Rose LandkarteDer Blogger Kevin Junk, laut Deutscher Welle „One of Germany’s most prominent gay bloggers“, wird künftig auch für ROSEGARDEN schreiben. Wir freuen uns sehr. Zu Beginn dieser Zusammenarbeit veröffentlichen wir einen Schriftverkehr zwischen ihm und ROSEGARDEN Chefredakteur Mario Münster, in dem beide in den Lebensabschnitt des jeweils anderen blicken.

Am 24. November schrieb Mario an Kevin: „Mein Look verändert sich seit zwanzig Jahren nicht.“

„Kevin, ich freue mich sehr über die nun beginnende Kooperation zwischen Dir und ROSEGARDEN. Wir haben ja festgestellt, dass uns die gleichen Themen umtreiben. Bloß, du blickst von diesseits der Dreißig darauf und ich  von jenseits der Dreißig. Es gibt sicher viele Schnittmengen. Aber wir haben uns eben nicht in der Schlange vorm Berghain kennengelernt, weil ich da noch nie war. Und niemals reinkommen würde.

Mein Look verändert sich seit zwanzig Jahren nicht. Karierte und gestreifte Hemden hab ich mir in der Pubertät bei meinem Großvater abgeguckt. Damit war ich immer mal wieder cool. Gemeinsam mit Grunge und nun seit ein paar Jahren wieder. Den Bart hab ich auch schon, seitdem er mir wächst und meinen Schreibtisch aus grobem Holz liebe ich vermutlich, weil ich mit 15 mal ein Praktikum als Zimmermann gemacht habe und grob gesagt im Wald aufgewachsen bin. In deinem Blog hab ich jetzt allerdings gelernt, dass mein Stil einen neuen zeitgemäßen Namen hat. Angeblich bin ich Lumbersexuell. Himmel, ich finde, das klingt irgendwie schmutzig.

Aber OK… mich treibt eigentlich ein ganz anderes Thema um. Immer wieder hab ich mit Menschen zu tun, die wie du Mitte zwanzig sind. Und zu denen es keine große kulturelle oder intellektuelle Distanz gibt. Es ist nicht anders als mit meinen Mittdreißiger Freunden zu sprechen oder zu trinken (gut, ihr seit schneller wieder auf den Beinen). Was mich aber nicht loslässt, ist ein Gefühl. Dass es diesseits der Dreißig noch vor allem darum geht, Dinge zu gewinnen und zu erobern. Wohingegen man jenseits der Dreißig schon stark damit beschäftigt ist, Dinge, die man mal gewonnen hat, nicht wieder zu verlieren: Beziehungen, Jobs, Freunde. Man verliert Risikobereitschaft. Glaubst du das stimmt? Oder ist das eine meiner irren Theorien?“

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Mario Münster; fotografiert von Tabea Mathern; www.tabeamathern.de

Am 27. November schrieb Kevin an Mario: „Kommt mehr Gelassenheit auf mich zu?“

„Ich freue mich auch, Mario! Wir hätten uns durchaus in der Berghain-Schlange kennenlernen können, wenn du vielleicht ein größerer Freund der elektronischen Musik wärst. Diesseits der Dreißig gibt es, und darum beneide ich Menschen, die schon auf der anderen Seite sind, noch viele Unsicherheiten. Natürlich hat man schon viel erlebt und einiges nicht zum ersten Mal, aber dennoch gibt es da drüben eine Gelassenheit, die mich an Menschen in meinem Alter manchmal freuen würde (an mir auch). Ist dann das, was du Risikobereitschaft nennst, vielleicht Naivität? Sollte ich das anders beurteilen? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Aber was ist so schlimm daran, die richtigen Freunde gefunden zu haben, sich um sie zu kümmern und auch die Karriere, die man eingeschlagen hat, zu verfolgen? Solange man sich die Flexibilität bis zu einem gewissen Grad beibehält, klingt das alles sehr erstrebenswert für mich. Da spielt jetzt auch der Lumbersexuelle wieder rein: das sind Dinge, die sich nur in den Medien abspielen, aber zugleich dann doch wieder auf etwas verweisen: die Gruppendynamik und die Trendgesteuertheit. Vielleicht ist dir deswegen das Berghain eingefallen, weil das jetzt so ein Fokus-Ort geworden ist, der über sich selbst hinaus weist und als Mahnmal der Individualität und des Zeitgeists vor sich hin brummt.

Eine Sache aber macht mir Angst, und die sehe ich in meinem Umfeld langsam kommen: die Geister scheiden sich. Wer ist wirklich kritisch, wer eigentlich doch schnell gezähmt? Der Eintritt in den Lebensabschnitt nach 25 kommt mir vor, wie ein Moment der Wahrheit. Ist das vielleicht einfach nur das Erwachsenwerden und ich dramatisiere das? Kommt wirklich mehr Gelassenheit auf mich zu, da drüben?“

Foto: Miguel Jara Yurazeck

Kevin Junk; fotografiert von  Miguel Jara Yurazeck; www.migueljara.de

Am 1. Dezember schrieb Mario an Kevin: „Gelassenheit ist das Produkt von allem Auf-die-Fresse-fallen.“

„Oh ja, Gelassenheit. Das ist eine gute Sache. Ja, vielleicht ist hier bei uns mehr Gelassenheit. Stärker das Gefühl, dass man sich selbst und anderen nicht mehr so viel beweisen muss, um was zu gelten. Oder sogar: Dass es gar nicht wichtig ist, was zu gelten, wer zu sein. Vielleicht ist das auch einfach mehr Selbstbewusstsein, das Wissen, dass man es jetzt schon 35 Jahre geschafft hat ohne völlig irre zu werden oder zu verhungern.

Du sprichst den kritischen Geist an. Das finde ich schwierig zu beurteilen. Klar, ich kenne all die Studien und Berichte über Haltung und Einstellungen von Menschen Mitte Zwanzig und da ist viel von Pragmatismus die Rede. Gleichzeitig denke ich dann an meine Freunde und Bekannten Mitte Zwanzig und die sind alle kritisch, hinterfragen, nehmen nicht alles hin. Das ist wohl schwer zu verallgemeinern und eine Frage, die sehr stark zwischen verschiedenen Milieus variiert.

Und zum Thema Risikobereitschaft und Naivität – ja, vielleicht ist das Naivität. Aber weißt du was, diese Naivität und ihre Folgen sind der Nährboden, auf dem die Gelassenheit hier bei uns wächst. Die Gelassenheit ist das Produkt von allem auf-die-Fresse-Fallen und allem Großartigen, was du gemacht hast. Und Naivität ist auch was Gutes. Sie lässt Dinge entstehen, sie hat, wenn man sie weniger kritisch konotiert ist als üblich, eine berauschende Kraft.

Du siehst, wir stehen hier an so einem Zaun bei unserem virtuellen Plausch, blicken jeweils auf die Wiese des anderen und es ist die klassische „the gras is always greener“ Sache. Ich will nicht tauschen, nicht wieder zurück. Aber „best of both worlds“, das wäre was. Insgesamt glaube ich, dass solche Gedanken auch stark von unserem Wohnort Berlin beeinflusst sind. Wenn du jeden Tag mit so vielen spannenden Lebensentwürfen und deren Vermarktung in sozialen Medien konfrontiert wirst, kommst du in einen Zustand, in dem du permanent dein eigenes Leben überprüfst und mit dem der anderen abgleichst. Siehst du das auch so?“

Am 8. Dezember schrieb Kevin an Mario: „Lass uns schwarze Schafe sein.“

„Wenn wir da also so an unserem Zaun stehen, da fällt mir eins auf: unser Gespräch errechnet sich aus zwei Achsen. Die eine ist das Dies- und Jenseits einer Altersgrenze, das andere ist allerdings, viel tragender: die Zeit, in der wir gerade leben.

Der Zeitgeist, den wir beide atmen, egal welchen Alters, der ist es, der uns zum Schreiben bringt. Die Notwendigkeit auszudeuten, was gerade um uns herum passiert, was uns tagtäglich umgibt, ist es, was unsere Magazine bzw. Blogs antreibt. Dieses kulturelle Kaffeesatz-Lesen, gerade da sehe ich ein, wie du es so schön nennst, „best of both worlds“. Denn so sehr sich unsere individuellen Perspektiven auf unsere Leben unterscheiden mögen, am Ende ist der Pudel, dessen Kern wir suchen, in der Gegenwart zu finden. Wir hier mit unserer Naivität und Risikofreude, ihr da mit eurer Gelassenheit, wir alle stehen vor den gleichen Herausforderungen.

Jetzt kann ich die sozialen Medien und die vielen Lebensentwürfe einflechten, die du eben ansprachst. Bereits als Teenager ist das schon auf mich eingeprasselt, da kommt mir meine Ontogenese vielleicht zu gute, denn auf meinem Lebensweg hat die Digitalität recht früh eingesetzt. Ich hab die Vermarktung meiner Persönlichkeit schon früh lernen müssen, entweder weil ich mich durch meinen Musikgeschmack oder andere Hobbies auf entsprechenden Portalen wie Myspace präsentiert habe, oder beim Onlinedating, das zwar erst ab 18 freigegeben war, was mich aber damals nicht interessierte.

Rückblickend gab’s für mich in den 00er Jahren also verschiedene soziale Medien für verschiedene Anlässe (Musik, Sex, Clubbing, Uni) – Facebook ist da eigentlich nur die Zusammenführung all dieser Prozesse in ein großes Netzwerk, in das jetzt alle eintreten, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, ihrem Musikgeschmack oder Ausbildung. Tauschen wir da vielleicht die Rollen? Uns bleibt kein Platz das hier auszuführen, aber das zeigt doch, wie sehr wir von der phylogenetisch-weltgeschichtlichen Prägung abhängen und wie wichtig ein Dialog zwischen uns ist, denn wir betrachten die gleiche Welt zuweilen aus verschiedenen Perspektiven, ohne dass vorhersagbar wäre, was der andere denkt. Lass uns schwarze Schafe sein und über den Zaun springen, hinein in den Rosengarten, hinein in euer kleines Imperium für Geschichten.“

4 Kommentare

  1. Regine Heidorn Antworten 11. Dezember 2014 at 12:10

    Hi Mario, Du diesseits-Vierziger! Ich schreibe Dir als Jenseits-Vierzigerin und kann Dir versichern, daß der Spaß erst so richtig anfängt, wenn man merkt, wie gut es ist, dauernd etwas zu verlieren, nicht mehr darum kämpfen zu müssen, etwas zu behalten, weil man weiss, daß die Dinge ohnehin ihren Lauf nehmen. Und, das ist das Beste daran, dieser Lauf der Dinge (in Anlehnung an Fischli/Weiß) oft noch viel Besseres mit sich bringt, als man sich diesseits der Vierzig so ausmalen könnte 😀
    Ansonsten meine Props – ich bin wohl auch schon lumbersexuell seit ich denken kann, egal, ob das gerade hip oder cool ist. Ist mir aber eigtl auch ziemlich egal.

    • Mario Münster Antworten 11. Dezember 2014 at 12:27

      Wo ich das so lese, merke ich, dass es noch spannender gewesen wäre auch dich in den Briefwechsel zu integrieren;) Vielleicht machen wir da ne Fortsetzungs-Geschichte mit;)

  2. Regine Heidorn Antworten 11. Dezember 2014 at 12:49

    Ja, büdde, ich bin auch ein schwarzes Schaf und scheitere dauernd daran, daß ich immer zwischen allen Stühlen sitze. Ich kann daher noch nichtmal über Zäune springen. Trinken wir mal einen Wein zu dritt?

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