rose denkblaseLena Baseler ist 23 und schreibt über ihre Sicht auf die Welt. Diese Woche über die Feststellung älterer Mitbürger, dass sie ja noch sehr viel Zeit habe. Teil 2 unserer wöchentlichen Reihe „Der Blick auf die Dinge“.

„Komm, du hast ja noch Zeit. Bist doch noch jung.“ Ach ja? Habe ich Zeit? Wofür denn? Bis der Ernst des Lebens beginnt oder gar bis zu meinem Tod? Oftmals bleibe ich etwas ratlos zurück, wenn mir wieder jemand augenzwinkernd prophezeit, dass ich noch so viel Spannendes erleben werde.

Man spricht in diesem Kontext ja anscheinend immer über Erfahrungen machen. Schlechte Entscheidungen treffen gehören wohl dazu. Sich in jemanden zu verlieben, der die Entscheidung getroffen hat, sich nicht in dich zu verlieben. Man also trotz hormoneller Höchstleistung nur im Kopf eine Bilderbuchbeziehung eingegangen ist – super Erfahrung. Oder Schulden machen. Auch eine eher schlechte Entscheidung. Obwohl man dann wenigstens eine innige Beziehung zu der Bank des Unvertrauens aufbauen kann.

Wofür hat man denn, wenn man das „Du bist doch noch jung“-Prädikat unsichtbar auf die Stirn tätowiert bekommen hat, wirklich Zeit?  Es sollen gesellschaftlich definiert ganz gönnerhaft schöne Erfahrungen sein. Reisen zum Beispiel, für den eigenen Horizont und so. Weil einen Reisen von der Masse abhebt. Natürlich mögen 98 Prozent der westlich privilegierten Zivilisation das Reisen. Ich schlafe schon beim Zuhören dabei ein, wenn jemand mir erzählt, dass er Reisen eher als ernst zunehmendes Hobby, denn als Interesse sieht. Aber eigentlich hört es sich total gut an. Weltgewandt, offen, JUNG!

Da muss ich mich doch angesprochen fühlen, wenn etwas jung ist. Ich soll mich austoben, damit ich mich selbst finden kann. Schließlich haben wir Postwendekinder, ich zitiere: „Alle Möglichkeiten der Welt!“. Menschlich, in der Uni und auch sonst wo. Die Frage ist doch bloß, ob ich das alles wirklich will: Mein Leben, solange ich noch jung bin und „Zeit habe“, als großes Experiment zu sehen.

Vielleicht will ich mich ja gar nicht bis ich hart an die 30 kratze (Da fängt dann der Ernst des Lebens an und man hat keine Zeit mehr, oder? Frage an euch.) ausprobieren und mich weiterhin in einem Seinszustand befinden, der einem Lebensideal hinterher jagt, von dem ich nicht einmal weiß, was dieses Ideal eigentlich ist. Sich in einem zeitgefüllten Vakuum befinden, in dem man zwar geschützt durch das Jungsein keinen Zeitdruck empfindet, aber irgendwie auch nicht wirklich vorankommt.

Dieses „Du bist ja noch jung“ ist manchmal anstrengender als man glaubt. Leise ins Ohr wispernd, dass ich mit Erlaubnis der Gesellschaft noch mal richtig wild sein darf. Irgendwie ist es doch gar nicht so aufregend, wie es sich erst einmal anhört. Aber ich habe ja noch Zeit dazu, mich hinter dem „Ich habe noch Zeit“ zu verstecken. Reisen, Verlieben, Schulden machen. Obwohl ich immer noch nicht den Unterschied zu Menschen sehe, die mir das sagen. Meiner Meinung nach haben die nämlich auch noch Zeit zum Reisen, Verlieben und Schulden machen. Es hört sich dann vielleicht einfach weniger unschuldig an.

Möglicherweise bin ich doch spießiger, als es mein Alter zulassen sollte und gar nicht so sehr Generation –  Y – Ich – sehe – das – Leben – als – große – Party – wohoooo. Ich stehe zugegebenermaßen ein bisschen darauf, ungefähr zu wissen, was ich in der nahen Zukunft machen möchte. Das nennt man Sicherheitsdenken. Klingt ziemlich unsexy, wenn man noch jung ist. Dennoch, ich habe bisher weder tausend Mal mein Herz verschenkt, noch mit Geld um mich geschmissen und auch keine Weltreise gemacht, um mich selbst zu finden. „Siehste“, werden sich da einige denken, „geht ja auch gar nicht, die hat ja noch Zeit, die wird sich noch umgucken!“ Aber eigentlich finde ich mein Leben gerade ganz okay, vielleicht auch weil ich noch so viel Zeit habe Zeit zu haben.

 

Titelfoto: Via https://pixabay.com/de/prost-getr%C3%A4nke-alkohol-zu-trinken-839865/

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