Rose NerdLange war er abgeschrieben. Jetzt könnten Bernie Sanders und Jeremy Corbyn der Beginn einer Gegenbewegung werden. The Return of „alter, weißer Mann?“

Wenn es in den vergangenen Jahren so etwas wie einen Super-Looser in den Feuilletons und Nachdenk-Medien dieser Welt gab, dann war es der alte, weiße Mann. Nichts und niemand galt als deplatzierter in der immer bunter werdenden Welt. Peer Steinbrück, John McCain, Rainer Brüderle und andere standen wie Fremdkörper inmitten einer Gesellschaft, die weiblicher, multi-kultureller und heterogener wurde. Es startete ein Abgesang auf eine Spezies, die zwar quantitativ erhebliche Bedeutung hat, der aber per se abgesprochen wurde, die Welt von heute zu verstehen. Während die Generation Z irgendwie schon post-Gender und post-national denkt, schien der alte, weiße Mann noch immer im Abnabelungsprozess von einigen Nachkriegs-Paradigmen zu stecken. „Ich bin ein weißer, heterosexueller Mann. Du kannst mich abschieben, wenn du willst.“, sangen Tocotronic 2013.

Und mitten in diese Zeit, in der man es für beinahe unausweichlich hielt, dass nur noch eine bekennend homosexuelle, tätowierte Frau mit Migrationshintergrund Chancen hätte, Bundeskanzlerin zu werden, erlebt der alte, weiße Mann das Mega-Comeback. Bühne frei und Vorhang auf für Bernie Sanders und Jeremy Corbyn. Zwei alte Linke, die vor Kurzem noch als gesellschaftliche und politische Zombies durchgegangen wären, mischen die Welt auf. Sanders, das einzige Lebewesen, dem es im Vorwahlkampf der US-Demokraten gelingt, Hillary Clinton die Stirn zu bieten. Corbyn, der gerade die britische Labour Party vom Kopf auf die Füße gestellt hat. Und es könnte sein, dass dies nur der Beginn einer Bewegung ist, die plötzlich nur logisch erscheint.

Was ist da los?

Der beschriebene alte, weiße Mann, war eben nur eine Ausprägung dieser zunächst mal rein demographischen Beschreibung. Wer mit dem Abgesang wirklich gemeint war, das war der konservative alte, weiße Mann. Der, mit den traditionellen Rollenbildern. Der, mit dem neo-liberalen Glauben an die regulierende Kraft der Märkte. Die Inkarnation des Herrenwitz: Verstaubt, zum Fremdschämen und einfach von gestern.

Allerdings, oh Wunder, sind nicht alle alten, weißen Männer laufende Herrenwitze. Es gibt – natürlich – auch das Gegenteil: Weltoffene, liberale Männer mit klaren Positionen und einem modernen Rollenverständnis. Und so ist es irgendwie kein Wunder, dass Corbyn und Sanders gerade ein maximales Momentum erleben. Eigentlich kommen sie wie gerufen. Denn wir leben in einer Welt, in der vor allem eine nachdenkliche und sensible Jugend nach Orientierung sucht. Und was kann mehr Orientierung geben als Erfahrung? Was kann beruhigender sein, als der Blick in das Gesicht eines Mannes, der schon alles gesehen und nie sein Überzeugung vernachlässigt hat, während um uns herum Menschen in LKWs ersticken, Russland Lebensmittel verbrennt, der IS Journalisten köpft – sprich: die Welt aus den Fugen gerät?

Klartext statt Verbal-Feigheit

Corbyn und Sanders bedienen dieses Bedürfnis nach Orientierung perfekt. Auch aus einem weiteren Grund: Sie sprechen eine klare Sprache. Wer heute öffentlich kommuniziert, der spricht verschwurbelten Konsens-Nonsens, der Angst vor Klarheit hat, nicht anecken und keinem wehtun will. Öffentlich Klartext reden ist nur Quartalsirren und Leuten mit Humor gestattet – Dieter Bohlen, Jan Böhmermann et al. Corbyn und Sanders reden Klartext – Sätze ohne Deutungsspielraum, ohne doppelten Boden, ohne Angst vor Wiederspruch. Auch das liefert Orientierung und schafft Vertrauen. Vor allem als Gegenmodell zum „Das-kann-man-so-und-so-sehen-man-müsste-mal“ – der dialektischen Verbal-Feigheit unserer Tage.

Zudem gilt: In den Augen ihrer Fans, stehen sie auf der richtigen Seite, wenn es um die Pfeiler eines modernen Gesellschaftsbildes geht. Und es ist kein Wunder, dass sie damit vor allem Erfolg bei einem jungen, kritischen Publikum haben, das sich eigentlich von dem Thema Politik abgewendet hatte. Plötzlich finde ich in meiner Facebook-Timeline kleine Liebeserklärungen an einen klugen Satz von Sanders oder einen bewegenden Auftritt von Corbyn. Die beiden scheinen etwas zu haben, nach dem alle Marken streben: Street Credibility. Bernie Sanders muss damit nicht geizen. Zu seinen Supportern zählen Band-Mitglieder von System of a Down, Faith No More und Sonic Youth ebenso wie die Schauspielerin Susan Sarandon.

Beide Figuren könnten Role-Models werden für eine Generation alter, weißer Männer, die vielleicht doch noch etwas zu sagen hat.

Und sollte es doch nicht klappen, dass Sanders und Cornyn die freie Welt anführen… Ich persönlich fände ein Medien-Format mit dem Titel „Bernie & Jeremy“ hätte großes Potential.

Titelfoto: www.berniesanders.com

1 Kommentar

  1. Bertram Sturm Antworten 28. September 2015 at 20:27

    Hö, wer sind die denn? Und was machen sie? Und wo? Ich checks nicht so ganz.
    LG, B

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