Rose DrinksImmer mehr Produktkampagnen versuchen sich daran ein mutmaßliches Lebensgefühl zu inszenieren. Da kann einem schon mal schlecht werden.

Am frühen Abend sitze ich vor dem Platoon. Drinnen ist das halbe Alt-Berlin aufgebaut. Stettmann meinte vor Kurzem, das sei ziemlich traurig. Alles habe eben seine Zeit. Wir warten trotzdem darauf, dass der Laden endlich aufmacht.

Ein warmer Sommerabend. Eh ein Wahnsinns-Sommer dieses Jahr. Die endlose Masse an Radfahrern zieht an uns vorbei. Viele Frauen und Männer auf Rennrädern. Auch schöne. Es ist eh alles so schön in diesem Licht.

Ich wundere mich über einen unruhigen Text auf einem Plakat an der Litfasssäule. Irgendwas mit Philosophie. Auf dem Bild ein Hintern. Normalerweise klebt an solchen Motiven schnell „sexistische Kackscheisse“.

meine LEBENS
PHILOSOPHIE?
WENIGER
PHILOSOPHIEREN!

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Foto: Christian Neuner-Duttenhofer

Bier, Tequila, Zuckerplörre. Fünf Prozent. Knapp unter Starkbier. Egal. Werbung.

Dann einen Tag später. Wieder eine Säule. Wieder ein unruhiger Text.

DU WIRST DICH SPÄTER NICHT
AN DEINEN tollen TAG
AM SCHREIBTISCH

Dazu springen ein paar jungen Menschen im Sonnenschein über eine Sanddüne. Aber eigentlich sieht es irgendwie so aus, als ob sie sich ins Nichts stürzen. Kollektivselbstmord. Lemminge. Feierabend. Forever.

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Foto: Christian Neuner-Duttenhofer

Das ist es, was Werber sehen müssen? Das ergeben all die Zielgruppenanalysen? Das zeigt ihnen der Blick in die Hirne der Jugend? Arme Werber, denke ich. Damit müssen die also täglich umgehen. Nichts können sie bei der neuen Generation voraussetzen. Keine Interessen. Keine Philosophie. Kein Nachdenken. Kein Gespräch über das Leben, über den Sinn. Kein Grip, keine Grips. Nur hohle Birnen. Das ist bedauerlich.

Da hilft offensichtlich nur Alkohol. Auch, um die Vorstellung vom endlosen Dahinsiechen an Schreibtischen, über die niemals etwas Wesentliches gehen wird, zu ertragen. Ein Schreibtisch ist immer nur Arbeit. Und Arbeit, ganz egal wo und für was, ist Leere. Nicht der Erinnerung wert. Ist das trostlos.

Aber wir leben in zynischen Zeiten. Und junge Menschen auf ein möglichst sinnfreies Leben festzunageln, passt sehr gut dazu.

Dann erst stellt sich mir die Frage, ob man zu Werbung überhaupt etwas schreiben soll.

Ich weiß, was sie sagen werden. Nimm doch nicht alles so ernst. Hauptsache es funktioniert. Und du selbst redest ja sogar darüber. Das ist es, was Werbung leisten soll. Noch ein bisschen „Altenheim“ und „#TUWASGUTES“ auf der Website der Kampagne. Und am Ende sollen sie den Scheiß einfach kaufen. Punkt.

Und wir leben in indifferenten Zeiten. Also, was geht mich das an. Werbung. Ich schalte um, ich überblättere, ich mach die Augen zu. Aber ich werde noch mehr zugemüllt, ohne Erbarmen und pausenlos.

Also geht mir aus der Sonne. Ich schreibe nichts zu diesen Plakaten.

1 Kommentar

  1. Roman Antworten 11. Oktober 2014 at 6:02

    Hm… so etwas erinnert mich immer an die ganzen Selbstmorde der Jugendlichen in unserer Region. Die hatten auch die Idee über das Leben zu Philosophieren und dann sind sie trübe, matt, energielos geworden bis sich einer erhängt hat. Dort ging es meistens um das „beschissene Alltagsleben“. Was heutzutage den Gedanken, sich selbst umzunieten, deutlich vereinfacht.

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