Rose Kommentar
Unser Montags-Kommentar. Heute: Wiebke Elbe über die rücksichtslose Ausbeutung von Rohstoffen in der Mongolei, dem Sterben kultureller Schätze und Deutschlands ambivalente Rolle in dem Spiel.

Nachdem Joachim Gauck seine Sorge um die Belastbarkeit deutscher Leitkultur ausreichend zum Ausdruck gebracht hat, ist er gen Asien aufgebrochen. In Korea war er voll in seinem Element. Mit Teilung kennt er sich aus. Da macht ihm so schnell keiner was vor. Danach ging es unter anderem in die Mongolei. Die knappe Radionachricht zu dieser Station: Der Bundespräsident spricht mit Studenten der Deutsch-Mongolischen Hochschule für Rohstoffe und Technologie. Die Mongolei ist reich an Rohstoffen. Haupthandelspartner ist China.

Besagte Hochschule wurde laut Wirtschaftsministerium im Jahr 2011 als Beitrag zur „ersten Rohstoffpartnerschaft“ mit der Mongolei gegründet. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit spricht verklausulierter als das Bruderhaus von einer „Integrated Mineral Resource Initiative“. Ziel sei, „die institutionellen und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen für nachhaltiges und breitenwirksames Wachstum zu verbessern“. Dazu arbeiteten neben dem BMZ und dem Bundeswirtschaftsministerium auch das Auswärtige Amt, „Durchführungsorganisationen“ sowie die Privatwirtschaft partnerschaftlich zusammen, heißt es auf der Seite des BMZ. Deutschland unterstütze dabei, „Industriepolitik zu verbessern“. Deutsche Experten berieten zu „Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibility), Privatisierungen, Public-Private Partnerships (PPP), Finanzmanagement, Personalentwicklung und Börsengängen“.

Deutsche Ingenieure waren schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs in der Mongolei unterwegs.  Jetzt sind wir ohne Hammer und Sichel in der Flagge wieder oder immer noch da. Deutschland hilft der Mongolei beim Aufbau der Infrastruktur rund um den Bergbausektor.  Dafür bekommt Deutschland Zugang zu den Rohstoffen und deutsche Firmen einen besseren Zugriff in der Mongolei. Denn die Mongolei verfügt über eines der weltweit größten Rohstoffvorkommen – Kohle, Kupfer, Uran und Gold, dazu die inzwischen schon berüchtigten so genannten Seltenen Erden. Dummerweise liegt das alles unter der Steppe begraben. Deswegen helfen nicht nur deutsche, sondern auch russische und vor allem chinesische Fachleute gerne beim „Heben der Schätze“. Was oben drüber dabei an Lebens- und Naturraum für immer verloren geht oder kontaminiert wird, spielt vielleicht im Fall von Deutschland als Kriterium eine kleine Rolle. Bei China und Russland, ich bin so frei, wage ich das zu bezweifeln.

Weil Rohstoffe wie Kohle, Wolfram und Co. endlich sind und unsere heutigen, fossil getriebenen und äußerst verschwenderisch angelegten Wirtschaftskreisläufe, sie dringend benötigen, ist es ökonomisch überaus reizvoll für die Mongolei, sich selbst umzugraben. Es ist ein schneller  und vermeintlich alternativloser Weg zu mehr Wohlstand – für wen auch immer. In einigen Jahren wird die unendliche, faszinierende Natur der Mongolei weitgehend versaut sein und nur noch in filmischen und fotografischen Zeugnissen existieren.

Die Logik der betreffenden Verantwortlichen in den Ministerien und dessen zugeordneten „Durchführungsorganisationen, id est die GIZ oder die KfW, die in „Rohstoffpartnerschaften“ denken:  Der Bergbau macht sich so oder so in der Mongolei breit, da für die Mongolen das schnelle Ticket zu wirtschaftlichem Wachstum. Die Chinesen und Russen sind längst vor Ort, um ihre Claims zu sichern. Die Steppe wird demnach so oder so umgepflügt. Mit uns läuft dieser Prozess wenigstens geordneter ab, etwas effizienter, etwas fairer und mit etwas weniger Folgen für die Umwelt. Wir kriegen dafür unseren Teil vom Rohstoffkuchen und deutsche Unternehmen wie Siemens bekommen neue Aufträge. Das ist dringend notwendig. China ist überall, baut sich weltweit seine Infrastruktur und schafft Abhängigkeiten. Wir müssen Gegengewichte schaffen. Auch im Sinne der Förderung demokratischer Strukturen weltweit.

 

coal mines of Nalaikh, Mongolia

coal mines of Nalaikh, Mongolia; Foto: CC BY-SA 2.0 Al Jazeera English, https://flic.kr/p/ckxg45

 

Ist das Realismus oder Zynismus, der dieser Denke innewohnt? Ich weiß es nicht. Der Weg ist für die Mongolei jedenfalls vorgezeichnet. Er bewegt sich im Rahmen dessen, was die wirtschaftlichen Schlüsselnationen dieser Erde als sinnvolles ökonomisches Modell erachten und gnadenlos durchexerzieren. In diesem Modell gilt das Primat des Wachstums. Weniger Wachstum oder begrenztes Wachstum sind Gegenstand der Wirtschaftstheorie, nicht der Praxis.  Dieses Modell lebt von der gnadenlosen Ausbeutung endlicher Ressourcen und der gnadenlosen Überforderung erneuerbarer Ressourcen. Dieses Modell definiert sich über ein Bruttoinlandsprodukt, in dem rein wirtschaftliche Indikatoren zählen. Dieses Modell hat die Erde über den Rand ihrer biophysikalischen Kapazitäten getrieben.

Mario Münster hat letzte Woche an dieser Stelle einen sehr lesens- und bedenkenswerten Kommentar veröffentlicht, in dem es um zentrale Botschaften und Aussagen von Papst Franziskus ging . Vielleicht schafft Franziskus es Zeit seines Lebens und/oder Schaffens zu einem Besuch in die Mongolei. Mag sein, er zitiert vor Ort dann aus seiner eigenen Enzyklika „Laudato Si“: „Anerkennenswert ist die Aufgabenstellung von internationalen Organisationen und Vereinigungen der Zivilgesellschaft, welche die Bevölkerungen sensibilisieren und kritisch mitwirken, auch unter Einsatz legitimer Druckmittel,damit jede Regierung ihre eigene und nicht delegierbare Pflicht erfüllt, die Umwelt und die natürlichen Ressourcen ihres Landes zu bewahren, ohne sich an unehrliche lokale oder internationale Interessen zu verkaufen.“ (Laudato Si, Kapitel 3, 38). Vielleicht mahnt er an, dass die Mongolei gerade mit freundlicher Unterstützung interessierter Partner in eine äußerst ungute Richtung geschoben wird. Möglicherweise fragt er dann die Weltgemeinschaft zum wiederholten Male, warum ihr die Schätze der Natur so viel weniger wert sind als Rohstoffe. Vielleicht weist er darauf hin, dass Natur einen sehr sehr hohen eigenen Wert hat und dieser in die Gleichung endlich mit rein gehört. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, diese ganz simple Botschaft zu verstehen.

Gauck hat es übrigens bei seiner Reise wegen des Wintereinbruchs in der Mongolei nicht wie geplant bis nach Karakorum geschafft. Dort wollte er deutschen Archäologen bei ihren Ausgrabungen rund um eine vergangene Leitkultur beobachten. Er hätte dort sehen können, was übrig geblieben ist von der Hauptstadt der Mongolen, deren einzige Maxime die gewaltsame Expansion um jeden Preis, das „immer weiter!“ war: Einige, wenige Ruinen.

 

Titelfoto: © Al Jazeera English, Coal mines of Nalaikh, Mongolia. https://flic.kr/p/ckxg45 is liensed under a Creative Commons license:  CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

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