Rose Essen FoodDer Linoleumboden in Surdham Göbs Küche ist quietsch-grün. Rechts neben der blauen, schweren Eingangstür thront ein schwarzer Smeg-Kühlschrank. Die blankgeputzte Edelstahl-Kochinsel in der Mitte des Raumes ist das Herzstück der Küche. Hier passiert die Magie, wenn Surdham kocht. Und wenn er kocht, dann ohne Ei, ohne Milch, ohne Fleisch, ohne Fisch.

 

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Links gibts Frühlings-Polenta e Soni, rechts Schaschlik. Fotos: © Oliver Brachat, AT Verlag

Vor der modernen Fensterfront brausen im Minutentakt die Züge vorbei. Surdham sitzt mir gegenüber an einem großen, hellen Holztisch in der Ecke seiner „Büro-Küche“. Sein braun gebranntes Gesicht beginnt zu strahlen, als er von seinen veganen Reisen spricht. Surdham Göb ist kein Unbekannter in der veganen Kochszene. Obwohl oder gerade weil er kein eigenes Restaurant führt, ist er quasi das Geheimrezept unter den Vegan-Köchen. Nach Stationen in Indien, New York, San Francisco und Hawaii, wo er die Kultur der Länder erforschte und natürlich erkochte, betreibt er in seiner Heimatstadt München eine Catering-Firma, gibt vegane Kochkurse, hält Vorträge und berät Gastronomiebetriebe bei der Umstellung auf eine vegane oder biologische Küche.

Damit liegt er voll im Trend. Schätzungen des Vegetarierbundes Deutschland (VEBU) zufolge leben derzeit über sieben Millionen Vegetarier in Deutschland, rund 800.000 davon ernähren sich vegan – das sind mehr Menschen als in Frankfurt am Main leben.(Stand Mitte 2014, Anmerkung der Redaktion)

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Markt in Ubud, Foto © Oliver Brachat, AT Verlag

Surdham’s Küche ist geprägt von seinen Reisen in fremde Kulturen, West und Ost. Aber ein Lieblingsrezept hat er nicht. Er zeigt mir dafür sein allererstes Kochbuch. Es ist ein einfaches Ringbuch mit rotem Cover. „Das Revolutionäre Kochbuch“, das er in den 80er Jahren als junger, veganer Punk für drei Mark erstand, beginnt mit „Eine Schlachtszene“. Damals war Surdham ein Exot. Er kochte für Freunde und die Familie vegan, nur unterwegs erlebte er Widerstand. „Da meinten die Leute so »du Spinner« und so. Wobei – ich mich auch viel in den Punkrock-Szenen bewegt habe und da waren die Leute happy und sagten »saugeil, der Surdham hat gekocht.«“

„Damals galt ja noch: vegan? du bist tot!“

Fleisch und Fisch hatte Surdham schon als Kleinkind verweigert. Ohne wirklich zu wissen warum. „Ich war immer ein komplizierter Esser. Milch, Butter, Käse und das Zeug hab ich nie gegessen, das fand ich immer eklig.“ Seine Mutter, die aus Indonesien stammt, versuchte sogar heimlich Fleisch ins Essen zu mischen. „Damals galt ja noch: vegan? du bist tot. Auf jeden Fall wollten meine Eltern nicht, dass ich tot gehe und haben mir Fleisch unters Essen püriert.“ Aber diesen Trick durchschaute er schnell. Als er mit elf Jahren während eines Familienurlaub über einen bunten arabischen Markt in Tunesien lief, die unzähligen Gewürze bestaunte, Datteln und andere exotische Früchte probierte und plötzlich vor einem Stück Rind stand, das von Fliegen umschwärmt wurde, begriff er, woher Fleisch stammte. Und entschied sich dagegen. „Solang‘ ich nicht wusste, dass diese Kuh, die da hängt, die ist, die ich esse, hab ich’s gegessen. Als ich gecheckt habe, das ist die Kuh, hab ich sie nicht mehr gegessen. Weil dann ist es mutwillig. Davor war es halt einfach ignorance is bliss“.

„Früher warst du Veganer und hattest deine Tüte Studentenfutter im Rucksack oder selbst gebackene Kekse. Aus so einer Zeit komme ich.“

„Meine Mutter hatte alleine nicht mehr die Kraft, sich gegen den kleinen Elfjährigen aufzubäumen.“ Ein Jahr später traf er auf die ersten veganen Punks. Und wurde mit 13 Jahren selbst zu einem. Er lehnt sich zurück und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. „Früher warst du Veganer und hatttest deine Tüte Studentenfutter im Rucksack oder selbst gebackene Kekse. Aus so einer Zeit komme ich halt, wo man einfach selbst kochen musste. Aber das fand ich das Tolle am veganen Leben. Das industriell produzierte Essen ist das wahre Problem.“

Weihnachten war der schlimmste Tag im Jahr: „Wir haben uns alle gestritten und es gab ein Riesendrama. Am Abend waren wieder ein Herz und eine Seele.“

Bei Surdham Zuhause gab es kein traditionelles Essen. Erst, seit er selbst vegan kocht, begann er, ein Weihnachtsritual einzuführen. „Ich geh einfach geil einkaufen. Ich schau nicht auf die Preise und kaufe alles, was ich sonst das ganze Jahr nicht kaufe. Meistens war es so: Die Mama hat gezahlt und ich hab gekocht.“ Und zwar ein Fünfgänge-Menü Deluxe. „Wir feiern in den Tagen auch Geburtstag und ich find’s geil, wenn man dann einfach fett auftischt.“ Dabei vergisst Surdham aber den japanischen Zen-Spruch nicht, der besagt, keine Spuren zu hinterlassen. Die Zahlen der veganen Ernährung für Wasser und CO2 sprechen schließlich für sich. „Ich glaub es ist wichtig, die Sachen so zu machen, dass du damit fein bist und dass du keine Absicht dahinter hast, jemandem zu schaden oder jemandem wehzutun.“ Danach lebt und kocht Surdham.

Kokos-Spargel-Avocado

Kokos-Spargel-Avocado, Foto: © Oliver Brachat, AT Verlag

Auf die Frage, warum Menschen vegan leben, lehnt sich Surdham nach vorn und schaut mir in die Augen. „Damit du leichter im Körper bist. Damit dein Körper fit genug ist, um dich aufrecht zu halten. Dass dein Magen nicht nur mit Verdauung beschäftigt ist. Dass dein Verstand zart wird, sag ich jetzt mal und dein Herz weich wird.“ Er lehnt sich wieder zurück. „Ich mein, es ist auch blöd vegan zu sein irgendwie, weil du bist dann nicht mehr tough. Du isst keine Angst, du isst kein Blut. Das macht dich auch zur Pussy eigentlich.“ In Surdhams Idealvorstellung sollte ein Veganer vor allem eins: Happy durch’s Leben gehen. Und gesund. Und Weihnachten vor allem mit einem fetten 5-Gänge-Menü feiern.

„Hab Spaß beim Kochen. Leg dir lustige, gute Musik auf. Mach’s dir nicht zu schwer.“

Als ich ihn um einen Tipp für Neu-Veganer bitte, lacht er und sagt: „Kauf dir ein gescheites Buch.“ Dabei zeigt er seine sympathische Zahnlücke. Und Surdham lacht viel, wenn er mit seinem leicht bayrischen Akzent und dem rollenden „R“ spricht. „Hab Spaß beim Kochen. Leg dir lustige, gute Musik auf. Mach’s dir nicht zu schwer. Versuch nicht aufzutrumpfen mit etwas, was du nicht kannst, sondern mach lieber das, was du kannst gut.“ In seinen Kochbüchern, die erst aufgrund der hohen Nachfrage nach seinen Rezepten entstanden, verrät Surdham alles, was er weiß und auf seinen Reisen gelernt hat. „Ich habe keine Geheimnisse.“ Denn von einer Chinesin in einem seiner Kochkurse lernte er ein Sprichwort: »Erst wenn du es weitergibst, hast du Platz für was Neues.«

 

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Im AT-Verlag wurden bisher drei Bücher von Surdham Göb veröffentlicht

Der Artikel erschien im letzten Jahr unter dem Namen „Vegan macht dich zur Pussy“ im Rahmen des Studiengangs „Nachhaltigkeit & Kommunikation“ als Teil eines nachhaltigen Adventskalenders: www.gruener-advent.de

Alle Fotos: © Oliver Brachat, AT Verlag / www.at-verlag.ch

 

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