Rose_GedankenDie Böhmermann-Affäre, wie sie jetzt offiziell heißt, hat sogar schon einen Wikipedia-Eintrag bekommen. Schwer zu glauben, dass ein piefiger TV-Beitrag eines öffentlich-rechtlichen Senders zu einer Staatsaffäre von internationalem Maßstab wird. Gar nicht so einfach bei diesem Thema den Überblick zu behalten. Soll man jetzt für oder gegen Böhmermann sein? Gegen Erdogan, für Merkel? Gegen Merkel, für Erdogan? So viele Fragen, die die Medienlandschaft bei all dem Aufgebausche aufwirft. Ein Blick auf die verschiedenen Akteure dieser Posse soll Klarheit bringen.

 

Die Sendung

Der Ort des Skandals war ZDF Neo Royale, eine Satire-Sendung für humorbefreite, spießige Mittelschichtler (zu denen wir alle manchmal gehören). Nachdem der aktuelle Roman von Ronja von Rönne vorgestellt wurde, gibt Böhmermann (s. Der Satiriker) bekannt, dass er ein Gedicht vortragen wird, das vorsätzlich den Tatbestand der Schmähkritik erfüllt. In literarisch schlechter Gesellschaft also. Zudem war die „Schmähkritik“ (s. Das Gedicht) eine Reaktion auf die Reaktion auf eine extra3-Sendung. Aufmerksamkeits-Pingpong.

 

Das Gedicht

Es reimt sich, aber kracht ziemlich im Gebälk. Ein Text, den man jedem Deutsch-Leistungskurs als Beispiel für ein Gedicht vorlegen kann, wenn man Gedicht einfach als Text mit viel weißem Raum um die Wörter herum definiert. Homophob, spießig, machistisch und rassistisch – das Vokabular siedelt Böhermanns Wortwitz irgendwo zwischen BILD und Mario Barth an. Kann der das besser? Bestimmt. Ist sich aber für sowas scheinbar nicht zu schade.

 

Der Satiriker

Spießer oder Nervensäge? Das fragt sich Antonia Baum in der FAS. Die Antwort liegt auf der Hand: beides. Böhmermann ist, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen versucht den millenialen Humor des Vice-Magazins nachzuäffen. Deutsch, spießig und verbohrt sein selbstironisch aufzugießen prägt den Erfolg des Satirikers. Wie ein kleiner Junge, der zurechtgewiesen werden will, reizt hier ein institutionalisierter Hofnarr die Grenzen seines Schabernacks aus.

 

Der Humor

Speist sich aus Fäkalsprache, Homophobie, Rassismus und ein paar gefickten Ziegen. Darf Satire das? Ist das noch Satire? Muss man das lustig finden? Das sagt dann mehr über die Verortung in einer sich selbst als weltoffen, aber am Ende doch verbohrten, Mittelschicht aus. Eigentlich auch egal, das Gedicht ist nämlich zu schlecht und der Humor zu dumpf. Hätte besagter Deutsch-Leistungskurs auch so hingekriegt.

 

Der Präsident

Keine Frage: ein Despot, der bis zur Flüchtlingskrise nicht einmal mit dem Arsch angeguckt wurde. Menschenrechtsverbrechen kann er gut, Kritik annehmen nicht so. In seinem autokratischen Refugium hat er bereits des Kaisers neue Kleider an.

 

Die Kanzlerin

Beweist einmal wieder ihre Opportunität und ihre Fähigkeit in schwierigen Situationen einfach alles weiter zuschieben. Die graue Eminenz der BRD und First Lady des Neoliberalismus wird immer gespenstiger. In was für einer Welt leben wir? Kinder tätscheln, Despoten hofieren, dieses Land ist in guten Händen. Wie schreibt die Kanzlerin als nächstes Geschichte?

 

Die Justiz

Der schiebt man jetzt alles zu. Ihre Aufgabe: den Rechtsstaat als eben solchen zu bekräftigen. Die Regierung hat es so gewollt und delegiert. Nicht die schlechteste Lösung, aber – wie gewohnt – mal wieder kein eindeutiges Zeichen. Da hat sich jemand an die Gewaltenteilung erinnert und mal schnell irgendwo einem Journalisten (s. Medien) gesteckt.

 

Das Gesetz

Ein antikes Stück aus der Zeit, als den Deutschen endlich eine Nation geschenkt wurde, also irgendwann nach dem Biedermeier und aus der Zeit von diesem Typen, der den Heringen seinen Namen gegeben hat. Majestätsbeleidigung gibt es so dann ab 2018 leider nicht mehr – ein Auslaufmodell also. Angewendet wurde das Gesetz in seiner knapp 150jährigen Geschichte durch Reiche und Republiken nur selten.

 

Die Medien

… spielen sich natürlich mal wieder mächtig auf und wollen ihre Freiheit verteidigt wissen. Eine Zensur findet nicht statt – aber aus der Mediathek kann man’s ruhig mal löschen. Sonst könnte sich jemand ja noch eine unabhängige (d.h. unabhängig von den meinungsmachenden Medien) Meinung entwickeln. Das findet natürlich nicht statt. In Deutschland bild-et man sich halt eine Meinung. Außerdem: es scheint nicht einmal notwendig für viele Kommentatoren den Text (s. das Gedicht) selbst gelesen zu haben.

 

Die Gesellschaft

… in der wir leben, hat einen Satiriker wie Böhmermann verdient. Die verpiefte weiße Mittelschicht ist inklusiv-rassistisch, d.h. es ist OK von „den Türken“ zu sprechen und Dönergeruch zu diffamieren. Das mit der Homophobie ist ja auch wirklich übertrieben, das war doch nicht so gemeint, weiß man doch. Und überhaupt: #mimimimi.

 

Der Prozess

… auf den bin ich gespannt.

1 Kommentar

  1. Lusru Antworten 27. Juli 2016 at 20:20

    Hi Kevin,
    selten so gelacht, fast wie bei Satire!
    Sie haben das „drauf“ (und „drunter“ auch, Satire eben, echte!).
    Wie überall auch hier etwas Kritik, etwas nur:
    Kevin, Sie sind in den falschen Zug eingestiegen: Majestätsbeleidugung,
    der endet im nächste Sackbahnhof, welcher das auch immer ist, aber genau um diesen geht es nicht beim „Gedichtemacher“, in diesem seltsamen „fall ing out“.

    Auch nicht um HerumMerkelei oder – wie wir nun wissen: „Putschgeschönigter“ Präsident aller lebenden Türken (ausser Kurden, Armenier, Journalisten Polizisten, Lehrer, Richter, Wissenschaftler, und, und …), auch nicht um Jusiz, Gesellschaft, Medien, Prozess – jedenfalls nicht um diesen hier mit Spannung von Ihnen erwarteten.

    Da war wohl noch was.
    Es gibt (eigentlich bis vor Böhmermann: gab) ein Jahrhunderte altes rassistisches (auch so gemeintes) Stigma des europäischen weissen Mannes gegenüber dem männlichen Muslim, besonders dem jenseits des Bosborus, um diesem und seiner gesamten vermeintlich verbummelten Nation mal richtig zu zeigen, wie minderwertig die Leute doch dort sind, jenseits vom Bosborus, und dass sie schön die Klappe zu halten hätten im Chor der modernen Welt, und das geht (ging) so:

    Der männliche Muslim ist ein Ziegenficker, in seiner Zurückgebliebenheit und Amoralität und Not hätte er nichteinmal ein ordentliches Bordell – ausser den Ziegen, selbstredend.

    Ein deutliches und rassistisch gemeintes Stigma gegen DIE Muslime.

    Ja, fast vergessen, in UNSERER modernen Welt, da längst verpönt, wie alles Rassistische und Völker Stigmatisierende.

    Und nun:
    Nicht mehr vergessen.
    Wieder im „Spiel“ – der Rassismen und widerlichen Stigmen, weil von einem kleinen schmalen Männchen, das sich sehr lustig und noch mehr listig wähnt (und einen öffentlich-rechtlichen TV-Sender sogar davon überzeugen konnte) als eitle exaltiert benutzte Selbstprofilierung auf den Spieltisch der Völkerschmähungen zurück geworfen, „neuwertig“ wieder „hoffähig“ weil zitierbar gemacht, wenn auch nur als ungeschickt ungefickt geschädeltes Schmähmuster, das in einer sogenannten Satire nur benutzt würde, um Schmähung zu dokumentieren.

    Leicht – aber wenig listig gesagt und getan:
    Ist erst einmal Fahne hochgezogen, ist es Wurscht von wem und in welchem Kontext – ALLE, aber auch wirklich alle (nicht nur ZweiDummeF..-Zuschauer) können und sollen lachen, darüber, über den Muslim als Ziegenficker E. und diesen nun ganz schlecht befinden ob dieser (und andere Widerwärtigkeite von Muslimen)m, wohl so nebenher auch wegen seiner inzwischen immer mehr fast faschistoiden Machenschaften, aber noch mehr soll daran über den so sich als Satiriker der sittlichen und geistigen Unterwelt auszeichnenden Böhmermann gelacht werden.
    Gelacht.
    Am rassistischen Stigma.

    Was denkt jeder ehrliche Muslim in D oder jenseits des Bosborus nun?
    Ist er auch gemeint mit der Wiederbelebung dieses widerlichen Rassenstigmas?

    Hallo Kevin, es geht hier primär nicht um Majestätsbeleidigung, die ist Schnulpe.
    Hier sind Millionen von Muslimen widerlich in ihrer Ehre verletzt durch Aufkochen dieses alten rassistisch gemeinten Stigmas der angeblichen muslimischen Z – Fickerei.

    Und sollte unter den so geschmähten und beleidigten Muslimen sich auch ein gewisser Herr E. befinden, ist festzustellen: Ja, auch der ist als Muslim geschmäht und beleidigt, da spielt das „Majestätsamt“ überhaupt keine Flöte, es reicht, das da eben auch ein Muslim rassistisch angegriffen wurde.

    So, und nun – Luftholen – reden wir mal über Satire, was die „darf“ und – was sie SOLLTE …
    Und all die berühmten GraFiker, Vorzeige-Sozis, von den Künsten Lebende und Rechtsgewandte, die da dem Böhmermännchen so toll noch immer Beifall und Solidarität zollen und meinen, sie wüssten allein, was Satire ist oder nicht (z.B. „Sautüre“), dürfen nun ein wenig in sich gehen und – wie beim ZDF bereits geschehen – fix mal ihre sogenannten „Solidaritätsspuren“ und diesbezüglichen künstlerischen Satiretorten verstecken, sonst stellt die Welt noch lange danach fest, wer wie (un)fähig und willens war, die Satire zeitweilig zu instrumentalisieren, nur um „zu zeigen, was Satire NICHT darf…“, indem man das Gegenteil behauptete.
    So, nun muss ich endlich mal zum Waschbecken, und bitte: Das ist nun wirklich KEINE Satire. …

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