Rose_BierWas passiert eigentlich, wenn man sich mit zwei Bierbrauern unterhält, die sich dem Craft Beer verschrieben haben? Genau, man trinkt erst mal ein Bier. Über ein Treffen mit den Brauern von Stone Brewing und BRLO.

 

Es werden wieder Brauereien gebaut in Deutschland. Deshalb treffe ich an einem sehr sonnigen Spätsommertag in Berlin auch die Brauer Michael Lembke und Thomas Tyrell auf der Baustelle. Wenn man so will zur Braustellenbesichtigung. Michael Lembke ist Brauer bei BRLO, einer jungen Berliner Craft Beer Marke, die gerade im pulsierenden Park am Gleisdreieck ihr BRWHOUSE in Schiffscontainern errichtet, die aneinander und übereinander gebaut werden. Den Biergarten dazu gibt es schon seit diesem Sommer. Thomas Tyrell wiederum ist Chefbrauer bei Stone Brewing in Berlin. Der anderen Großbraustelle in der Stadt. Stone Brewing ist die erste US-amerikanische Biermarke, die in Deutschland Bier braut. Dafür hat sie 25 Millionen Dollar investiert, um eine Art Hopfen-Erlebnislandschaft zu errichten: Brauerei mit angeschlossenem Biergarten, Bistro und Restaurant. Anfang September war Eröffnung.

Zur Begrüßung serviert Michael Lembke eine Erdbeer Berliner Weiße. Ein Bier so pink wie Miss Piggy und sensationell gut. Mit dem ersten Schluck sind wir dann auch schnell beim ersten Thema. Die Bierbiografie der beiden. Ihre ersten Biererlebnisse hatten sie klammheimlich bei Opa und Papa im Feierabendbierglas. Und auch für Brauer gilt: Das waren bittere Erfahrungen, die erst mal dazu führten, dass das Thema Bier nicht ganz so wichtig war. Wer jetzt allerdings – so wie ich – eine schwer romantische Hopfen-Erweckungsgeschichte erwartet, die die beiden dann zu ihrem jetzigen Beruf geführt hat, der wird enttäuscht. Wenngleich die Anekdote, die es zur Entschädigung gibt, keine schlechte ist. Als Thomas und Michael dem Ende ihrer Schullaufbahn entgegensahen, blätterten sie in der Berufsbroschüre des Arbeitsamtes (das hieß damals noch so) und blieben beide beim Buchstaben „B“ stehen: Bierbrauer. Warum nicht was mit Bier machen?! Und so ging die Geschichte los …

 

Die drei Gründer von BRLO; Foto: Conor Clarke

Die drei Gründer von BRLO; Foto: Conor Clarke

 

Bierbrauen ist eine gesunde Mischung aus Kreativität und Naturwissenschaft. Eine Balance, die man beiden anmerkt: Auf der einen Seite die Neugierde und Lust am Ausprobieren, auf der anderen Seite analytische Disziplin, wenn es um Rohstoffe und Prozesse geht. Und natürlich Leidenschaft. Die brauchen sie auch. Der Arbeitstag von Thomas beginnt momentan morgens um 7.00 Uhr, ab 20.00 Uhr stehen dann Telefonkonferenzen mit dem Hauptsitz von Stone Brewing in San Diego auf dem Programm. Auch Michael verbringt momentan sehr viel Zeit auf der BRLO Baustelle.

Beide kennen sich im übrigen von der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin, einem bereits 1883 gegründetem Verein, der in den vergangenen Jahren zu einer Art Inkubator für Craft Beer Brauer wurde. Als Vertreter des Vereins kam Thomas Tyrell im Jahr 2015 zur Grundsteinlegung von Stone Brewing in Berlin und war von dem ambitionierten Projekt so begeistert, dass er sich um die Stelle als Berliner Chefbrauer bewarb und sie bekam. Der große Visionär hinter Stone Brewing und der dazugehörigen Expansion ins Land des Reinheitsgebots ist Greg Koch. Gründer von Stone Brewing und ein unermüdlicher Werber für Vielfalt und großartige Biere jenseits des Massengeschmacks. Bisweilen mit so viel Enthusiasmus ausgestattet, dass es dem ein oder anderen Vertreter der traditionellen Bierindustrie zu viel ist. Aber genau diese Reibung sucht er, um das Thema zu setzen: mehr geniales Bier, das man lieben kann, weniger 08/15-Gebräu.

Thomas Tyrell, Brauer bei Stone Brewing Berlin; Foto: Stone Brewing

Thomas Tyrell, Brauer bei Stone Brewing Berlin; Foto: Stone Brewing

Greg Koch gesellt sich nach einer Weile zu unserer Tour durch die Baustelle und kann es gar nicht abwarten, eines der Biere von BRLO zu probieren. Das alles ist ziemlich sympathisch, wie die drei dann da zwischen den Edelstahlkesseln stehen, fachsimpeln und ihr German IPA trinken, weil es hier offenbar viel mehr um kameradschaftliches Miteinander als um Konkurrenz geht. Craft Beer Brauer verstehen sich zu einem großen Teil als Treiber einer Idee und nicht nur als Botschafter einer einzelnen Marke. Alle drei sind sich einig, dass die große Aufmerksamkeit, die Stone Brewing für das Berliner Projekt bekommt, dem gesamten Markt des Craft Beer nutzt.

Sie ist also recht entspannt und glücklich, die Craft Beer Welt in Berlin, wo es mittlerweile etwa dreißig Craft Beer Brauer, zig Craft Beer Bars, Fachgeschäfte und einige Festivals zum Thema gibt. Dennoch haben Thomas und Michael Wünsche für die Zukunft. Und der zentrale Wunsch lautet: Traut Euch zu probieren! Noch ist der Marktanteil der Pale Ales, Porters und IPAs verschwindend gering, trotz gewaltiger Wachstumszahlen. Viele Deutsche zögern noch damit, die neuen Biere auszuprobieren, noch ist es vor allem ein Metropolenthema. Vielfalt wünschen sich die beiden auch von der Gastronomie: Mehr verschiedene Biere im Ausschank, mehr wechselndes Angebot. Wer in den USA oder Großbritannien war, weiß, was sie meinen. Dort hat eine seriöse Bar selten weniger als 10 Zapfhähne. Im neuen BRLO BRWHOUSE werden es 16 sein, Stone hat 61. Vielfalt verpflichtet. Und für beide Brauereien gilt: Ein großer Teil der Zapfhähne wird für Gast-Biere anderer Brauereien genutzt. Miteinander statt Gegeneinander. Besser kann man es nicht symbolisieren. Die Zukunft wird hopfig.

Titelfoto: Stone Brewing

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