Rose Kommentar„Die Generation Y hat sich nie für Politik interessiert.“, verkündete in der vergangenen Woche der alte, weiße Mann Edzard Reuter. Und hat damit eine ziemlich beschränkte Weltsicht offenbart. Denn ganz so einfach ist es nicht, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann.

Gestern fragte man mich, anlässlich der Kommunalwahlen in Hessen am vergangenen Sonntag, wen ich denn jetzt im Falle des Falles wählen würde. Natürlich mit Blick auf die Wahl für das Abgeordnetenhaus von Berlin im September.

Meine Antwort fiel mager aus. Sie fiel mager aus, weil ich einerseits niemandem erzählen muss, wen ich wähle. Sie fiel andererseits noch magerer aus, weil ich tatsächlich gerade Schwierigkeiten habe, mein Herz und meinen politischen Verstand miteinander sprechen zu lassen. Heraus kommt eher ein Dialog zweier an der Bushaltestelle wartenden und lallenden Nachteulen, die die ganze Nacht durchgefeiert haben. Wortkarg und sediert.

Was ist der Grund für diese Unentschlossenheit? Bedeutet eine zeitweilige Orientierungslosigkeit innerhalb der politischen Parteiensphäre eine absolute unpolitische Haltung und ausgeprägtes Desinteresse? Nicht nur ich bin gerade etwas ratlos, was oder wohl eher wen ich als politische Galionsfigur wählen soll. Einige Menschen in meinem Umfeld (ja, zugehörig zu den grünschnäbligen Youngsters) sind gerade, sagen wir mal, etwas abgeturnt vom derzeitigen Parteienheiratsmarkt. Bedeutet das dann aber in der Konsequenz, dass wir jungen Menschen in Gänze unpolitisch sind? Weil wir nicht alle mit brennenden Herzen bei den Jusos das Amt des Kassenwarts bekleiden oder wöchentlich Blockaden bei Demonstrationen bilden? Natürlich ist das irgendwie eine rhetorische Frage meinerseits, ich studiere Politik und bin auch mal so arrogant, sagen zu können, dass ich ein bisschen politisches Nice-to-know vorweisen kann. Wenn ich denn Bock habe.

Dennoch, ich habe letzte Woche einen Artikel auf ZEIT Online gelesen, in dem der ehemalige Daimler-Vorstand Edzard (ja, wirklich so geschrieben) Reuter diesen sehr anmaßenden Satz äußerte:

„Die Generation Y hat sich nie für Politik interessiert.“

 

Bla bla bla. Bullshit. Dieser Satz hört sich so an, als würden junge Menschen nur auf ihrem Smartphone Candy Crush spielen.

Wie ich ja ganz am Anfang meiner kleinen Reihe hier, oder auch glamouröser genannt „Kolumne“, bemerkte, mag ich den Begriff Generation Y nicht. Ausgehend von der Reuterschen Annahme, dass es diese eine Generation Y wirklich gibt und sie sich per se nicht für Politik interessiert, ist die These ganz schön frech. Ich finde es immer beachtlich, wenn Personen jemanden und etwas kategorisieren, ohne auch nur theoretisch jemals Teil dieser Gruppe gewesen sein zu können. (Herr Reuter ist Jahrgang 1928, also 88 Jahre alt.) Ich denke nicht, dass sich die Generation Y (oder einfach mal die „etwas jüngeren“ Menschen als Herr Reuter) niemals nie für Politik interessiert haben. Auch wandert meine Augenbraue nach oben bei der Feststellung, dass die Generation Y nicht wirklich krisenerprobt sei.

Ich habe meinem Unmut dann auch gleich ein bisschen Freiraum gelassen und ZEIT Online auf Twitter angepöbelt, dass dies totaler Quatsch sei. Herrn Reuter habe ich leider nicht gefunden um ihn direkt auf Twitter kampfeslustig anzumeckern. Doof ist es dann bloß immer, wenn ich mal anfange Stunk zu machen, ich mich super dabei fühle und doch keiner reagiert. Weil ich wahrscheinlich ein Zierfisch im Twitterbecken bin. Ich habe dort nur 58 Follower. Und ZEIT Online andere Probleme als mich. Die, die sich persönlich angegriffen fühlt, als unpolitisch verurteilt zu werden. Um mich sodann – ganz typisch Generation Y –  politisch in den Twitterkampf zu werfen. Generation-Y-Problem at its best.

Zurück zum Thema. Ich stimme Herrn Reuter nicht zu, dass die Generation Y sich niemals für Politik interessiert hat. Tatsächlich kann man den Bogen natürlich spannen und feststellen, dass insbesondere die Wahlbeteiligung junger Menschen bei regionalen, sowie auch überregionalen Wahlen dramatisch niedrig ist. Und ich gebe auch zu, dass es in meiner Generation ziemlich viele wirklich beschränkte Flachpfeifen gibt, die trotz ihres jungen und eigentlich noch so vor Energie triefenden Alters aus „Der Staat ist ja sowieso scheiße!!!!“-Gründen nicht wählen gehen oder eine Wutwahl in Richtung AfD absolvieren. Diese Menschen findet man aber ebenso in anderen Generationen.

Wen Reuter hier wahrscheinlich als an der Politik desinteressiert demaskieren will, sind Menschen, die sich dem Wort „Lügenpresse“ oftmals mehr zugehörig fühlen, als unseren demokratischen Grundwerten. Diese Gruppe von Menschen gibt es und sie ist entschieden zu groß. Sie ist aber nicht die Generation Y oder gar die Zukunft unseres Landes.

Ich möchte ebenfalls anführen: Auch wenn sich junge Menschen nicht wirklich  durch die eine Partei abgeholt fühlen, muss dies in der Konsequenz nicht bedeuten, dass die Generation Y unpolitisch ist. Es gibt genug Studien, die das belegen. Selbst ich: jung, gut aussehend, … Kleiner Scherz am Rande. Also jung, politisch nicht ganz ungebildet und eben auch interessiert, habe eben Probleme meine politische Heimat zu finden und meiner Stimme Ausdruck zu verleihen. Ohne dass ich deshalb meine Wahlstimme jemals vergeuden würde.

Und ich behaupte kühn: Es geht vielen Y-lern so. Unpolitisch und desinteressiert sind wir deshalb aber nicht.

Nicht jeder junge Mensch interessiert sich nicht für Politik. Unpolitische Menschen interessieren sich nicht für Politik. Unpolitisch kann man mit 18, 30, aber eben auch mit 88 Jahren sein. Dennoch danke für die Inspiration für diesen Text, Edzard!

 

Titelfoto: © Stocksnap. Via: https://pixabay.com/de/m%C3%A4dchen-frau-iphone-mobil-925284/

 

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