Rose NerdSteen T. Kittl hat gemeinsam mit Christian Saehrendt ein Buch über den Schönheitswahn geschrieben, der zunehmend auch Männer betrifft. Titel: „Du hast die Haare schön“. Mario Münster traf ihn zum Gespräch über Protestbärte, Selbstoptimierung und unsere ästhetische Verantwortung. Eine Kurzbesprechung des Buchs gibt es hier.

 

Was war der Antrieb für Euch ein ziemlich kurzweiliges und augenzwinkerndes Buch über den Schönheitswahn und Haare zu schreiben?
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Steen T. Kittel (Foto: Dirk Schaper, Berlin)

Die Themen Schönheit und Selbstoptimierung sind in unserer Alltagskultur sehr präsent. Aufgrund der Machtverschiebung im Geschlechterverhältnis legt der neue Mann auch forcierte Schönheitsbemühungen an den Tag, vielleicht sogar aus Überlebensfragen! Denn die Frau ist für ihre gesellschaftliche Anerkennung nicht mehr auf den Mann angewiesen, sie überholt ihn sogar in vielen Bereichen. Männer müssen jetzt außer Muckis und Moneten mehr zu bieten haben. Wir haben das Buch aber nicht nur mit der Perspektive auf Männer und ihre Schönheitspraktiken geschrieben. Wir betrachten Schönheit allgemein als ein Land, das der Mensch in seiner Entwicklung gerade erst betreten hat und sehen mit der entsprechenden Neugier darauf, in welche Richtungen wir uns darin noch verirren werden.

Du nennst das Stichwort Selbstoptimierung. Das betrifft ja viele Bereiche im Leben: Partnerschaft, Berufswahl, Biografieentwürfe … wie sehr war das Thema Selbstoptimierung auch losgelöst von Schönheit wichtig für das Buch?

Obwohl es vor allem um das Oberflächendesign von Mann und Frau geht und was der Schönheitskult mit uns so macht, zieht sich auch das Thema Selbstoptimierung durchs Buch. Selbstoptimierung und was wir von unserem Leben erwarten – also was wir maximal aus unserem Leben herausholen wollen – berührt ja auch das Paradox, mit dem wir alle heute leben: Du sollst authentisch sein, deine Persönlichkeit entfalten, „dich selbst verwirklichen“. Und gleichzeitig musst du superflexibel und ständig experimentierbar sein, dich jederzeit ändernden Verhältnissen anpassen können. Das ist ein Widerspruch, der besonders heftig in die Beziehungen und die Arbeitswelt wirkt.

Was macht das denn mit uns? Dieser Drang und die mutmaßliche Chance alles zu optimieren?

Es ändert vor allem Liebesbeziehungen. Bist du der richtige Partner für mich und wenn ja, wie lange? Liebesbeziehungen stehen heute auf dem Prüfstand wie früher Autos und sind Gegenstand nüchterner Kalkulationen. Das setzt die Menschen unter den Druck darzustellen „mit mir ist das Optimum zu erreichen“.

Vor allem Social Media hilft uns ja dabei ein attraktives Ich zu konstruieren, ein Soll-Zustand, den wir vielleicht nie erreichen, den wir aber als unser Ich präsentieren. Ist das auch ein Thema in eurem Buch?

Klar, das spielt eine große Rolle im Buch. Es gibt Szenen, bei denen Flirt- und Kennenlernportale eine Rolle spielen. Wenn sich die Menschen aus der virtuellen in die echte Welt begeben kommt es oft zum großen Knall. Sehe ich so gut aus wie der Typ auf meinem Foto online? Wobei wir das natürlich mit viel Humor behandeln. Wir wollen niemanden frustrieren oder Kummer verbreiten.

Macht die Menschen das Streben nach dem Optimalzustand eher glücklich oder unglücklich? Man könnte ja auch meinen, dass ein optimiertes Leben ein glücklicheres Leben ist. Oder gibt es eher eine permanente Unzufriedenheit?

Die ganze Aufregung um das Thema Schönheit macht die Menschen aus meiner Sicht tendenziell unglücklicher, weil sie sich permanent mit global verbreiteten, unwahrscheinlich schönen Vorbildern vergleichen. Daher rührt auch diese widersprüchliche Haltung zu dem ganzen Hussle um Models, Castingshows et cetera. Wir machen mit, zum Beispiel als Zuschauer und regen uns ständig darüber auf. Auch wenn man glaubt, man stünde darüber, ist man mit seiner Wahrnehmung und den so geeichten Sinnen Teil davon.

Das Interview geht auf der 2ten Seite weiter …

Bärte

Illustration: Sarah Egbert Eiersholt

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