Rose_HipsterWas passiert, wenn der Gang zum Bäcker schon eine Lifestylefrage ist…

Ach, es geht doch nichts über diese Szenen. Ihr wisst schon DIESE Szenen, die sich niemand ausdenken kann, die nur die Realität schafft. Also, Sonntagmorgens beim Bäcker… Naja, was heißt hier Bäcker, einer dieser neuen Teigtempel zwischen Kreuzberg und Neukölln. Erstklassiges Brot. Ich fahr die zehn Minuten bei 30 Grad mit dem Rad ja nicht dahin, weil mir langweilig ist.

Die geographische Lage will es nun, dass da viel altes reiches Kreuzberg hingeht und viel neues reiches Kreuzberg; und Neukölln. Will meinen: viele gehen dahin, weil der Gang zum Bäcker ja heute vor allem eine Lifestylefrage ist. Wo man hingeht und wo man gesehen wird (entweder in echt oder später auf Instagram), ist ja eine Frage des Lebensentwurfs. Natürlich geht es nicht um kulinarische Liebhaberei, weil Food ja heute Fashion. Holz, Kaktus, Pflanze, nackter Beton, ihr wisst schon, Hauptsache die Optik stimmt. Menschen, die eine Stunde damit verbringen Gegenstände so zu arrangieren, dass es wie eine zufällige Szene aussieht, um das Ganze dann als beiläufigen Schnappschuss aus ihrem Leben bei Instagram zu posten und mit so vielen Hashtags zu versehen, dass es für 24 Likes reicht.

… was unsymmetrisch Schwarzes und Birkenstocks…

Also, SIE war auch da. SIE, die in dieser unnachahmlichen Art gekleidet war, die Individualität schreien will, aber eben auch nur die tausendste Reproduktion der Fashion-Uniformität gentrifizierter Metropolen-Bezirke ist. Sprich: Irgendein unsymmetrisches schwarzes Kleid und Birkenstocks. Ich unterstelle ihr, dass ihr Hauptgrund für den Besuch bei diesem Bäcker war, dass sie für diesen Tag noch ein Foto für ihren Instagram-Feed brauchte. Ich bin mir nicht sicher, ob sie den Unterschied zwischen gutem und schlechtem Brot schmeckt oder ob sie weiß, das Brot in der Regel nicht glutenfei ist.

Nun ja, sie bekommt ihren Cappuccino (ach, sie will gar kein Brot, stimmt) im Pappbecher gereicht von der eh schon sichtlich genervten Barista, die vermutlich seit zwei Stunden schon mit den Sonntagmorgen-Lifestyleproblemen ihrer Kunden konfrontiert ist – von „der kleine Lukas will sich sein Brötchen selbst aussuchen“ bis hin zu „habt ihr auch Mandelmilch?“. Nein, sie wolle den Cappuccino zum HIER trinken, nicht zum mitnehmen, sagt SIE. Ah, ob sie ihn denn vielleicht dennoch aus dem Pappbecher, weil er ja nun schon fertig? Nein, das ginge nun nicht. Aha. Umgekehrt hätte ich es verstanden. Willst nen Kaffee zum mitnehmen und bekommst ne Porzellantasse in die Hand, gut, das wäre blöd. Willst dann ja auch nicht die Tasse am Nachmittag zurückbringen und vorher über den International Hipster Market am Maybachufer tragen. Also gut, Pappkaffee wird in die Ecke gestellt, neuer Kaffee gemacht. Super, oder?

Sind so Momente da wünscht man sich, dass die kleine Barista über sich hinauswächst, den nett gemeinten Servicegedanken mal ein wenig beiseite schiebt und einfach sagt: Hör mal zu du, tut mir leid, dass ich das jetzt falsch mitgeschnitten habe mit deiner Bestellung, aber glaub mir, der Kaffee ist derselbe, hinter dir in der Schlange stehen zehn Leute von denen die Hälfte ’ne Neurose hat, der Typ der gerade vom Joggen kommt schwitzt mir hier den Laden mit seinen ekelhaften Ausdünstungen voll und du willst mir jetzt erzählen, dass du deinen Kaffee nicht aus dem Pappbecher trinken kannst? Dann fürchte ich, dass ich heute keinen Kaffee für dich habe.

In meiner Fantasie applaudieren dann die drei Menschen in der Schlange, die wirklich wegen dem guten Brot hier sind, die Barista wäre unsere Heldin für einen Tag und… naja… mal sehen, was nächsten Sonntag so geht.

3 Kommentare

  1. Horst Antworten 31. August 2016 at 11:37

    Gut beobachtet und Zeit das auch zu sagen.

  2. www.gemeinde-neuhaus.de Antworten 31. August 2016 at 17:13

    Search … wenn du merkst das was nicht stimmt in diesem Land,
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  3. Christiane Antworten 9. September 2016 at 11:11

    wirklich sehr gut beobachtet – ich glaube ich weiß welchen Bäcker Du meinst 🙂 Ich mag auch, wenn man bei einen Burger mit Pommes für 5€ im türkischen Biergarten nachfragt, ob alles Bio und regional ist und wo die Pommes herkommen (Antwort: aus der Kiste!)

Was meinst Du dazu?

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