Rose_SportFür unser aktuelles Printmagazin mit dem Thema „Was ist Zeit?“ hat Wiebke Elbe sich ein paar Gedanken zu einer Uhr gemacht. Einer ganz besonderen Uhr nämlich: Der Stadionuhr des HSV. Eine Hassliebe.

Mit der neuen „Arena“, die für mich schlicht der alte „Volkspark“ in neuem Gewand blieb, war sie zu einem Heimspiel im Herbst 2002 plötzlich da. Schnell machte sie sich über die Grenzen der Hansestadt hinaus einen Namen. Die ganz spezielle Stadionuhr zeigt in digitalen Lettern an, wie lange der Hamburger Sportverein ununterbrochen als einziges Gründungsmitglied der Bundesliga eben dort Fußball zaubert, ackert und rumpelt.

Ich liebe diese Uhr. Sie bemisst ein wichtigen Abschnitt der ereignisreichen Geschichte meines Vereines. Es ist nun einmal so: Der HSV ist als einziger Club seit dem Start der bundesrepublikanischen 1. Liga mit dabei, jetzt die 53 Spielzeit. Punkt. Gleich den Berichten meines Vaters schlägt die Stadionuhr für mich die Brücke in eine Zeit vor der meinen. Ich war noch nicht auf der Welt, als Uwe Seeler für die Rothosen auf Torejagd ging und mit 30 Buden erster Torschützenkönig der Liga wurde. Meine persönliche Zeitreise mit dem HSV beginnt, als Seeler bereits Ikone im Ruhestand ist und für das Duftwässerchen Hattrick vorm Spiegel pfeift. Seitdem sind etliche Spielzeiten ins Land gegangen. Auf der Uhr da oben bleiben sie präsent. Das da oben sind auch meine Jahre, geprägt von vielen Erlebnissen und Emotionen rund um meinen HSV. Die Uhr dokumentiert nur nüchtern die Zeit, prägen müssen sie andere.

Illustration: Marc Trompetter

Illustration: Marc Trompetter

Ich hasse diese Uhr. Sie kettet meinen Verein an die Vergangenheit. Sie ist wie „Abi ’92“ für ewig aufs Auto geklebt. Brauchen wir das? Ständig reden wir beim Hamburger Sportverein über unsere ruhmreiche Bundesligahistorie. Nur ist davon nicht sonderlich viel übrig geblieben. Je länger der HSV im Oberhaus spielt, desto mehr mittelmäßige und schlechte sind unter den mittlerweile über 52 Jahren. Es ist peinlich, dass wir diesen Umstand derart abfeiern.

Wenn der HSV mit ein paar Jahren weniger auf der Uhr unterwegs wäre, dafür aber mit einem Meisterstern mehr auf dem Trikot, könnte ich damit bestens leben. Wir sind verkommen zu so etwas wie dem großkotzigen alten Großonkel, der einst steinreich war. Längst hat er alles verzockt. Er lebt auf Pump. Bei jeder Familienfeier holt er die abgegriffenen Fotos raus von seinem verpfändeten Haus, seinem verscherbelten Auto und der abgewrackten Yacht. In endlosen Litaneien erzählt er dem Nachwuchs, „wie man es zu Etwas bringt im Leben“. Der Nachwuchs rollt mit den Augen: „Lass stecken, Onkel. Wir sind längst erfolgreicher als Du je warst und jemals wieder sein wirst.“

Als mein HSV zum Ende der letzten Spielzeit das zweite mal in Folge auf dem Relegationsplatz stand, dachte ich bei mir: ‚Vielleicht ist es an der Zeit. Vielleicht ist unsere Zeit abgelaufen. Wenn wir jetzt runtergehen, dann motten wir die Uhr ein und fangen eine neue Zeitrechnung beim HSV an. Eine, in der wir vom Fan auf der Tribüne bis zum Spieler auf dem Platz endlich im Hier und Jetzt leben und nicht mehr mit dem Herz im Gestern und dem Kopf im Morgen.

Wir werden mehr Demut üben und erst mal machen statt zu sabbeln.‘ Dann lief das Rückspiel der Relegation in seinen letzten Minuten – mit all dem, was der Fußball an Wahnsinn zu bieten hat. Ich stand auf einem Kneipenstuhl, schrie „Leckt mich!“ und in meinem Kopf sah ich die Uhr.  ‚Sie läuft weiter! Wir werden sie nie los. Und Ihr uns auch nicht.‘

 

Illustrationen: © Marc Trompetter, freier Illustrator und Künstler aus Hamburg. Mehr Informationen unter http://www.kimoh.de/

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