Rose Kranich ReiseUnd was willst du mal werden? Unsere Autorin Lena Baseler hat genug von super-schlauen Fragen und beschwert sich.

Da ich letztens einmal wieder gefragt wurde, was ich denn jetzt nach meinem baldigen Bachelorabschluss mit meinem Leben anfangen wolle, und ich (mal wieder) keine explizite Antwort geben konnte, möchte ich mich beschweren.

Ich will niemandem zu nahe treten, aber es ist wahnsinnig ätzend auf noch ätzenderen Zwangszusammenkünften wie Geburtstagen oder Feierlichkeiten  gefragt zu werden, ob man denn nun Kanzlerin werden will, wenn man Politik studiert. Das ist ungefähr so wie: Willst du Papst werden, weil du Religionswissenschaften studierst? Ich frage ja auch nicht meinen sich selbst ernannten Supervisor und Gesprächsmentor, wann die nächste Karriereleiter in Angriff genommen wird, wäre ja mal wieder Zeit.

Thema Generation Y. Y, why, wieso, weshalb, warum mache ich das alles, also studieren und jobben und im stresslosen Stress ersticken? Das habe ich mich um ehrlich zu sein gar nicht so oft selbst gefragt, sondern ich wurde gefragt. Da dann ein schlichtes, aber für mich dennoch überzeugendes Argument  wie: „Weil mich das interessiert und es Spaß macht“ oftmals eher ein gequält-gekräuseltes Zweisekunden-Lächeln bei mir hervorgerufen hat, habe ich schnell gemerkt, dass diese vielleicht ehrliche Antwort nicht zur allgemeinen Befriedigung der Konversationsrunden geführt hat. Spaß ist halt auch so eine Sache im Leben… lieber in Maßen genießen, ehe das womöglich in dieses verrückte Hippietum abdriftet.

Im Kreuzverhör des Mittelstandes

Doch warum kommt es denn überhaupt zu jenen Situationen, in denen man sich im Kreuzverhör des gesetzten Mittelstandes vermutet? Ich kann wahrlich nicht sagen, wie das vor zehn, geschweige denn dreißig Jahren war. Vielleicht wurden die damals Anfangzwanziger auch mit irgendwelchen unangenehmen Fragen in den Mittelpunkt des Geschehens katapultiert. Dennoch habe ich die Vermutung, dass vor allem im Laufe der Bachelor- und Masterdebatte sich das allgemeine Bild des Studenten gewandelt hat. Man sollte Abi mit spätestens 18 machen, dann drei Jahre Bachelor (davon bitte noch ein Semester im Ausland studieren, um seine Multifunktionalität auf dem zukünftigen globalisierten Arbeitsmarkt schon einmal unter Beweis stellen zu können), abschließend schnell einen bilingualen Master. Vielleicht in London oder Paris, das klingt jedenfalls schon echt kosmopolitisch.

Ich möchte hier kein Pamphlet veröffentlichen, das suggerieren will, dass ich mich aktiv für Langzeitstudenten mit vollem Recht auf Bafög einsetze. Das Mittel muss gewahrt werden. Natürlich gibt es Unterhaltungen, die einen bestätigen, dass es okay ist, vier Jahre seinen Bachelor zu studieren, aber irgendwie kauft man das dann den District Deputy Managern und Business Directors, mit einem Jahreseinkommen von umgerechnet zirka 40.000 Mensamittagessen, nicht so ab.

Uniformierte Farblose

Zur Verteidigung aller, die ebendiese Frage des „Was willst du denn später mal so machen?“ gefragt haben: Ein bisschen kann ich euch verstehen. Man steige in die U-Bahn ein, am besten in Uni- oder Bibliotheksnähe und beobachte Studenten. Dir wird eine Horde uniformierter Farbloser auffallen. Smartphone in der Hand, verdammt saubere Sneakers und irgendwie wiederholt sich das Bild von Studentin zu Student.

So etwas wie kritisches Nachfragen, irgendwie auch mal dagegen sein was der Professor sagt, findet man selten. Bloß nicht im Seminar auffallen, keine Fragen stellen, nicht argumentativ eine Gegenposition verteidigen. Lieber eine nette Note zwischen sehr gut und gut einstreichen, durch einfache Replikation dessen, was der Dozent im letzten Semester von sich gab, da weiß man was man hat. Kosten-Nutzen-Effekt eben. Danach nach Hause, Facebook und ein bisschen Onlinemedien lesen, abends dann körperliche Optimierung im Sportstudio oder gleich ab in die Bar deines Vertrauens. Das Unangenehme dieses Portraitierens des allgemeinen Studenten ist für mich hierbei: Qua dieser Definition gehöre ich in großen Teilen auch dazu, vielleicht mit dem Unterschied zum Gros meiner Mitschafe, dass ich mir dessen leider in Teilen bewusst bin und meine Sneakers nicht mehr ganz so sauber sind.

Bye Bye, Individualismus

Ob genau dieses progressive Langweiligsein eine Folge des gesellschaftlichen Drucks ist, kann ich nur vermuten. Nivellierung der jungen Gesellschaft durch Reizüberflutung der Werbeindustrie und Proklamation eines perfekten Menschens via Internet und Medien. Die Technologisierung in der privaten Sphäre hat zur Glättung der menschlichen Kanten geführt. Selbstdarstellung durch Statussymbole macht dann leider doch auch manchmal Spaß, insbesondere wenn man eben noch nicht weiß, welchen Hafen man in Zukunft anlaufen will. Vielleicht hat sich aber die Generation Y den Gepflogenheiten des schnellen „Fertig-Seins“ und gesellschaftlichen Erwachsenwerdens so angepasst, dass kritische Selbstreflektion und Individualismus dabei auf der Strecke bleiben.

Ebenda kann ich dann an oben beschriebene Frage anknüpfen. Vielleicht generiert sich die Hassfrage aller Fragen an Studenten, nämlich die „Was willst du denn nun später mal machen“, aus dem Verantwortungsgefühl meiner bereits im Berufsleben verankerten Mitmenschen. Jener, die noch im Schnitt waren, wenn sie ihren Magister nach sechzehn Semestern erfolgreich bestanden haben. Jener, die noch Zeit zum Fragen und Nachdenken hatten und die oberflächliche Entwicklung der heutigen Generation mit Argwohn beobachten. Man gebe meiner Generation einfach auch ein paar Jahre mehr zum Nachdenken. Facebook und saubere Sneakers sind dann vielleicht schon passé und man weiß, wo das alles (also studieren, jobben und betrinken) hinführen soll. Möglicherweise ist ebendiese Frage ja auch eine gut gemeinte Animation, statt eine Malträtierung. Sie nervt halt trotzdem und ist im Umkehrschluss genauso langweilig und oberflächlich wie der Durchschnittsstudent aus dem Jahre 2014.

Titelfoto: Class of 2013 UNC Graduates, Copyright: Evonne, https://flic.kr/p/eVHg43

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