Rose Essen FoodFarm to table, Slow Food, Street Food… der nicht enden wollende Hype rund um das Thema Essen hat ja so ein paar Buzzwords bei denen sich Foodies von Berlin bis San Francisco die Härchen am Unterarm aufstellen und vor Freude phallisch der Schwerkraft trotzen. Um diese Dinge abzufeiern, pilgern wir dann auf Food Märkte oder in angesagte Metropolen, in denen man diese Trends zum fressen gern haben kann.

Es gibt einen Ort, an dem all das kein Trend ist, sondern Tradition. An dem das nicht im Gewand der Zeitgeistigkeit daherkommt, sondern einfach ganz normal ist. Wie so oft, wenn es um offenbar paradiesische Zustände geht, handelt es sich um eine Insel. Ihr Name: Sizilien. Nicht mehr oder weniger als ein Paradies für Foodies. Ein Eiland, auf dem Farm to table, Slow Food und Street Food perfektioniert wurden, lange bevor aus dem bärtigen Schlund eines Hipsters der Begriff „Pulled Pork“ kam.

Von der Hand in den Mund

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Eine Eisblume…

An einem gewöhnlichen Morgen in Siracusa, einer unwirklich schönen Hafenstadt in verblichenen Pastellfarben, sitzen auf dem örtlichen Markt Fischhändler auf kleinen Hockern und halbieren frische Seeigel, deren rot-brauner Rogen in kleine Plastikbecher gefüllt wird, aus denen man dieses hochkonzentrierte Meereselixier dann löffeln kann. Man sieht Rentner und Gigolos, die diese Becher ähnlich selbstverständlich in der Hand balancieren wie Großstädter ihren Soja Latte im Pappgefäß. Im bemerkenswerten Restaurant Gagini in Palermo sehe ich kurz nach meiner Ankunft eine Dame, die ein Kistchen mit diesen Plastikbechern ins Restaurant trägt. Fünf Minuten später erklärt der Kellner, dass es ergänzend zur normale Karte heute Ravioli mit Seeigelrogen gibt – ganz frisch, wurden gerade geliefert und vor einer Stunde gefischt. Frischer geht es nicht. Und es macht auch keinen Sinn zu versuchen zu beschreiben, wie das schmeckt. Es würde nicht gelingen. Denn Sprache muss bisweilen kapitulieren vor der Sinnlichkeit der Dinge.

Straßenfutter, High-End Cuisine und eine Hochzeit

Modica, im barocken Südosten der Insel, ist ähnlich wie Siracusa, eine kaum zu fassende Kulisse voller unwirklicher Szenen und Perspektiven. Hier wagte ich mich an die Urform von sizilianischem Street Food: Fangfrische Minifische, frittiert und in der Papiertüte serviert. Es wäre ein perfektes Katerfrühstück. Die Frittierstube liegt unweit des riesigen Doms, an dem sich an diesem späten Nachmittag eine Hochzeitsgesellschaft zusammenfand. Prächtig geschmückte Sizilianer von zwei bis 92, die mit einer solchen Selbstverständlichkeit umwerfend gut gekleidet waren, dass man sich selbst nur deutsch und frittiert fühlen konnte.

Unbemerkt von der Hochzeitsgesellschaft schlich dann irgendwann das Hochzeitspaar, vielleicht Ende Zwanzig, aus einer Gasse heraus, setzte sich an einen der Tische dieses sizilianischen Imbiss und bestellte sich eine Tüte frittierte Fische. Und ich stelle mir gerne vor, dass sich die beiden an genau diesem Ort kennengelernt haben und kurz vor dem großen Moment noch einmal nur für sich und ganz still ihr Glück zelebrieren. Und sie sich anschließend gegenseitig die Gräten zwischen den Zähnen entfernen, ehe es dann vorm Altar zum Hochzeitskuss kommt. In Sizilien können einen solche Szenen übrigens überall wie aus dem Nichts anfallen. Szenen, die gleichzeitig voller konkreter Details und doch offen für Interpretation und Phantasie sind und die in einer Intensität vom Leben erzählen, die uns Metropolen-Menschen einfach bloß fremd geworden ist.

Ebenfalls in Modica, konnte ich dann noch erleben, was möglich ist, wenn sich die guten Traditionen sizilianischer Küche mit der gehobenen Gastronomie vermählen. Im Restaurant Accursio, gab es acht Gänge für sagenhaft günstige 60 Euro. Für das, was dort geboten wurde, hätte man an anderen Orten das doppelte gezahlt und die Produkte wären nur halb so frisch gewesen. Es ist müßig ein Menü nachzuerzählen, aber das Seeigelrogeneis mit Melonensalat, das maximal konzentrierte Tomaten-Sugo und der Thunfisch-Burger werden unvergesslich bleiben.

Farm to Kofferraum to Table

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Sizilianer lieben Essen…

In der Nähe von Agrigent, dort wo die klaffenden Wunden sizilianische Bausünden auf das türkise Meer, den warmen Wind Afrikas und jahrtausendealte griechische Tempelanlagen treffen, gibt es in einem Vorort einen kleinen Markt. Wobei, was heißt Markt? Am Strassenrand parken von Wind und Wetter gezeichnete alte Fiat, im offenen Kofferraum Tomaten, Feigen, Maulbeeren, Kirschen, Aprikosen… Unter Sonnenschirmen neben dem Kofferraum ebenfalls von Jahren und Witterung gezeichnete alte Sizilianer, die ihre Ernte ohne große Umwege an den Mann bringen. Eigentlich ist egal, was man kauft, es kostet irgendwie immer alles ein Euro pro Kilo. Wenn man ein halbes Kilo Tomaten ordert wird man angeguckt, als ob man angesichts von Preis und Qualität der Ware total den Verstand verloren hat. Kleine sizilianische Tomaten kommen übrigens oft in Herzform daher. Nur eines von vielen Signalen der Liebe, wenn es um Essen und Trinken in Sizilien geht.

 

Hauptsache roh…

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Sizilianischer Alltag im Korb

Überall in Sizilien gibt es frischen Fisch und Meeresfrüchte. Und eines der sinnlichsten Vergnügen ist es, diese roh zu verzehren. In Taormina, das zwar sehr schön, leider aber auch sehr touristisch ist, kann man dem ganzen Touri-Irrsinn mit schlechter Pizza und russischer Speisekarte in Richtung einer kleinen Seitengasse entfliehen und sich auf die Terrasse der Osteria Rosso DiVino setzen. Zwei Schwestern und vier Freunde betreiben das Restaurant seit einem guten Jahr. Die dazugehörige Familie besitzt eine Fischerei. Abends auf der Karte steht das, was morgens gefangen wurde. Es ist völlig überraschend eines der kulinarischen Highlights der Reise. Garniert wird die frische und lokale Küche mit einer aus allen Nähten platzenden Weinkarte, die neben sizilianischen Klassikern einige fantastische regionale Entdeckungen bereithält. Das alles kommt in einem sagenhaft kompetenten, jugendlichen und unkomplizierten Service daher, dass es mir schwer fiel, am nächsten Abend nicht wieder zu kommen.

Also, eine Sizilienreise sollte sich jetzt bitte jeder vornehmen, der es gerne lecker und schön hat.

Fotos: © Mario Münster.

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