Rose_GedankenSigmar Gabriel trifft im Willy-Brandt-Haus auf Susanne Neumann, Reinigungsfachfrau aus Gelsenkirchen, und bekommt von ihr sein Fett weg. Endlich wieder eine richtige Sozialdemokratin. Der Blick auf die Dinge.

20 Prozent nur noch. Das ergeben neueste Umfragen. Mehr Wahlberechtigte würden derzeit nicht ihre Stimme für die SPD abgeben. Für eine Volkspartei ist das zu wenig. Insbesondere in sozialen Fragen, womit die Partei sich klassisch in Verbindung bringen möchte, spricht man ihr die Kompetenz ab. Unangenehm, wenn man bedenkt, dass ich als kleiner Steppke beigebracht bekommen habe, dass die SPD die „Partei des kleinen Mannes“ sei. Das war jedoch vor der Agenda 2010 und dem Unding der Sozialdemokratie, dass Kapital weniger besteuert wird als Arbeit.

Auch die Kanzlerfrage ist immer noch nicht geklärt. In sechzehn Monaten ist Bundestagswahl. Da darf die SPD laut eigenem Verständnis nicht mehr bei aktueller Prozentlage herumrudern, sondern muss Wählerstimmen gewinnen. Also jetzt wieder die soziale Gerechtigkeit in den Fokus rücken um, wenn auch nur im Traum, an längst vergessene Wahlergebnisse eines Willy Brandts denken zu können. Da kommt bei einer Konferenz am Montag im Willy-Brandt-Haus eine Podiumsdiskussion mit einer Reinigungsfachfrau doch ganz gut. Volksnah, bodenständig, SPD-back-in-the-days-like. Dachte Gabriel sich.

Susanne Neumann aus Gelsenkirchen arbeitet, wie sie selbst sagt, als Putzfrau, ist bereits aus dem TV bekannt und hat ihr ganzes Leben lang keine müde Mark vom Staat bezogen. Seit vier Wochen ist sie SPD-Mitglied. Und hat sogleich dem Parteivorsitzenden vor versammelter Mannschaft die Leviten gelesen (siehe Video).

Warum sie jüngst in die Partei eingetreten ist? „Wenn die SPD weg is, ham wa ja überhaupt nichts mehr.“ Die Agenda 2010 umkehren, das ist ihre Vorstellung von den Sozialdemokraten. Bei der SPD wird diese ja interessanterweise oft als Erfolg dargestellt.

Frau Neumann sieht das nicht so. Gabriel kontert und fragt in vermeintlich locker väterlichem Ton: „Wir könnten das wieder ändern, wir haben das falsch gemacht. Aber die Schwatten machen das nicht mit.“ – „Warum bleibt ihr dann bei den Schwatten?“

Tosender Beifall und Gelächter in den Reihen des Publikums – bestehend aus SPD-Mitgliedern. Susanne Neumann hat Gabriels Koketterie mit ihr als Neu-SPDlerin, die aus dem Bauch heraus so viel mehr mit der Sozialdemokratie zu tun hat als Herr Gabriel, ad absurdum geführt. Sie bringt auf den Punkt, was viele anwesende SPD-Mitglieder sich wohl schon lange denken und jetzt mit losgelassenem Lachen, als würde man bei Nachbars beim Grillen sitzen, zum Ausdruck bringen.

Susanne Neumann hat gezeigt, wie einfach Politik sein kann. Aufstehen. Meinung äußern. Kritisch sein. Sie hat an diesem Montag dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel gezeigt, was ihm – der SPD – fehlt, um die Bundestagswahl zu gewinnen. Es sind Ehrlichkeit und Nahbarkeit. Frau Neumann, Reinigungskraft aus dem Pott, hat an diesem sonnigen Tag für ein paar Momente diese wieder in die Kathedrale der deutschen Sozialdemokratie zurückgebracht. Die SPD hat mit Susanne Neumann eine echte Sozialdemokratin gewonnen.

 

Titelbild: Screenshot via „Putzfrau fühlt Gabriel auf den Zahn: „Warum bleibt ihr dann bei den Schwatten?“, N24 Netzreporterin, Antje Lorenz. 

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