Rose Kommentar

Unser Montags-Kommentar. Heute: Flüchtlingskrise. Wo mit harten Worten auf Realpolitik gemacht wird herrscht offensichtlich nur noch orientierungslose Gefühlsduselei. Meinungsmache jenseits der Zurechnungsfähigkeit.

Das Oktoberfest ist zu Ende. Wenn man mit älteren Münchnern über die Wiesen spricht, dann schwärmen sie oft von der „Wilden Maus“. Das ist ein Fahrgeschäft, eine Neuauflage der 1934 gebauten „Teufelskutsche“. Die Fahrt bietet steile Abfahrten, enge Täler und Bergkuppen. Aber keine Loopings. Immer aufrecht sitzend geht es mit vollem Karacho in die Kurven. Heftig zwar, aber angeblich besonders sicher.

Wenn ich mich mir die politischen Debatten in Deutschland anschaue, passt der Vergleich meist ganz gut. Ein pausenloses Auf und Ab, Hin und Her. Aber sonst OK. Die Berichte und Äußerungen zur Flüchtlingskrise und Asylpolitik der letzten Wochen lassen mich an der Sicherheit und der aufrechten Haltung zweifeln.

Unterkomplexe Wortsalven für komplexe Probleme

Ich will gar nicht mehr nach strategischen und taktischen Motiven der Politiker fragen. Ich will nicht überlegen, dass sie ihre Botschaften nur loswerden, um irgendwas Eigenes zu erreichen. Ich möchte keine Analysen betreiben, keine „wirklichen“ Interessen offenlegen, die sich hinter den Soundbites und Spins verbergen: Wahlen gewinnen, Umfragetiefs überwinden, Kanzlerin schwächen, niemanden weiter rechts zulassen. Nein, ich nehme die Äußerungen wie sie kommen, ich lese sie als das was sie sind. Unterkomplexe Wortsalven für komplexe Probleme.

„Es wird die Zeit der Rückkehr der Politik sein. Irgendwie freue ich mich auch darauf“, sagte Heinz Bude auf der Konferenz „Denk ich an Deutschland“ im September. Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Es ist auch eine bittere Zeit, die viel offenlegt. Nur noch Emotionen, nur noch Gefühle und so viele Ängste. In kaum einem Interview oder Statement und immer weniger Artikeln geht es noch um den Versuch sachliche Argumente einzubringen und abzuwägen. Eigentlich ging der Vorwurf der unreflektierten Euphorie ja erst an die vielen helfenden Menschen am Münchner Hauptbahnhof und sonstwo. Aber da wo mit harten Worten Realpolitik simuliert wird, herrscht offensichtlich die wirklich orientierungslose Gefühlsduselei. Meinungsmache jenseits der Zurechnungsfähigkeit. Hysterisch geradezu. Erregt. Jeder Gemütszustand, jede impulsive Aufwallung wird ungefiltert in die Öffentlichkeit geblasen. Ob dadurch irgendwas verbessert wird? Was die Leut´ damit anstellen? Mir doch egal.

Das Geschwätz der Heulsusen ignorieren

 

Es wird immer flatterhafter. Überforderung, Überlastung, Spaltung Deutschlands, Teilung der SPD, Deutschland am Limit usw. Geht´s noch? Befindlichkeitsrhetorik is the new black? Eliten über alle Parteigrenzen und Medienhäuser hinweg auf dem Emotrip? Auf jeden Fall machen es uns einige mit ihrer Dauererregung nicht leicht, ein wenig rational und zugänglich für Argumente und Gegenargumente zu bleiben.

Für diejenigen, die diesen „Stimmungskanonen“ (taz Titel heute) misstrauen, die in keine Richtung einfache Lösungen akzeptieren, die sich nichts einreden lassen möchten, denen es trotzdem schwer fällt in all dem Neuen eine eigene Meinung zu entwickeln, hilft nur eines: trotzdem helfen. Ganz pragmatische Dinge tun. Räder für Kinder reparieren. Kleider spenden. Eigene Fähigkeiten in Unterstützerkreise einbringen. Und das Geschwätz der Heulsusen ignorieren. Denn die Herausforderungen sind wohl einfach zu groß für diese Weicheier.

Titelfoto:  © John Englart (Takver), Vote to care about Refugees – Refugee Action protest 27 July 2013 Melbourne. Via: https://flic.kr/p/fhEfSQ is licensed under a Creative Commons license: CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/. Änderungen am Bild durch ROSEGARDEN vorgenommen.

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