Rose NerdEndlich gibt es den ersten großen Berlin-Artikel im Rosengarten. Wir haben lange gezögert. Und jetzt doch ein Versuch mit Worten zu fassen, was eigentlich kaum zu begreifen ist.

Sechzehn Monate habe ich es ausgehalten, diesen einen Berlin-Artikel nicht zu schreiben. Seitdem es ROSEGARDEN gibt, drängt der sich ja praktisch auf. Dieser eine Artikel, den alle mal schreiben müssen. Die Volontärin bei der sich selbst überschätzenden Berliner Tageszeitung. Oder der Seite-Drei-Grand-Seigneur und Weltenbummler aus #HamburgMünchenFrankfurt, der in einem ausschweifenden Beitrag noch mal so richtig vom Leder ziehen muss über das ungehobelte Provinznest an der Spree. Ach ja, und die Ostküsten-Intellektuellen-Gazetten von der anderen Seite des Atlantik. Die müssen diesen Artikel natürlich auch schreiben. Fremdsicht und so. Zeitgeist-Aufspürer erster Güte sind die ja.

Ich habe mir diesen einen Artikel bisher verkniffen. Weil alles gesagt, alles richtig gedeutet und fehlinterpretiert wurde, was man in so eine sich entwickelnde Stadt hineindeuten und herauslesen kann. Und weil ich den Rosengarten nicht zum Teil dieser Kakophonie machen wollte.

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Foto: Bastian Wegner

Aber jetzt halte ich es nicht mehr aus. Vielleicht liegt es daran, dass ich mal wieder für einen Monat nicht in der Stadt war und einem nach der Rückkehr hier alles viel absurder erscheint. Oder weil gerade auch einfach wieder viel los ist hier. Fashion Week, Polizeiaufmärsche, Baustellen, Sommertouristen, Weltmeisterschaft.

Willkommen zurück, Arschloch

Ich war keine 14 Tage wieder hier und musste mich schon vier Mal auf der Straße beschimpfen lassen. Arschloch und solche Sachen… kennt man ja. Ist schon o.k., meine Tage sind auch nicht alle grandios. Ungefähr neun Mal hatte ich den Eindruck, mich für meine Bestellung an irgendeiner Kasse oder Theke entschuldigen zu müssen. Kürzlich stand ich mit einem Freund, der seine Heimat San Francisco gegen Berlin eintauschte und noch an seinen Deutschkenntnissen arbeitet, in einer Schlange vor diversen Händlern. Einer der Händler versuchte mit vielen Gesten und gutturalen Lauten die Menschen vor seiner Theke in seinem Sinne zu dirigieren. Für meinen Freund klang es wohl wie das Bellen eines tollwütigen Hundes. Er war mal wieder fassungslos.

Ein Alltag zwischen „Yeah!“ und „F…ck!“

Ich gerate hier aber auf eine falsche Spur. Ich will ja gar keinen Berlin-Bashing Artikel schreiben. Viel eher schwebt mir ein diplomatisch-dialektischer Seiltanz vor, der die ausgewogene Ambivalenz zwischen „Yeah!“ und „F…ck!“ transportiert, die hier zu meinem Alltag gehört.

Aber leider gibt es halt auch viel auszusetzen. Und so ein Fisch, der stinkt bekanntlich… Also fällt mein Blick auf den Reagierenden Bürgermeister der Stadt. Um das vorwegzunehmen: Seit zwanzig Jahren bin ich SPD-Mitglied. In der Regel mit großen Schmerzen. Oft mit einem schlimmen Schamgefühl. Aber am Ende des Tages gibt es keine andere Partei, die alle gesellschaftlichen Milieus abbildet. Vom Jungunternehmer über die Rentnerin bis hin zum Horst aus der Kleingartenkolonie. Deshalb darf sie sich Volkspartei nennen. Problematisch wird das eben alles erst, wenn Horst aus der Kleingartenkolonie Minister wird – oder sagen wir mal: Regierender Bürgermeister.

Klaus Wowereit hat vor ein paar Jahren einen Satz gesagt, der mir jedes Mal, wenn ich ihn lese, den Puls auf Formel 1-Niveau beschleunigt. Berlin sei arm aber sexy. In einer idealen Welt würden die Armen Klaus Wowereit mit faulem Obst bewerfen für diesen Quatsch. Und alle zusammen hätten wir in abgewählt. Denn was Klaus Wowereit und sein Hofstaat für ein cooles Label halten, ist eigentlich das auf den Punkt gebrachte Zeugnis eines politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Versagens. Denn in Berlin sind viele arm. Und wenige sexy. Aber anstatt etwas daran zu ändern, begnügte man sich damit, dem Malheur einen scheinbar pfiffigen Namen zu geben – #VerkaufenStattMachen.

Eine Stadt wie ein psychisch Kranker – im Zustand einer permanenten posttraumatischen Belastungsstörung

Klaus Wowereit wurde aber nicht abgewählt. Warum? Weil Berlin vielleicht mit etwas Distanz betrachtet einen kaputten Eindruck macht, in sich wiederum aber von einer sehr stabilen und schlüssigen Architektur getragen wird. Man kennt das Phänomen bei psychisch Kranken. Von außen betrachtet ist man erschüttert. Innerhalb dieser kranken Welt macht das alles Sinn und ist logisch. Wenn man erst mal akzeptiert, dass die Außerirdischen durch die Radios zu uns kommen, ist es nur folgerichtig Radios zu vernichten. Also hat Berlin den Bürgermeister, den es verdient. Und keine Lösung für seine Probleme.  Nun wäre es sicherlich auch ziemlicher Quatsch dem Senat und seinem Vorsteher die alleinige Schuld an vielen Problemen zu geben. Die Taten- und Ideenlosigkeit ist dennoch erschreckend.

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Foto: Tabea Mathern

Berlin scheint auch ein merkwürdiges Image zu haben. Wir kennen das ja alle. Wenn wir im Ausland sind, nehmen wir gerne die Sitten der Einheimischen an. Laufen mit einer Baguette unterm Arm durch Paris, trinken in Rom sechs Caffè am Tag… Viele Menschen, die nach Berlin kommen, machen das genauso. Deshalb pissen sie nachts in Hauseingänge oder kotzen auf die Warschauer Brücke. Macht man doch hier so, oder? Nein, Jörg aus München, Pablo aus Sevilla und Wayne aus Manchester! Das machen wir hier eigentlich nicht so. Aber ich verstehe, dass man das nicht wissen kann, wenn sich keiner darüber beschwert und das Bier so billig ist.

Berlin hat eben nicht über Jahrhunderte gewachsene Traditionen und Rituale. Wie auch?! Die Stadt war im vergangenen Jahrhundert zwei Mal die Heimat politisch Durchgeknallter, sie wurde zerbombt, wiederaufgebaut, in ihrer Mitte zerschnitten und wieder zusammengeflickt. Dann kamen die Politiker zurück. Dann war die Stadt plötzlich cool. Dann kamen die Künstler. Jetzt die Reichen. Aus Südeuropas Krisenstaaten kommen die Jungen, um hier einen Job zu finden und einige Ältere, um hier ihre Barvermögen in Wohnungen zu investieren. Und das alles in hundert Jahren. Entwickle bei so etwas mal eine irgendwie gesunde Identität! Berlin ist in einem Zustand der permanenten posttraumatischen Belastungsstörung. Wer das versteht, der könnte an den richtigen Stellen mit dem Aufräumen beginnen.

Alles so grün in Kreuzberg: Ströbele, Gras und Polizisten. Und Hassprediger an allen Fronten.

Ich wohne und arbeite  ja in Kreuzberg. Da ist es gerade ganz schlimm. Neulich haben da 1.000 Polizisten einen Kiez abgeriegelt, weil eine von Flüchtlingen besetzte Schule geräumt werden sollte. Zumindest so lange bis der weltberühmte Hans-Christian Ströbele eine Art Potsdamer-Frieden ausgehandelt hat. Nun sind die Polizisten weg und das Problem ist noch da. So ist das mit grünen Lösungen manchmal.

Ein paar Tage später geistert ein Video durchs Internet, das einen recht zupackenden Polizeieinsatz am Görlitzer Park dokumentiert. Sieht nicht gut aus. Aber man kann sich sicher sein, dass beide Seiten ihren Beitrag dazu leisten. Die Fronten sind hart: Die Polizei ist schlimm. Die Drogenhändler sind schlimm. Die Anwohner sowieso. Die Touristen erst. Die Fahrradfahrer und die Gastronomen. Dann die Gentrifizierer. Alle gelten im jeweils anderen Lager als Extremisten und Hassprediger. Dabei ist eigentlich alles normal, um es mal mit dem berühmten Spruch meiner Freundin M. zu sagen: Wo Menschen sind, da gibt es Arschlöcher. Und ich ergänze: Wo es viele Menschen gibt, da gibt es folglich… genau.

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Foto: Mario Münster

Das große Aber

Ist hier also alles kaputt und schlecht? Nein. Sonst wäre ich ja nicht hier. Berlin ist in diesen Tagen auch verdammt großartig. Das hat für Menschen wie mich auch viel mit dem Zuzug von kreativem Kapital aus anderen Ländern zu tun. Es ist mittlerweile fast unmöglich geworden mal eine Woche zu haben, in der man nicht eine wirklich spannende und inspirierende Begegnung hat. Das macht ja was mit einem. Mir macht das Spaß und bringt mich, in allem was ich tue, weiter. Mal einen Millimeter und manchmal ein halbes Universum. Mal bleibt es bei einer Begegnung, mal werden daraus Freundschaften. Gehalten wird das alles von einem Kitt aus kreativem Pragmatismus und Do-it-yourself Kultur, der wenig planbar aber vieles möglich macht.

Endlich Gründerstadt

Berlin ist auch endlich Gründerstadt geworden. Auf eine Gründung in München kommen 2,8 Unternehmensgründungen in Berlin. Laut einer Studie von McKinsey können Start-Ups bis zum Jahr 2020 bis zu 100.000 neue Jobs in Berlin schaffen. Trotz Wowereit. Erstmals wächst hier also nicht nur eine prekär lebende Bohemian-Szene, deren Attraktion man vermarkten kann,  sondern ein richtiger Wirtschaftszweig mit echten Jobs und Ideen. Das gab es seit Ewigkeiten nicht in Berlin. Das Spektrum reicht von digitalen Angeboten wie Soundcloud oder EyeEm bis hin zu zahlreichen Sozialunternehmern, die sich beispielsweise ausgehend von Social Impact Lab daran machen, gesellschaftliche Probleme mit Geschäftsmodellen zu lösen. Sicher, das Kapital, das Investoren für diese Ideen bereitstellen ist lächerlich gering verglichen mit den Beträgen, um die es im Silicon Valley geht. Aber Berlin kommt, was das angeht, ja auch von Null und folglich ist jeder Euro ein kleines Wunder.

Die kulinarische Revolution: Orte für Erwachsene, die keine Spießer sind.

Und dann die Sache mit dem Essen. Was ist da denn passiert in den vergangenen fünf Jahren?! Aus den Privatküchen und Hinterhöfen hat die Gastroszene der Stadt eine Injektion Freude, Mut und Professionalität in den Allerwertesten bekommen. Viel zu lange verstand man unter der Aussage „Ich mach ‘nen Restaurant auf“ ja den Vorgang einfach bloß ein paar alte Wohnzimmermöbel aufzustellen, im Großhandel Lebensmittel zu kaufen, deren mindere Qualität man nach Art des jeweils vorherrschenden kulinarischen Trends übertünchte, und billigen Alkohol auszuschenken. Mittlerweile gibt es Läden wie das Parker Bowles, die Kantine Kohlmann oder das Le Croco Bleu. Orte, die erwachsen sind, ohne spießig zu sein. Orte, an denen sich jemand mal die Mühe für ein Konzept gemacht hat. Danke, ihr werdet für immer meine Helden sein! Und dann die irrwitzige Power, die aus der Streetfood- und Private-Chef-Szene kommt. Es ist zwar traurig, das hier neulich irgendwo ein zig Jahre altes Konzept wie farm-to-table als erklärungsbedürftige Innovation verkauft wurde, aber wichtig ist dann am Ende doch, dass der Gedanke hier angekommen ist. Egal mit wie viel Verspätung. Viele mögen das nerdige an dieser Food-Bewegung belächeln. Aber nicht zuletzt die erst wenige Tage alte Ankündigung der kalifornischen Craft Beer Brauer von Stone Brewing, in Mariendorf 25 Millionen Dollar in den Aufbau einer Brauerei zu investieren, macht deutlich:  Wachstum kann richtig gut schmecken.

Das Glück hat seinen Preis

Und natürlich gibt es da diese Sommerabende. Wenn sich die Sonne im Westen der Stadt dran macht unterzugehen und man von der Warschauer Brücke ins Gegenlicht blickt. Wenn es auch um Mitternacht noch nicht kalt wird und man gerade vom Konzert seiner Lieblingsband kommt.

Es gibt hier also beides. Wie in jeder Großstadt. Wer das nicht aushält, der kann ja wegziehen. Und das ist die größte Gemeinsamkeit, die Berlin mit anderen Metropolen hat. Egal ob sie London, Paris oder New York heißen. Das Glück hat seinen Preis.

Und dennoch: Wenn ich die guten und die schlechten Seiten nebeneinander halte, so wird mir eines klar: Die guten Dinge, die sind das Vergnügen und die Chancen von wenigen – in dem Fall mir – die sich genau daraus etwas machen oder in der Lage sind damit etwas anzufangen. Die schlechten Dinge sind grundsätzlicherer Art und betreffen viele. Es wäre doch schön, wenn sich daran mal etwas ändern würde.

Titelfoto: © Ronny Siegel.

2 Kommentare

  1. Martin Antworten 24. Juli 2014 at 22:15

    Ach – da steckt verdammt viel Wahrheit in dem Artikel.
    Dumm nur das man sich an mach trübem Wintertag über Berlin und manche Bewohner noch so sehr ärgern kann, aber spätestens mit dem ersten Sommerabend feststellt, das es einfach keine bessere Stadt auf der Welt gibt!

  2. Pingback: LMH | ‘Berlin ist in einem Zustand der permanenten posttraumatischen Belastungsstörung’

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