Rose_Food…ok, die Überschrift beschreibt keine reale Erfahrung. Aber bisweilen hat unser Autor den Eindruck, dass es bald mal soweit sein könnte. Über den Wahnsinn rund um die Ernährung im Berliner Frühjahr 2016.

Ich esse gerne. Am liebsten in Gesellschaft. Doch hier in Berlin im Jahr 2016 scheint irgendetwas bei Tisch kaputt gegangen zu sein. Ihr kennt das vielleicht. Man sitzt mit vier bis zehn Leuten an der Tafel, ein paar kennt man gut, andere weniger, und noch ehe die Getränke bestellt wurden, beginnt eine Diskussion darüber, wer Veganer, Flexitarier, Vegetarier oder was auch immer ist. Da die Kreise, in denen ich mich bewege, recht zivilisiert sind, kommt dieser Talk immer ganz unschuldig daher. Und das macht es für mich manchmal nur noch schlimmer. Ich glaube, ich könnte besser mit offener Ablehnung á la „Du bis Flexitarier und das ist voll schlecht…“ umgehen, als mit dem Hyper-Positivismus, den die jeweiligen Anhänger einer Ess-Religion  als Monströsität vor sich hertragen. Sätze wie „X und Y sind total nett, sind auch beide Veganer…“ treiben mich in den Wahnsinn. Denn sie sagen: Veganer = ein guter, netter Mensch. Da hab ich schon gleich ein bisschen weniger Appetit.

In kulinarischer Missionarsstellung bei Tisch …

Vor einigen Wochen sagte mir jemand, den ich nicht ganz so gut kenne: „Ich gehe eigentlich gar nicht mehr so gerne Essen. Ich hab keine Lust auf dieses ganze Gerede und dass man sich immer erklären muss, warum man sich wie ernährt.“

Schlimm, oder? Dabei wäre es eigentlich so wichtig und gut mehr über Ernährung und Lebensmittel zu sprechen. Aber doch bitte nicht so! Nicht in einem Zustand, in dem um einen Tisch herum ein Haufen mehr oder weniger erwachsene Menschen eine Art kulinarische Missionarsstellung einnehmen, aus der heraus sie gerne auf der Basis von Halbwissen über Ernährungsweisen monologisieren. Im Übrigen habe ich beobachtet, dass vor allem bei Anhängern von Trend-Diäten wie Paleo oder vegan, die Vehemenz in der Argumentation maximal mit einer gewissen Unwissenheit über Lebensmittel und Ernährung einhergeht.

Ebenso wird gerne geleugnet, dass jede dieser Ernährungsweisen auf die eine oder andere Art schlecht ist: Mandelmilch ist böse, weil sie einen desaströsen Wasserverbrauch nach sich zieht. Quinoa ist böse, weil es bolivianische Bevölkerungsgruppen in arge Nöte bringt. Industriell hergestelltes Fleisch ist böse, weil es schlicht unmoralisch ist. Scheint, als säßen wir alle im gleichen Boot. Wer nicht auf seiner eigenen kleinen Farm lebt, der macht sich in unserer Zeit an irgendeiner Stelle immer ein bisschen schuldig. Da nehmen wir uns alle nichts. Eigentlich eine gute Grundlage für eine friedliche Koexistenz bei Tisch.

Wenn Ernährung zur Lifestyle-Frage wird …

Denn über Essen reden kann großen Spaß machen. Wer öfter in südeuropäische Länder reist, kann beobachten wie Großfamilien im Restaurant eine halbe Stunde mit dem Kellner darüber debattieren, was und in welcher Reihenfolge man heute zu dem gegebenen Anlass essen sollte. Eine Speisekarte interessiert da niemanden und schon gar nicht nach welchen selbstauferlegten Regeln sich jemand ernährt. So eine Haltung entspringt einer kulturell gewachsenen Wertschätzung für Essen, die es in Deutschland nicht gibt. Die Deutschen geben vergleichsweise immer noch sehr wenig Geld für Essen aus. Und dort, wo Menschen bereit sind tiefer in die Tasche zu greifen, wie beispielsweise in den szenigen Bezirken Berlins, da ist die Motivation oftmals eher der Lifestyle als die Frage nach Herkunft und Produktion von Lebensmitteln. Da geht es eher um Selbstdarstellung als um Wertschätzung.

Mir persönlich ist egal, wie sich jemand ernährt. Gleichwohl schätze ich es, wenn Menschen über Ernährung nachdenken, sich wo immer es geht saisonal und regional ernähren. Es sollte doch nicht so schwer sein, diese Toleranz zu einer gemeinsamen Grundlage von Konversation zwischen Vorspeise und Dessert zu machen. Andernfalls sollten wir vielleicht darüber nachdenken Messer bei Tisch zu verbieten. Es könnte zu Handgreiflichkeiten kommen.

PS: Meine Freunde sind übrigens alle Flexitarier, Vegetarier und Veganer. Und alle voll nett.

 

Titelbild: Via https://pixabay.com/de/restaurant-menschen-essen-690975/

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