Rose KommentarWas ist eigentlich deutsch? Orientierungslos in allen Haltungsfragen wabert Deutschland durch bemerkenswerte Monate. Ein paar Gedanken…

Was verbindet eigentlich die großen und dramatischen Themen der vergangenen Monate und der bisweilen beängstigende öffentliche Umgang mit ihnen? Ich musste eine Weile nachdenken. Dann wurde mir klar: Über allem steht die Identitätskrise eines ganzen Landes. Was ist eigentlich Deutschlands Identität? Wer sind wir? Und wer wollen wir sein? Was ist deutsch?! Mein Eindruck: Deutschland pubertiert, es ist auf der Suche nach sich selbst.

In Marken- und Corporate Identity Workshops mit Unternehmen gibt es eine beliebte Übung: Die Workshopteilnehmer sollen sich vorstellen, die Tür geht auf und wer oder was zur Tür reinkommt ist die personifizierte Identität des Unternehmens. Wer würde da eigentlich über die Türschwelle treten, wenn es darum ginge, die Marke Deutschland zu bestimmen? Merkel? Schweinsteiger? Schiller? Schweiger? Reschke? Seehofer?

Hetzen, Selbsthass, Rückzug?
Ja, das klingt nach Deutschland 2016

Deutschland und die Deutschen suchen sich selbst. Mit vielen aus der Pubertät bekannten Begleiterscheinungen: Man probiert sich in merkwürdigen Extremen aus (gegen Flüchtlinge hetzen oder Flüchtlinge mit Applaus begrüßen), rottet sich in Peer-Groups zusammen (Pegida, AfD), man zieht sich zurück und bleibt schön in der eigenen Meinungs-Komfortzone (Schweigespirale der satten deutschen Mitte), entwickelt einen gewissen Selbsthass (man schämt sich deutsch zu sein) oder leugnet („Wie im Vorjahr verliefen die meisten Silvesterfeierlichkeiten auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen friedlich.“).

Provozieren, sich verstecken, mit sich selbst nicht klar kommen, Angst vor der Wahrheit haben? Ja, das klingt ein wenig nach Deutschland im Winter 2016. Coming of Age einer der stärksten Industrienationen der Welt, Heimat der angeblich mächtigsten Frau auf diesem Planeten, Fußball- und Exportweltmeister und trotzdem als Ganzes irgendwie orientierungslos bezüglich der Frage mit welcher Haltung wir den Herausforderungen unserer Tage begegnen sollen. Stoisch? Kühl analytisch? Ängstlich? Optimistisch? Pragmatisch? Merkelesque?

Wir fragen immer nur:
Was kostet das? Was bringt uns das?

Die Frage was deutsch und demnach deutsche Identität ist, musste nach 1945 neu beantwortet werden, sicher. Was sich dabei herausbildete war eine Identität, die sich vor allem über ökonomische Aspekte definierte: Wirtschaftswunder, Wohlstand, Fleiß, Ordnung. Die Erzählung des modernen Deutschlands entspringt einem ökonomischen Paradigma. Deshalb stellen wir auf der Suche nach Antworten auf die Frage was richtig und falsch ist auch immer die Frage nach dem Preis: Was kostet die Deutsche Einheit? Was kostet Bildung? Wie teuer wird die Energiewende? Und deshalb versuchen wir die Richtigkeit der Aufnahme von Flüchtlingen auch mit dem Argument zu rechtfertigen, dass sie langfristig mehr Geld bringen als Geld kosten. Richtig ist, was Wachstum und Wohlstand bringt. Falsch ist, was das nicht kann. Ist das armselig? Ich finde schon. Und es trägt vor allem nicht als Orientierung durch diese Tage, wenn man immer nur fragt, was es kostet und was es nutzt. Vielleicht sind manche Dinge auch einfach nur ein Selbstwert: Helfen, die Klappe aufmachen, wenn etwas scheiße läuft, dem Seehofer mal erklären, wo der Haken hängt. Bringt alles kein Geld ein. Ist aber richtig und wichtig.

Das Land der Dichter und Denker gibt sich auf.

Wo man nicht weiß, wer man jenseits von wirtschaftlichen Aspekten ist, beginnt die Gesellschaft eines Landes Fehler zu machen und zu erodieren. Weil man oft nicht weiß, was richtig, anständig, angemessen, angebracht, hilfreich oder schlicht erwachsen ist. Irritierendes Beispiel: Die Weigerung von Politikern in der Öffentlichkeit mit der AfD zu diskutieren. Undenkbar in anderen europäischen Ländern, in denen durchgeknallte Parteien zur parlamentarischen Realität gehören wie bei uns der Bundesadler. Wo es mit Argumenten nicht mal mehr versucht wird, beginnt das Ende der Demokratie. Das Land der Dichter, Denker und Philosophen gibt sich auf. Mir wird ein wenig schlecht dabei. Zum Glück hab ich keine Kinder, denen ich das erklären muss. Und meinen Patenkindern werde ich mal sagen: Mutti erklärt dir das. Ich kann’s nicht.

Was wir jetzt bräuchten wäre Orientierung. Aber wo kann die herkommen? Aus der Politik? Den Medien? Der Volksseele? Jan Böhmermann? Anja Reschke? Dunja Hayali? Roger Willemsen und Helmut Schmid sind leider nicht mehr.

Evelyn Roll forderte vergangenen Samstag in der Süddeutschen Zeitung in einem großartigen Essay eine Bürger-Bewegung, die Europa zu neuem Leben erweckt. Sehr gut. Auch Deutschland bräuchte so eine Bewegung. Es gibt viele kluge Köpfe in diesem Land. Nur wenige mischen sich ein. Man beschränkt sich darauf, das öffentliche Geschehen ironisch distanziert im digital-privaten Kreis zu kommentieren. Schade eigentlich.

Katastrophen stehen vor der Tür.
Wir brauchen dringend Role-Models.

Vor Deutschlands Tür stehen absehbar die Integrations-Katastrophe, die Infrastruktur-Katastrophe, die Klima-Katastrophe und der IS. Markus Söder ist schon da. Mein Gefühl sagt mir, dass Deutschland im Februar 2016 nur der Anfang einer Zeit ist, in der wir den Boden unter den Füßen verlieren. Nicht nur, aber auch, weil wir nicht wissen, wer wir sind und wer wir sein wollen. Und niemand da ist, der es uns erklärt.

Pubertierende brauchen Role-Models – Personen, die Haltung, Meinung, Stil und Handeln vorleben. Wir könnten gerade ein paar davon gebrauchen. Damit wir nicht so suchend wären. Damit wir endlich mal wüssten, was deutsch ist. Und was nicht.

Titelbild: André Zehetbauer, https://www.flickr.com/photos/az1172/,  (CC BY-SA 2.0)

1 Kommentar

  1. Mandy Antworten 26. Februar 2016 at 15:49

    Deine Analyse gefällt mir, doch bei den Role models stimme ich nicht zu. Denn die gibt es, leider werden sie von den „ironisch distanzierten, digital-privaten“ Kommentatoren/-innen nicht erwähnt und eben nicht medial nach vorn gestellt. Mir fallen da viele Menschen ein, die helfen ein (unter meinen Freunden: Tinka, Hans, Klaus, ein wenig ich selbst und viele andere), die großes auf die Beine stellen („watch the med“), mit kleinen Ideen die Welt verändern (Lina Schönfeld und ihr kostenloses Boxtraining für Flüchtlinge in Braunschweig), die den Mund aufmachen (Christiane Beckmann von Moabit hilft und auch hier: viele andere). Man findet überall Menschen, die vieles verändern – also: machen wir die Augen auf! Und nennen ihren Einsatz und ihr Engagement beim Namen!

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