Rose_ZitatTragödien dürfen kein Verstärker für das sein, was Menschen eh loswerden wollen. Tragödien rufen zurecht nach einem Moment des Schweigens. Ein Kommentar.

Die Reaktionen auf gewaltsame Zwischenfälle im öffentlichen Raum sind mittlerweile ein Ritual. Sie folgen dem immer gleichen Muster: Großes Nachrichten-Durcheinander in den ersten Stunden danach, dann die ersten „Was wir bisher wissen“-Beiträge, die austauchbaren Beileidsposts samt passendem Icon, dann die politischen Bewertungen inklusive der verbalen Amokläufer, Hetzer und Quartalsirren, schließlich die philosophische Betrachtung der Metaebene von Edelfedern zur Frage, was das alles für unsere Freiheit zu bedeuten hat, und dann die unvermeidlichen Beiträge die vom Leben am jeweiligen Ort berichten, das einfach weiter geht und sich nicht beeindrucken lässt. Und auch wenn völlig unklar ist, was in Berlin am Breitscheidplatz eigentlich passiert ist, es ist derselbe Kreislauf aus Worthülsen und Sprechdurchfall wie wir ihn nach den Anschlägen in Paris, Brüssel, Nizza erlebt haben. Und parallel dazu trauern Menschen um Freunde, Angehörige und Bekannte, ringen Verletzte mit dem Leben. Schweigeminuten oder besser Schweigetage wären angebrachter. Besinnung statt Beschallung.

Nach Aleppo schockt mich ein LKW im Glühweinstand nicht mehr

Ich gestehe: Nachdem ich von Mittwoch bis Sonntag in meiner Facebook-Timeline ungefragt zahllose verstümmelte Kinder, tote Alte, zerbombte Häuser in Aleppo gesehen habe, und am Montagnachmittag noch den durchgeknallten schreienden und um sich schießenden türkischen Polizisten in Ankara serviert bekam, schockt mich ein Tieflader in einem Glühweinstand nicht mehr. Bei allem Mitgefühl für die Opfer und ihre Angehörigen. Und auch wenn das alles 20 Minuten vor meiner Haustür passiert. Ich kann da nur die vielen Posts meiner syrischen Freunde zitieren, die fragten: Wo ist eigentlich der Facebook Safety-Check für die Menschen in Aleppo?! Die Wahrnehmung der Grausamkeiten auf dieser Welt ist übel verzerrt. Zu Lasten derer, die an Orten leben, zu denen wir keine emotionale Verbindung haben.

Verbale Amokläufer

Und während dieses Ungleichgewicht schon schwer zu ertragen ist, kommen dann so Clowns wie Klaus Bouillon. Der Mann ist eigentlich Innenminister des Saarlands. Er bezieht seine nationale Sprechlegitimation gerade aus dem Vorsitz der Innenministerkonferenz. Das ist eine Art Wanderpokal für regionale Politiker, der dafür sorgt, dass immer mal wieder Menschen auf nationaler Bühne reden, die dort zurecht nie angekommen sind, und die mit ihren Meinungen verbale Unfälle verursachen. Herr Bouillon meint, wir sind im Krieg. Was Herr Bouillon macht ist unreflektiert, unverantwortlich, eigentlich ist es einfach nur peinlich. Und es ist von den Medien nicht viel klüger so ein Statement in Echtzeit zu verbreiten. Manche Dinge werden gesagt, damit man sie niemals hört. Die Sprechleistung von Leuten wie Bouillon gehören in diese Kategorie. Er ist dort leider nicht alleine.

Von wegen „es geht weiter…“

Und dann ist da auch viel Suggestion im Spiel der Kommentierung und Einschätzungen. All die Beiträge über Städte, die nach Tragödien angeblich einfach weiter machen als sei nichts gewesen. Die Vorstellung, dass Menschen in Bars für Freiheit trinken und in Clubs für Diversität tanzen. Zack, Party. Mit Verlaub: das ist Bullshit. Natürlich geht es nicht so weiter. Als ich diesen Herbst mal wieder vier Wochen in Paris lebte, blickte ich von meinem Fenster aus auf eine Straßenkreuzung mit zwei Bars. Beide Orte waren Ziel der Anschläge am 13. November 2015. Und ich hab da oft runtergeblickt und versucht das zu verstehen, während am Kühlschrank unserer Vermieterin eine handschriftliche Notiz klebte mit der Aufschrift „Ich habe keine Angst vor der Straße.“ Natürlich geht es nicht so weiter. Wer was anderes behauptet, macht sich und uns was vor. Auch das ist unverantwortlich.

Kommunizieren können ist eine technische Fertigkeit, die wir alle haben. Denken können eine Gabe, mit der nun wiederum nicht alle gesegnet sind. Tragödien sind keine Produktions- und Projektionsfläche für unbedachte Meinungen, für unreflektierte Rituale – sie dürfen kein Verstärker für das sein, war Menschen eh loswerden wollen. Tragödien verpflichten uns zur Besinnung, zum Innehalten. Sie rufen zurecht nach einem Moment des Schweigens. Wie gut, dass jetzt Weihnachten ist.

Dem Autor auf Twitter folgen: @MarioMuenster

1 Kommentar

  1. Lusru Antworten 27. Dezember 2016 at 21:50

    Die Frage war: Und was meinst du dazu?
    Das hier:

    Wegen des Schweigens, wenn man nichts weiss:
    Es war kein „Tieflader“, es war ein LKW, ein „Ferntransporter in etlichen Glühweinständen“, besser: in etlichen Menschenleibern.

    Wegen „Aleppo“:
    „Nachdem ich von Mittwoch bis Sonntag in meiner Facebook-Timeline ungefragt zahllose verstümmelte Kinder, tote Alte, zerbombte Häuser in Aleppo gesehen habe …“
    Danke, dass Sie korrekterweise von „Aleppo“ und nicht maingestreamt dabei nur von „Ostaleppo“ reden …
    Und ja, „Wo ist eigentlich der Facebook Safety-Check für die Menschen in Aleppo?!“
    Und wo der Facebook Safety-Check für alle (westlichen und östlichen) Staaten, die den Krieg in Syrien und damit in Aleppo bezahlten??
    Die einen „syrischen Frühling“ inszenierten, mitten im Herbst?? !!
    Die „Schmetterlinge“ mit modernen Raketen ausrüsteten, um auf der „Assad“-Seite alles nicht-Sunnitische zu eliminieren?
    Es ist nie nur das Leid an einer Stelle, die mir gerade nutzt:
    Jede Münze hat bekanntlich zwei Seiten und dazu unwiderruflich noch einen RAND, der diese zusammenhält …

    Wegen der „Verbalen Amokläufer“, z.B. eines Innenministers:
    „Innenministerkonferenz. Das ist eine Art Wanderpokal für regionale Politiker, der dafür sorgt, dass immer mal wieder Menschen auf nationaler Bühne reden, die dort zurecht nie angekommen sind, und die mit ihren Meinungen verbale Unfälle verursachen. Herr Bouillon meint, wir sind im Krieg. Was Herr Bouillon macht ist unreflektiert, unverantwortlich, eigentlich ist es einfach nur peinlich. Und es ist von den Medien nicht viel klüger so ein Statement in Echtzeit zu verbreiten.“
    Kommentar:
    Man „ist“ nie „im Krieg“, sondern „wir führen Krieg“, Krieg bricht nicht aus, sondern wird von Menschen gemacht, Krieg ist eben nicht wie „Wetter“ – und? Führen WIR solchen Krieg?

    Nun, falls nicht bekannt:
    Die republikane Föderation Deutschlands ist bisher über viele Jahre ein Hort verbaler Demokratie und auch echter gewesen, da klingt es reichlich dilletantisch und uninformiert, Teile davon als „Wanderpokal“ zu girlandisieren, da entsteht der böse Eindruck, man hätte doch lieber nur einen einzigen Innenminister für ganz Deutschland – aua weiha …
    Allerdings:
    „Verbaler Amokläufer“ ist korrekt, der Mann schert in der Tat nicht aus der allgemeinen „grossen VerMerkelung“ aus, die wohl derartige Taktfrequenzen vorgibt …
    Ja, „Er ist dort leider nicht alleine.“

    Wegen
    Von wegen „es geht weiter…“:
    Ja: Bullshit!
    Wenn ein GANZES einen Sprung erfährt, ist das wie im Porzellan (und den Elefanten dort):
    Er ist nicht zu kitten, wie in den Seelen und Psychen der Menschen, der Beteiligten, der Betroffenen, der Informierten, der agitatorisch in scheinbarer Not verdrehten Aktivisten, die dann immer lautstark (wie auch die Unmassen von seltsamen „Experten für …“) plötzlich auftauchen und sich zum Wortführer erklären …
    Wir können ab da nur „MIT dem SPRUNG“ weiter existieren, mit dem Wissen um ihn.
    So ist alles andere an Deutungskreationen in der Tat nur Bullshit – und dennoch:
    Was Besseres zur Hand??
    Oder versammeln wir uns nun alle lebenslänglich um den Sprung, und den, und den nächsten, und alle anderen?

    „Tragödien sind keine Produktions- und Projektionsfläche für unbedachte Meinungen, für unreflektierte Rituale – sie dürfen kein Verstärker für das sein, was Menschen eh loswerden wollen. Tragödien verpflichten uns zur Besinnung, zum Innehalten. Sie rufen zurecht nach einem Moment des Schweigens. Wie gut, dass jetzt Weihnachten ist.“
    Wieso? Was hat denn das mit Weihnachten zu tun? Das „Wie gut“ rufen Sie mal nicht nur den Opfern in Aleppo sondern auch denen vom Berliner Weihnachtsmarkt zu, denn beide haben viel miteinander zu tun – und fast nichts mit Weihnachten.
    Allerdings:
    Innehalten – ja, nur wie sagen wir das den Terroristen?
    Terrorismus ist keine Tagödie, da ist nichts „tragisch“ (wie: „ausweglos“) daran, sondern das sind gezielte bewusst gesteuerte (un)menschliche Entgleisungen, die sehr wohl reichlich Auswege gehabt hätten …

    Also:
    Nicht „Tragödien“, sondern fieses menschenfeindliches Handeln von verblendeten Fanatisten „sind keine Produktions- und Projektionsfläche für unbedachte Meinungen, für unreflektierte Rituale“, allerdings sollten sie sehr wohl Verstärker sein für Besonnenheit und Freundlichkeit im Umgang miteinander, für gemeinsame Konsequenz gegen jeden Terrorismus.
    Auch an Weihnachten, dem Fest der Christen, die seinerzeit sich damit vom Jüdischen Original abgrenzen wollten.

    Und last not least:
    Ob Tragödien oder jegliche andere Kunst – Selbstverständlich waren und sind das schon immer „Projektionsflächen für ALLES, was Menschen eh loswerden woll(t)en“ – Wozu lieben wir sie sonst?

    Wie auch immer:
    So oder so geht es um Frieden, um Rosen in den Herzen und Seelen, um rosengarden

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top