Rose_kaffeeImmer mehr Speciality Coffeeshops eröffnen. Egal ob London, Kopenhagen, Paris oder eben Berlin: Coffeeshop bedeutet schon lange nicht mehr nur gefärbte Milch in Plüschsesseln. Die sogenannten Third Wave Coffeeshops  stehen  für Handwerk und Genuss rund um die Bohne – und natürlich auch ein wenig für nerdiges Expertenwissen. Interessanterweise hat es den Anschein, als ob diese Szene von Männern dominiert wird. Aber stimmt das eigentlich?

 

Schürze, Bart, ernster Blick – wer an Speciality Coffee denkt, dem erscheint vor dem innern Auge vermutlich ein Mann. Und das nicht ohne Grund. Immer wieder gibt es Beiträge, die einen „Gender Gap“ in der Kaffeeindustrie beklagen. Richtig ist dieser Eindruck vor allem dann, wenn es um das Rösten das Brühen und um Barista-Wettbewerbe geht. Dort sind Männer deutlich sichtbarer als Frauen. Richtet man den Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette der Kaffeeindustrie – also vom Anbau bis hin zum Service  -,  spielen Männer keine wichtigere Rolle als Frauen. Aber sie stehen eben oft an den Stellen mit der größten Aufmerksamkeit.

In Berlin wird diese Szene nun langsam etwas weiblicher. Die zwei 19 Grams Cafés, die zur Tres Cabezas-Rösterei gehören, und Refinery High End Coffee kommen beispielsweise mit einer ordentlichen Portion Weiblichkeit im die Ecke.

Die Türkin Tansel Ozbek ist Mit-Gründerin von Refinery High End Coffee. Sie hat nicht nur dafür gesorgt, dass es neben den üblichen Kaffee-Variationen auch türkischen Mokka in ihrem Coffeeshop gibt, sie bringt auch regelmäßig Frauen für Events und Workshops zusammen und hat bei der Auswahl ihres Personals das Gleichgewicht von Frauen und Männern im Blick. Ausdrücklich auch bei den Baristas und nicht nur im Service-Bereich. Ihr ist das ein natürliches persönliches Anliegen ohne große politische Attitüde. Bisher gibt es ein Café in Berlin Mitte. Am 8. Juli eröffnet in Kreuzberg nun eine zweite Filiale. In beiden Läden steht die Leidenschaft für hochwertige Produkte im Mittelpunkt. Am neuen Ort in Kreuzberg soll der erste große Specialty Coffee Retail Store der Stadt entstehen: Eine Auswahl sorgsam kuratierter High End Kaffees aus aller Welt.

 

Kaffeeprobe im 19grams. Foto: Carmen Iniensta

 

In den zwei Filialen des 19 Grams  weht ohne große Strategie oder Absicht seit Anbeginn ein ziemlich weiblicher Wind. Dem Zufall geschuldet. Die Australierinnen Kim, Marianne und Casey trafen sich vor einigen Jahren in London, wo sie alle in Speciality Coffeeshops arbeiteten, gingen gemeinsam nach Berlin und eröffneten im November 2013 das 19 Grams in der Schlesischen Straße. Wirklich bemerkenswert ist jedoch, dass in der Tres Cabezas Rösterei, zu der das Café gehört, eine Frau den Kaffee röstet. Die aus der Tschechischen Republik stammende Rösterin Bara muss lange überlegen, ob es außer ihr aktuell in Berlin eine andere weibliche Kaffee-Rösterin im Kreis der Speciality Coffees gibt. Ihr fällt keine ein. Was nicht zwingend heißt, dass es keine andere gibt. Aber die Botschaft ist klar.

In der Speciality Coffee-Szene sind es immer noch überwiegend Männer, die den Kaffee rösten. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Alle führen zielstrebig zu Stereotypen: Kaffeesäcke sind schwer –  also ist es eher was für Männer. Kaffeerösten ist ein einsamer Job ohne große Interaktion mit anderen Menschen – also eher was für Männer, die ja einen Hang zum Einsamen-Wolf-Syndrom haben. Rösten hat mit Hitze zu tun – also Feuer gleich Mann gleich logische Paarung. Jede dieser Erklärungen klingt  gaga. Alternative Ursachen sind dennoch nicht auszumachen.

Die Frauen, die hinter dem 19grams und Refinery High End Coffee stehen, sehen Berlin auf einem guten Weg in Richtung einer etwas weiblicheren Szene – es sei hier schon deutlich besser als in anderen Städten und die gesamte Szene offener als an anderen Orten wie beispielsweise Australien, wo Männer deutlich stärker die Szene dominieren.

Wer herausfinden will ob Kaffee bei dem Frauen an den entscheidenen Stellen die Hebel umlegen anders schmeckt als Kaffee mit Bart, der sollte mal in einem der beiden Läden vorbeischauen. Ein Kaffee geht ja schließlich immer.

19 Grams, Chausseestraße 36 und Schlesische Straße 38
Refinery High End Coffee, Albrechtstraße 11B. Ab 8. Juli auch Skalitzer Straße 104

Titelfoto: Mathias Sauter
Fotos Refinery (2 und 4): @thomas_k Thomas Kakareko

Foto: @thomas_k Thomas Kakareko

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