Rose_LyrikDas Vokabular des Jahres wirft tiefschwarze Schatten. Aber es gibt endlich auch eine Bewegung gegen die Achse der Unverschämten.

Als Trump gerade gewählt war, veröffentlichten „A Tribe Called Quest“ ein nicht mehr für möglich gehaltenes neues Album. Darauf der Song „We the People“. Ein Monster. Atemberaubend wie er unaufhaltsam schiebt und rollt und so modern nach den 90ern klingt, als wären ihre Energie und Ordnung das Beste gewesen, was wir je hatten. Aber vor allem ein prophetisches Stück zynischer Gesellschaftskritik:

„All you Black folks, you must go
All you Mexicans, you must go
And all you poor folks, you must go
Muslims and gays, boy, we hate your ways
So all you bad folks, you must go“

Der Soundtrack des Jahres in fünf Zeilen. Die Prophezeiung einer neuen Weltordnung, deren Macht wir am 13. Dezember beobachten konnten, als in Aleppo vor den Augen der Weltöffentlichkeit (mal wieder) Kriegsverbrechen begangen wurden. Exekutiert von Assads Regime, offenbar gebilligt von Putin, Iran und anderen. Amerika gelähmt, die Kanzlerin erschüttert, Frankreich außer Gefecht gesetzt, Großbritannien mit sich selbst beschäftigt, die UN verzweifelt. Ein internationales Recht, das nicht greift (kluger Kommentar im New Yorker vom 14.12.2016).

Neue Weltordnung: Die Achse der Unverschämten

Die Architektur dieser neuen Weltordnung ist asymmetrisch. Eine Achse der Unverschämten, die von Trump über Putin, Orbán und Erdogan bis hin zu den Brexit-Betreibern reicht, agiert und macht, was sie für opportun hält – angefeuert und in ihrer Ämter gehoben von einst politikfernen Massen. Dem Rest bleibt die Kraft der Appelle und der Diplomatie. Wie schwach diese Kraft ist, erfahren wir gerade täglich. Daher kommt das Gefühl der Ohnmacht, das viele artikulieren.

Deutschland und andere Staaten, in denen es noch besonnene und handlungsfähige Regierungen gibt, sind in einem Netz internationaler Abhängigkeiten gefangen, in dem man offenbar wohl nicht mehr einfach sagen kann, das Erdogan und Putin grundlegende Gepflogenheiten demokratischer Staaten links liegen lassen. Wobei sagen kann man es vielleicht, aber es gibt keinerlei Handlungsoptionen. So sagen es uns unsere Regierungen jedenfalls. Es gilt ihre Behauptung wonach die offene Konfrontation mit den neuen Unverschämten noch schlimmere Folgen hätte als die Option sie mit erhobenem Zeigefinger und offenem Mund gewähren zu lassen. Aber was kann eigentlich noch schlimmer sein als die andauernden Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Syrien? Die systematischen Inhaftierungen in der Türkei? Der Einzug von Nazi-Website Betreibern ins Weiße Haus? Wenn in diesem Jahr nicht die rote Linie in der Frage, was wir als freie und progressive Gesellschaft akzeptieren wollen überschritten wurde, dann weiß ich nicht, was noch alles passieren muss, damit Regierungen handeln statt reden.

Es gibt keinen Autopiloten in Richtung einer besseren Zeit

Brexit, Trump, Erdogan, AfD, Orbán, Assad, Aleppo, Aleppo, Aleppo, Aleppo – über dem Jahr 2016 stehen Worte, die tiefschwarze Schatten werfen, die jeden unserer Schritte noch lange begleiten werden. Ein Jahr der Schande also? Ein Jahr der Wütenden, der Unverschämten? Vielleicht. 2016 hat hoffentlich auch dem Letzten deutlich gemacht, dass es keinen Autopiloten in Richtung einer besseren Zeit gibt. Dass wir jeden Zentimeter gelebte Diversität, Freiheit und solidarisches Miteinander immer wieder aufs Neue verteidigen werden müssen.

Aber es zeigt leider auch, dass die von uns gewählten Regierungen nicht in der Lage sind, effektiv für die Verteidigung dieser Werte einzutreten. Eine erschütternde Erkenntnis, wie ich finde. Das richtet automatisch den Blick auf den Einzelnen, auf uns, die wir vor einem Abgrund stehen, in den hinein die Welt und unserer Werte zu kippen drohen. Denn wenigstens in formal demokratischen Staaten muss es uns gelingen eine Mehrheit der Anständigen zu organisieren, die Leute wie Trump, Erdogan, Putin und Le Pen verhindert.

Am Abgrund stehend werden einige endlich wach

Wie das mit Blicken in den Abgrund so ist, setzen sie neben Lähmung auch Ideen und Kräfte frei. Natürlich, es gibt immer noch die, die aus ihrer Verwunderung oder Schockstarre nicht herauskommen, die immer noch Kaktusbildchen posten. Es gibt Eskapismus und Cocooning. Aber es gibt endlich auch ein paar kluge Reaktionen auf die Ereignisse der vergangenen Monate. So viele Gespräche mit Kreativen und Künstlern in den vergangenen Wochen zeigen mir, dass mehr und mehr Menschen bereit sind, ihre Talente für ein größeres Ganzes einzusetzen und das auf die Erschütterung Taten folgen.

Initiativen wie „Artikel 1“, ein Zusammenschluss von Kommunikationsprofis, der Menschen beibringen will, wie sie die besseren Argumente haben können. Oder „Art for Change“ ein in Kürze startendes Projekt, das mithilfe von Kunst progressive NGOs unterstützen wird und über mobile Aktionskabinen vor Clubs nachdenkt, in denen man politisch aktiv werden kann. Oder der Essay „Wir sind Europa“ von Evelyn Roll, der mit aller publizistischen Kraft versucht, eine Bewegung der überzeugten Miteinander-Europäer anzustoßen. Und tatsächlich treten wieder Menschen in Parteien ein. Wie schlagkräftig Parteien und Regierungen sein werden ist unklar, aber immerhin ist es ein löblicher Impuls. Wer angesichts des politischen Spitzenpersonals in diesem Land in Parteien eintritt, der muss es wirklich ernst meinen. Gut so.

Aktiv werden statt Scheindebatten führen

Aber wir müssen aufpassen. Initiativen sind ein guter Impuls, noch kein Gewinn. So lange wir uns tagelang mit uns selbst darüber unterhalten können, wie bahnbrechend der Einsatz von Geo- und Microtargeting in Kampagnen nun wirklich ist, so lange haben wir immer noch nicht verstanden, was die Stunde geschlagen hat. Und es ist in diesem Sinne auch egal ob es Filterblasen gibt und welchen Durchmesser sie genau haben, wenn unsere einzige Reaktion darin besteht, darauf mit Kommentierungs-Blasenschwäche zu reagieren. Und es ist auch ziemlich egal ob „postfaktisch“ und „fakenews“ einfach nur neue Wörter für „Idiot“ sind. All diese Debatten lenken nur ab. Die Flucht in halbwissenschaftliche Diskurse über Ursachen und Folgen all der Schande und all der Unverschämtheiten ist bloß eine Übersprungshandlung, die viele davor bewahrt, mal mit den Nachbarn zu reden (also, wenn man nicht gerade im Prenzlauer Berg wohnt, wo die digitale Filterblase quasi begehbar ist).

Wenn es gut läuft, haben wir in 2016 gelernt, was 2017 noch alles schief gehen kann. Mindestens dreimal bin ich in diesem Jahr mit dem Gefühl unendlicher Fassungslosigkeit aufgewacht: Nach dem Brexit-Votum, am 9. November, und mit den Twitter-Meldungen aus Aleppo am Morgen des 13. Dezember. Tage, die sich in unser kollektives Gedächtnis brennen werden. Wenn wir unsere Seelen und Festplatten vor weiteren Brandzeichen dieser Art verschonen wollen, gibt es nur eine Antwort: Arsch hoch, sofort!

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Dem Autor auf Twitter folgen: @MarioMuenster

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