Rose_LyrikDie Journalistin Evelyn Roll hat uns einen leidenschaftlichen Tritt in den Hintern verpasst. Ihren Essay „Wir sind Europa“ sollte wirklich jeder lesen, der nach einem Anstoss sucht, sich endlich für ein starkes Europa einzusetzen.

„Arsch huh, Zäng ussenander“ war das Motto einer Großdemonstration in Köln im Jahr 1992. Eine Reaktion auf eine Reihe fremdenfeindlicher Übergriffe im frisch vereinten Deutschland.

Fast 25 Jahre später sind die Probleme von damals nicht behoben und der Nationalismus nicht nur in Ostdeutschland sondern in ganz Europa wächst. Die mit den einfachen Antworten und den verkürzten Parolen marschieren geradewegs vom Stammtisch über die Straße hinein in die Parlamente.

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Und wir? Wir sitzen in unserer Komfortzone und können uns zwischen fatalistischem Zynismus und „man müsste mal“ nicht entscheiden. Wirklich richtig wäre allerdings sich einzumischen. Und wer nach Gründen sucht, den inneren Schweinehund zu überwinden, der sollte Evelyn Roll‘s Text lesen, der als Essay im Februar in der Süddeutschen Zeitung erschien und nun in Buchform als Streitschrift gegen den Nationalismus vorliegt.

Unsere Stimme gegen Bequemlichkeitsnichtwisser

Den Text zu lesen dauert eine Stunde und ich möchte auf jeder zweiten Seite einen Satz am liebsten gleich bei Facebook posten. Zum Beispiel: „Demokratie funktioniert nicht, wenn aufgeklärte Demokraten erschrocken schweigen, während Bequemlichkeitsnichtwisser zusammen mit den aufrichtig Verunsicherten und den Fundamentalisten schon auf der Straße sind…“

Ja, man fühlt sich ertappt. Roll attestiert ohne Umschweife, dass diejenigen, die es sich im historischen Fortschritt eines vereinten Europas bei Chianti und Wanderurlaub bequem gemacht haben und auf die selbstreinigenden Kräfte der Geschichte hoffen, auf dem Holzweg sind. Ihre These: Es gibt deutlich mehr Menschen, die ein vereintes, weltoffenes und gemeinsam starkes Europa wollen als Nationalisten. Bloß sind sie nicht aktiv, nicht vernetzt. Evelyn Roll blickt in ihrem Text auf die pazifisch zentrierte Weltkarte und erklärt uns, dass Europa überhaupt nur Relevanz hat, wenn es vereint auftritt. Dass unsere Interessen in dem Spiel von alten und neuen Großmächten nur gehört werden, wenn Europa gemeinsam stark ist, wenn Wörter wie Brexit, Orbàn und AfD schnell wieder in den Geschichtsbüchern verschwinden – als Vokabeln einer vorübergehenden Verirrung.

Das Schönste an dem Text: Er bleibt nicht bei Analyse und Appell stehen, sondern er gibt ganz konkrete Tipps dazu, was jeder mit wenigen Klicks tun kann, damit Europa nicht den Nationalisten in die Hände fällt. Also: Anstatt die nächste Polit-Talkshow im TV  einfach mal diesen Text einatmen.

Lesebefehl!

1 Kommentar

  1. D. Hauber Antworten 31. Mai 2016 at 6:40

    Vielen Dank für den Hinweis auf den interessanten Essay von Evelyn Roll.

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