Rose ContributorenEs sind bereits viele Artikel über die Lage im Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo), die Meldestelle für Flüchtlinge in Berlin, geschrieben worden. Viele davon sind sehr persönlich und berührend. Und nachdem ich gestern einige Stunden für die Initiative Moabit-hilft Essen und Trinken vor der Aufnahmestelle an Flüchtlinge verteilt hatte, war mir auch gar nicht danach, etwas darüber zu schreiben. Als ich aber später von der Bombendrohung las, die am gleichen Nachmittag das LaGeSo lahm gelegt hat, während ich gerade meine Kinder aus der Kita abholte und durch Mitte spazierte, wurde mir klar, dass man gar nicht genug darüber schreiben kann. Weil man gar nicht genug Solidarität für Menschen aufbringen kann, die unter schlimmen und schlimmsten Bedingungen ihre Heimat verlassen müssen, um irgendwo – natürlich auch in Deutschland – Zuflucht zu suchen und vielleicht auch, um zu bleiben. Und weil man gegen die Scham anschreiben muss, weil sonst die Geschichten derer, die Bedrohung und Tod von Flüchtlingen billigend in Kauf nehmen, immer mehr Raum einnehmen.

Es ist ein Hin- und Hergelaufe

Hastig werden Kaffeepulver, Zucker, Milch und heißes Wasser in große und kleine Kaffeebehälter geschüttet und in einen Einkaufswagen gestellt. Dazu kommen ein paar extra Tüten Milch und Einweg-Becher. Dann werden dünne Handschuhe übergestreift und es geht los, hinaus aus dem Flachbau, in dem Lebensmittel, Getränke, Geschirr und Besteck aufbewahrt werden. Im Laufschritt über einen Parkplatz, um einige Hausecken herum bis zu einem von mehrstöckigen Gebäuden gesäumten Platz. Er ist mit Absperrgittern vollgestellt, in denen Leute vor einem Gebäude warten. Irgendwo steht ein weißes Zelt. Ansonsten überall Menschen. Sitzen auf dem Boden oder stehen herum. Das spärliche Gras ist niedergetreten. Keine Bänke, Tische oder Spielgeräte für Kinder. Ganz offensichtlich ist der Platz nicht als Aufenthaltsraum gedacht.

Noch bevor die Einsatztruppe ‚Kaffee‘ auf den Platz vordringen kann, wird der Einkaufswagen von Menschen belagert, hauptsächlich von Männern, aber auch einige Frauen und ein paar Kindern kommen heran. Alle wollen etwas trinken, als hätten sie lange darauf warten müssen. Shay? No, only coffee. Obwohl die meisten lieber Tee trinken möchten, füllen wir Kaffee und Kakao hastig in die Becher und geben sie in viele Hände weiter. Es bleibt wenig Zeit in die Gesichter zu schauen. Ein freundliches Nicken, ein Lächeln, ein Dankeschön. Dann geht es bereits im Laufschritt zurück zur Zentrale von Moabit-hilft, um Nachschub zu besorgen. So machen wir das einige Male. Ein junger Mann, der beim ersten Mal schon leer ausging, hat sich noch einmal angestellt und bekommt schließlich wieder nur einen kleinen Rest, aus der Kanne. Wir müssen beide über sein Pech schmunzeln. Ich fische noch eine Tüte Milch aus dem Einkaufswagen und schenke nach. Wenigstens ist der Becher jetzt voll.

Waschkörbe mit Pita-Brot

Dann ist der Kaffee alle. Irgendjemand geht los, um neuen zu besorgen. Der Rest bereitet das Essen vor. Auf dem Parkplatz vor der Wirkungsstätte von Moabit-hilft steht noch bis Ende der Woche ein Filmcatering-Foodtruck von Wim Wenders Produktionsfirma, und kocht täglich etwa 1500 Essen für die Flüchtlinge, die oft viele Tage vor dem LaGeSo warten und am Abend nicht wissen, wo sie schlafen sollen. Ich schneide Pita-Brot mit einigen Frauen, die wir in kleine Tüten stecken, bis mehrere Waschkörbe voll sind. Andere Waschen Äpfel in Wäschekörben. Noch während die Brote zum Food-Truck gebracht werden, stürmen Menschen herbei und möchten etwas zu Essen haben. Während Schalen mit Suppe und Brot zum Warteplatz der Flüchtlinge gebracht werden, bekomme ich eine andere Aufgabe. Ich soll mit einer albanischen Familie zur Bank gehen und helfen ein Konto zu eröffnen. Eine junge Albanerin begleitet uns, da sie gut englisch spricht. Sie ist gerade erst zum Rechtsmedizin-Studium nach Berlin gekommen und freut sich, dass sie helfen kann. Und auch darüber, dass die Deutschen alle so freundlich seien. Ganz anders, als man es sich in Albanien so erzähle. Ich frage sie, wie das für sie ist in Zukunft so weit weg von zuhause zu leben. Das Gesicht der 18 jährigen wird ernst. In ihrer Familie seien alle arbeitslos, sie müsse an die Zukunft denken.

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Menschen, ohne die lächerlichste aller Freiheiten

Als wir eine Stunde später unverrichteter Dinge zurückkommen, hat sich die Aufregung um das Essen gelegt. In der Zwischenzeit ist die Zahl der Helferinnen und Helfer deutlich gestiegen. Wir alle sind wegen der aufgeklebten Namensschilder gut erkennbar. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter von Moabit-hilft sind irgendwo und organisieren Dinge. Vom BVG-Ticket bis zum Juristen, der sich bereit erklärt noch am gleichen Tag vorbeizukommen. Im Gebäude werden Sachen sortiert. Moabit-hilft stellt in den nächsten Tagen seine Arbeit ein und muss den Flachbau an die Behörden übergeben. Die Regale im Hauptraum, die noch vor Tagen mit Lebensmitteln gefüllt waren, sind fast leer. So zumindest erzählt man es sich, aber keiner weiß richtig bescheid, auch nicht, wie es dann nächste Woche ohne Moabit-hilft hier weitergehen soll. Alle stehen herum und rauchen. Dann ist wieder irgendetwas los und es geht weiter. Ich aber nehme meine Tasche, sage den Umstehenden tschüss. Ich muss los.

Bevor ich in Bellevue in die S-Bahn steige, trinke ich bei Coffeemamas in der Kirchstraße noch einen Kaffee. Es fühlt sich jetzt merkwürdig an. Eben noch habe ich ihn literweise an Menschen verteilt, die vielleicht gar keinen Kaffee trinken und trotzdem froh sind, etwas Warmes zu trinken. Im Gegensatz zu ihnen bin ich nicht darauf angewiesen, dass andere mir Kaffee schenken. Ich entscheide selbst ob, wann und wie ich ihn haben will. Natürlich. Tun wir ja alle. Aber gerade noch stand ich Menschen gegenüber, die im Moment nicht einmal diese lächerlichste aller Freiheiten besitzen. Und ich spüre jetzt sehr deutlich den Wunsch und die Notwendigkeit, das und vieles Mehr möglich zu machen. Denn Freiheit – die steht uns allen zu.

Links

www.moabit-hilft.de – Mein großer Respekt gilt den ehrenamtlichen Helfern von Moabit-hilft, die täglich Hilfe und Essen für die wartenden Menschen organisieren und selbst spät abends noch alles in Bewegung setzen, damit ankommende Flüchtlinge etwas zu Essen und irgendwo eine Unterkunft bekommen.
www.youtube.com – Interview mit Diana Henniges von Moabit-hilft bei TV Berlin

Weitere Artikel über Eindrücke vor Ort:
www.rbb-online.de – Tagebuch eines Helfers
www.luciemarshall.com
www.kaiserinnenreich.de

Titelfoto: CC0 1.0 Universal (CC0 1.0)  / Public Domain Dedication

2 Kommentare

  1. Pingback: Deutlich sein | Pia Ziefle | Autorin

  2. Annika Antworten 28. August 2015 at 22:44

    Ein geringer Aufwand reicht, um einen großen Beitrag zu leisten!

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