 at 23:43

    Danke für diesen wunderbaren Artikel, der die Aufmerksamkeit weg vom populistischen Gehabe zum Wesentlichen lenkt! Danke!

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