Rose WebLiebe zu einem virtuellen Charakter? In Japan keine Seltenheit mehr. Ein weiterer Beitrag zur Liebe der Zukunft.

Um das Thema Liebe in Zeiten digitaler Lebensumstände zu beleuchten, könnte man hier elaborieren, wie sehr die digitale Vernetzung unserer Gesellschaft dazu beigetragen hat, die Formen unserer Begierde, Sexualität und Liebe zu verändern. Doch ist Begierde, Sexualität und Liebe nicht Subjekt ständiger Veränderung und gespickt mit den Werten, die unsere Gesellschaft widerspiegeln? Oder sind diese für manche etwas befremdlichen Sehnsüchte nicht schon immer in jeder historischen Gesellschaft verwurzelt gewesen und finden nun durch die Digitalisierung einfach nur neuen Ausdruck?

# Japan kann ein verrückter Ort sein

In Japan kann man bei einigen Leuten beobachten, wie sie neue Formen der Beziehung eingehen. Japanische Dating Sims sind Videospiele, in denen es darum geht, eine romantische Beziehung mit einem Videogame-Charakter aufzubauen. Gerade in Japan verzeichnen diese Spiele einen großen Zulauf. Spiele wie „My Candy Love“ haben über 3 Millionen Spieler. Das bekannteste romantic simulation game ist jedoch „Love Plus“. Dieses Spiel wird nur in Japan verkauft und ist besonders bei männlichen Usern beliebt. Kurz zusammengefasst geht es in dem Spiel darum, das Herz von einer der drei potentiellen Freundinnen zu gewinnen. Das erreicht man, indem man ihr bei ihren Lebenskrisen bei Seite steht und sich einfühlsam zeigt.

Ist man dann ein Paar, geht es darum, mit ihr Zeit zu verbringen und sie glücklich zu machen. Dabei kann die Story über Monate bis hin zu Jahren gehen. Die meisten wissen zwar, dass ihr Partner nicht real existiert. Die Unterstützung und Zuneigung, die sie von ihren virtuellen Partnern im Gegenzug erfahren, fühlten sich aber sehr real an. Dadurch schafft es das Spiel, Gefühle aus Bits and Bytes in die echte Welt zu transportieren. Und stillt auf diese Art Sehnsüchte. Es kommt sogar vor, – obwohl das eher die sehr geringe Ausnahme ist – dass echte Männer sich in ihre virtuelle Partnerin verlieben und sie zur Zielscheibe ihrer Begierde machen.

Dieses Spiel bringt einen Charakter hervor, der einzig und allein auf dem Display lebt. Es ist ein Programm, kein Lebewesen in unserer Realität. Dennoch gibt es Menschen, die den Charakteren aus dem Spiel die höchste Form der Emotionalität entgegen bringen und ihnen liebestrunken verfallen. Diese digitale Person lächelt und flirtet nach allen Regeln der digitalen Liebeskunst. Um dieses Bezirzen genießen zu können, muss der Spieler aber auch was tun. Verabredungen müssen eingehalten werden, denn sonst kann es zu Streitigkeiten kommen. Die drei Mädels aus dem Spiel, Manaka, Rinko und Nene, suggerieren dem User ein Pärchenleben zu führen. Der User fühlt sich seiner Auserwählten so verbunden, dass er gerne viel Zeit damit verbringt, sie glücklich zu machen. Dabei kann es passieren, dass der Anwender schnell außer Acht lässt, dass es sich bei jedem Lächeln und Augenblinzeln nur um Einsen und Nullen handelt. Schnell kann der Irrglaube entstehen, dass diese Person reeller ist, als sie eigentlich ist. Sich in einen Computer zu verlieben: schon ein bisschen schräg.

# auf der Suche

Die Suche nach einem Partner – ganz nüchtern betrachtet – kann oft zeitaufwendig und mit der ein oder anderen Zurückweisung gekoppelt sein. In den virtuellen Gefilden existiert das Wort „Suche“ im Grunde gar nicht. Es ist vielmehr eine Auswahl, die der User trifft. Wie im Spiel Love Plus, kann man die „Suche“ maßgeblich selbst mitbestimmen, indem man einfach ausreichend Zeit in der Umgebung des auserwählten Charakters verbringt und dadurch Punkte sammelt. Der User lernt sie nach und nach kennen und hilft ihr bei ihren Problemen. Dadurch entsteht eine emotionale Verbindung zu dem Charakter.

# Struggle of a relationship

Wenn man sich vorstellt, dass es wirklich Menschen gibt, die romantische Gefühle für diese Charaktere entwickeln, dann mutet das schon etwas verrückt an. Der User ist verliebt in eine Idee, in eine Vorstellung. Das Spiel folgt gewissen Mustern. Sagt der User etwas, wird aus einem Pool von Antworten eine Passende ausgewählt. Somit dreht sich eigentlich alles in einem gewissen Rahmen. Der User kann durch sein Verhalten sehr stark das Verhalten seiner virtuellen Partnerin beeinflussen.

Bild von der Konami Love Plus Seite http://www.konami.jp/products/loveplus/info.html.

Bild von der Konami Love Plus Seite http://www.konami.jp/products/loveplus/info.html.

Er befindet sich in einem Spiel, wo er glaubt Zweisamkeit zu bekommen, aber dabei völlig allein über die Richtung der Beziehung bestimmt. Das hat natürlich Vorteile für Menschen, die sich nicht wirklich auf andere einlassen können oder wollen. Aber gerade diese Einseitigkeit macht es zu einer unnatürlichen und nicht zu einer gesunden Beziehung. In dem Spiel ist alles glatt gestrichen. Wie ein Weichzeichner, der über der blumigen Beziehung liegt. Die Hürden, die eine Beziehung im echten Leben nehmen muss, um stärker zu werden, fehlen hier komplett. Gehört es nicht auch zu einer gesunden Beziehung, mit den Macken des anderen zurecht zu kommen, damit die gemeinsame Bindung wachsen kann? Bei dem Liebes-Tamagotchi wird jede intime Kommunikation am Bildschirm ausgetragen. Es gibt nicht wirklich was zum Anfassen, keine Erinnerungsstücke, die man festhalten kann. Die haptische Wahrnehmbarkeit dieser Person geht in Richtung null. Definiert sich die Anziehungskraft des virtuellen Partners nur durch die Eigenschaften, die ich ihm zuschreibe? Es stellt sich mir unweigerlich die Frage, ob man nicht irgendwann extrem davon gelangweilt ist? Und vor allem, wie lange hält so eine Beziehung eigentlich?

 

Titelfoto: Whybealone1, Dating Online. Via: https://flic.kr/p/bWYu4F.

 

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