Rose_FoodÜber die Entartung des Kulinarischen: Essen ist zu einer Art popkulturellem Akt der oberflächlichen Selbstdarstellung geworden. Die eigentlich wesentlichen Fragen beim Thema Ernährung rücken in den Hintergrund. Zeit für eine Gegenbewegung.

 

Rückblende

Als ich noch ein kleiner Junge war, sah ein typischer Spätsommernachmittag wie folgt aus: Auf dem Heimweg vom Spielen in den Feldern am Rande meines Heimatdorfes halte ich kurz am Acker meines Großvaters, um mir dort eine Karotte aus dem Boden zu ziehen, ich schüttle die Erde ab und beiße rein. Im Vorbeigehen, nehme ich mir noch eine Handvoll Mirabellen vom Baum und rieche den Duft der reifen Tomaten. Zuhause angekommen bittet mich meine Mutter einen Kopfsalat aus dem Garten hinterm Haus mitzubringen. Fürs Abendessen. Dazu gibt es Nudeln mit Tomatensoße nach einem Rezept meiner Urgroßmutter, entwickelt in den entbehrungsreichen Wirren des Nachkriegsdeutschland: Mehl und Butter werden zu einer Mehlschwitze gemacht, dann kommt etwas Tomatenmark aus der Tube dazu, Wasser und Gemüsebrühe, an guten Tagen gebratener Speck.

Warum ich das erzähle? Weil diese Szenen relativ gut meine kulinarischen Wurzeln beschreiben. Auf der einen Seite, der unfassbare Reichtum an frischem und selbstgezogenem Obst und Gemüse. Auf der anderen Seite eine Küche, die zutiefst geprägt war von meiner ostpreußischen Urgroßmutter und meiner böhmischen Großmutter. Cuisine war etwas anderes. Bei uns wurde gegessen. Fertig. Meine Familie war weder arm noch reich. Sie war und ist eine durch und durch typische deutsche Familie. Essen war immer wichtig, immer sinnlich. Und stets bodenständig.

Ich verliere die Fassung bei kulinarischer Körperverletzung

Dass ich heute, drei Jahrzehnte später, in Berlin sitze und weiß, was Fine Dining ist, dass ich in Paris, San Francisco und San Sébastian die großartigsten Gerichte probieren konnte, dass ich mich sogar gelegentlich in Sterne Restaurants wage (wenn es das Konto zulässt), dass ich weiß, wie man einen Tintenfisch ausnimmt und Tortellini im Schlaf von Hand formen kann, all das ist für mich immer noch ein unerhofftes Glück, ein Pfad, der für mich nicht vorgesehen war. Er ergab sich im Verlauf der Jahre.

Der Weg von meinem kulinarischen Erbe hin zur kulinarischen Bewusstseinswerdung hat mich mit einer maximalen Sensibilität für das Thema Essen und Ernährung ausgestattet. Ich bin ungeduldig, wenn ich sehe wie Freunde in ihren Küchen Lebensmittel vergewaltigen. Ich verliere die Fassung, wenn ich sehe wie in manchen Restaurants mit billigsten Zutaten kulinarische Körperverletzung begangen wird. Mir wird schlecht, wenn ich die Fleischauslage bei Lidl sehe. Aber ich kann auch die höchsten und schönsten Glücksgefühle haben: Beim Kochen, beim Essen, beim Entdecken oder beim Reden über Essen.

Ausgestattet mit dieser psycho-kulinarischen Kondition habe ich in diesen Tagen kaum ein Thema, das mich mehr aufregt als die Mode, die Hypes und die Trends rund um das Thema Essen. Und ich musste den hier beschriebenen gedanklichen Weg in meine Vergangenheit gehen, um herauszufinden, warum mich das so anfasst. Und nun ist es mir ein wenig klarer. Es sind meine Wurzeln.

Food is not a Fashion!

„Food is not a fashion!“ ist ein Satz, den ich momentan sehr häufig unter irgendwelche Posts oder Artikel schreiben möchte. Ein Ausspruch, den ich gerne einfach mal in der Schlange im DALUMA rufen will oder bei einem der unzähligen Food Events. Essen wird zunehmend missbraucht als Zutat für sorgsam komponierte Lebensdarstellungen in sozialen Medien: Ich mit meinem Smoothie hier, das fotogene Gemüse dort, wir auf dem super-super Food Event mit 2.500 anderen.

Jetzt ist die Frage natürlich berechtigt „Warum regt den das so auf?“. Fair enough. Meine Antwort: Ich glaube, dass der zunehmende Transfer von Essen hin zu einer Art popkulturellem Akt der oberflächlichen Selbstdarstellung die eigentlich wesentlichen Fragen beim Thema Ernährung in den Hintergrund rückt und das Essen als Hype das perverse Merkmal einer Überflussgesellschaft ist.

Dabei gäbe es genügend Gründe Lebensmittel und Ernährung in den Mittelpunkt von Identität und Kommunikation zu stellen. Denn jeder Bissen, den wir zu uns nehmen, hat eine soziale, eine ökologische, eine ökonomische, eine gesundheitliche und eine sinnliche Dimension. Es gibt mithin keinen politischeren und persönlicheren Akt als Essen. Und das tun wir andauernd. Wenn man so will kauen wir hier in den westlichen Wohlstandsnationen den Zustand der Welt zurecht. Jeden Tag. Es ist also natürlich richtig, dass Essen ein populäres Thema ist. Aber nicht auf der Ebene von gefilterten Fotos von Chia Samen und püriertem Grünkohl.

Kulinarik ist mehr als das Komponieren eines Fotos

Das ganze laute und bunte Gewese um Food könnte ein sinnvoller Trigger für mehr Bewusstsein für das große Ganze sein. Eine Chance. Weniger posten, mehr denken. Den Gemüseverkäufer eher fragen, wie die Ernte läuft anstatt die Kürbisse zu fotografieren. Bei Tisch miteinander über das Essen und seine Herkunft reden anstatt Bilder vom Essen zu machen. Auf dem Blog mal eine Geschichte von der Arbeit eines Zerlegers posten anstatt die hundertste Story über Berlins beste Burgerläden.

Früher sagte man „das Auge isst mit“. Eine Redensart, die meinte, dass es vor allem darum geht satt zu werden, der Mensch sich aber freut, wenn es hübsch aussieht. Heute muss man fast sagen, „der Bauch isst mit“, denn vielen geht es vor allem ums Aussehen von Essen. Das führt dazu, dass bei Neueröffnungen von Restaurants noch ehe es losgeht die üblich verdächtigen Food-Foto-Blogger Boys und Girls eingeladen werden, um hübsche Bildchen von fein angerichteten Tellern in die Welt zu posten und damit einen erheblichen Einfluss darauf haben, ob ein neuer Laden schnell angesagt ist oder nicht. Die meisten dieser Social Media Bärchen und Mäuschen sind vermutlich nicht in der Lage Essen jenseits der visuellen Ebene zu bewerten, weil ihre kulinarische Identität auf Trends und nicht auf Traditionen begründet ist. Was sie nicht davon abhält sich in der chronischen Hybris der Millenials als Essenversteher zu begreifen und zu promoten. Bloß ist kochen mehr als das Komponieren eines Fotos.

Ein Smoothie ist kein Accessoire

Wir alle haben das Geld, den Zugang zu Wissen und die Instrumente in der Hand, um Lebensmittel und Ernährung in den richtigen Kontext zu rücken. Ein Smoothie ist kein Accessoire, eine reife Tomate keine Selbstverständlichkeit. Global betrachtet ist das Thema Ernährung vor allem immer noch eine Geschichte von Hunger, Mangel, Ausbeutung, Unwissenheit, moralbefreiter industrieller Produktion, ernährungsbedingten Krankheiten und so weiter.

Um dieses Ungleichgewicht wieder zu begradigen hilft es aus meiner Sicht vor allem der Entartung des Kulinarischen offensiv zu begegnen. Die Sache thematisieren, Menschen mir ihren merkwürdigen Gewohnheiten konfrontieren. Ich lade jeden herzlich dazu ein, die üblich verdächtigen Posts künftig mit dem Hashtag #FoodIsNotAFashion zu kommentieren. Mal sehen, was passiert.

 

Fotos: Mario Münster

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