Rose_FoodAudrey Cosson ist eine französische Food Stylistin und Kochbuchautorin, die kürzlich aus dem schönen Paris in das anders schöne Berlin gezogen ist. Ihre Arbeit erscheint regelmäßig in Magazinen wie Saveur und Coté Paris. Ein Gespräch über visuelle Unfälle, Instagram und – typisch Pariserin – Revolutionen.

Audrey, wie bist du Food Stylistin geworden?

Nachdem ich sechs Jahre lang in der Werbebranche gearbeitete hatte, habe ich meinen Freund kennengelernt, meinen Job gekündigt und bin für sechs Monate zu ihm nach Australien gegangen. Dort konnte ich keinen Job annehmen, weil ich nur ein Touristen-Visa hatte. Also habe ich Freiwilligenarbeit gemacht. Ich wollte in kein Büro. Ich habe dann ein halbes Jahr in Gärten und Farmen gearbeitet, unter anderem mit der Schwester meines Freundes, die an einer Schule Kochen und Gartenarbeit unterrichtet. Also habe ich meine Zeit in Gärten mit meinen Händen im Dreck und mit Lebensmitteln verbracht. Das hat mein Leben verändert.

Und dann?

Ich habe eine Kamera gekauft und wusste, ich wollte nicht mehr das machen, was ich vorher gemacht hatte. Was genau ich machen wollte, wusste ich allerdings auch nicht. Es sollte mit Bildern und Essen zu tun haben. Zurück in Paris erinnerte ich mich an die Food Fotoshootings, die ich in meinem alten Job organisiert hatte. Ich dachte plötzlich an die Food Stylistinnen, die ich da sah: Was für ein großartiger Job! Du wirst dafür bezahlt Essen schön aussehen zu lassen und Requisiten zu arrangieren… und ich dachte mir dann: OK, das will ich machen! Also hab ich als Assistentin angefangen für ein Jahr und ich habe es sofort geliebt.

Was war dein erstes Essen, das du selbst stylen musstest?

Mein erster Job, ich hatte solche Angst, es war furchtbar. Es war eine Tajine. Hinzu kam: Das war zu einer Zeit, in der es diesen Trend gab, dass Bücher die Form von ihren Cover- Fotos hatten. Also ein Kochbuch mit einem Bild von einer Tajine, in Form einer Tajine. Das war so schrecklich. Aber ich hatte gerade angefangen und da sagst du natürlich auch ja zu so einem Job. Also hab ich eine furchtbar aussehende rote Tajine genommen und damit das Cover von einem Buch kreiert. Der Job war mit einem Fotografen, den ich sehr schätze. Er war sehr nett und es war ein Traum mit ihm zu arbeiten und ich wollte nicht versagen. Irgendwie ging es gut. Ich glaub das Buch wurde vergessen, zum Glück!

Photo Nathalie Carnet, Styling: Audrey Cosson

Photo Nathalie Carnet, Styling: Audrey Cosson

Gibt es einen französischen Teil deiner Food Stylistinnen DNA, etwas typisch französisches?

Ich glaube ja und nein. Als ich mit meinem neuen Beruf anfing, wollte ich mich gut vorbereiten. Also bin ich drei Wochen lang auf eine der wichtigsten französischen Kochschulen gegangen, habe gelernt wie man Saucen macht, wie man französisch kocht mit 200 Gramm Butter jeden Tag. Ich dachte ich bräuchte diese Grundlage. Das ist sehr französisch. Gleichzeitig merkte ich aber, dass ich sehr spontan bin, und das ich meine französischen Food Wurzeln schnell vergesse, wenn ich erst mal am Arbeiten bin, dann lass ich mich treiben.

Photo Virginie Garnier, Styling: Audrey Cosson

Welche Lebensmittel stylest du am liebsten?

Ich liebe Gemüse und Obst, es macht am meisten Spaß sie zu stylen. Es ist inspirierend und du kannst sie so vielfältig verwenden. Ich mag aber auch Seafood und Gebäck.

Was war das hässlichste, was du je stylen musstest?

Das schwierigste was ich je hatte war ein ganzes Buch über Quenelles – also pürierter Fisch, der dann geformt wird zum Beispiel wie eine Wurst. Das isst man dann mit viel Soße. Es waren 32 Rezepte für ein Kochbuch und wir mussten sie sexy aussehend lassen – immer wenn ich dem Fotografen einen neuen Teller mit einem Gericht brachte, hab ich mich entschuldigt für das, was da kam…. Es war so langweilig.

Photo Nathalie Carnet, Styling: Audrey Cosson

Photo Nathalie Carnet, Styling: Audrey Cosson

Was sind deine drei wichtigsten Instrumente mit denen du arbeitest?

Es ist ein ziemlich handwerklicher Job. Ich mache alles vom Einkaufen bis zum Aufräumen. Meine Hände sind also ein wichtigstes Instrument. Davon abgesehen: Das wichtigste ist eine Pinzette. Ich fing übrigens an mit der Pinzette zu arbeiten, die ich für meine Augenbrauen genutzt habe. Später habe ich mir dann eine professionellere gekauft. Und außerdem ein großer Spatel. So groß, das man einen ganzen Kuchen darauf bewegen kann.

Was passiert, wenn du Zuhause kochst… Du bist fertig und das Essen muss auf den Teller? Kannst du die professionelle Audrey dann weg lassen?

Darauf gibt es zwei Antworten. Meine und die von meinem Freund. Meine Antwort ist: Es ist mir egal, selbst wenn Freunde zu Besuch sind. Es ist mir egal wie es aussieht. Es sieht ganz natürlich aus, ich will niemanden beeindrucken, es soll entspannt sein und gut schmecken. Aber mein Freund wird sagen, dass es mir sehr wichtig ist, wie das Essen Zuhause auf dem Teller liegt. Wenn ich Pizza mache, ist der Belag symmetrisch verteilt. Das reicht für ihn schon um zu sagen, ich koche wie ein Food Stylistin!

Wenn du in einem Restaurant sitzt. Wie ist es da? Das Essen steht vor deiner Nase… Kannst du den professionellen Blick da abschalten?

Nein, dann rede ich sehr gerne darüber! Und es interessiert mich, wie Essen präsentiert ist und oft denke ich, dass sie sich mehr Mühe geben könnten. Ich mag es, wenn es schön aussieht. Und dann mach ich ein Foto….

… das bringt mich zur nächsten Frage. Instagram sei Dank kann heute jeder Blogger-Boy und jedes Blogger-Girl hübsche Bilder von Essen mit viel Filter machen. Heute ist es nicht schwierig ein einigermaßen gutes Foto von Essen zu machen. Meinst du die Zukunft braucht noch Food Stylisten?

Ich stimme dir total zu und es gibt natürlich bereits jetzt einen Niedergang! Als ich angefangen habe gab es in Paris etwa 50 Food Stylisten. Heute sind es vielleicht ein paar mehr. Du musstest nur gut sein und dann hattest du viele Jobs, gut bezahlt. Aber jetzt hat es sich stark geändert. Jobs werden schlechter bezahlt. Aus vielen Gründen: der schwierige Zeitschriftenmarkt, weniger Geld für Produktionen, Stock-Fotos… und jetzt gibt es Blogger, die alles machen: Kochen, Styling, Fotografie und sie bieten es zusammen für sehr wenig Geld an. Das ist schwer für Food-Stylisten und Fotografen da mitzuhalten. Fotografen und Stylisten arbeiten eng zusammen, sie nehmen sich Zeit, diese Kultur geht verloren. Aber es ist auch interessant, ein Ansporn, vielleicht mach ich irgendwann einfach meine Fotos auch selbst.

Photo Guillaume Czerw, Styling: Audrey Cosson

Photo Guillaume Czerw, Styling: Audrey Cosson

Was würdest du jemanden antworten, der dir sagt, er habe kein Budget für eine Food Stylistin?

Für einen Food Fotografen ist es unmöglich gleichzeitig vor und hinter der Kamera zu sein. Für ein gutes Ergebnis ist es aber sehr wichtig, dass auf beiden Seiten ein gutes Team ist. Es entstehen viel bessere Ideen, es ist so offensichtlich. Jeder hat seine Rolle, wir befruchten uns gegenseitig. Fotografen müssen sich auf das Fotografieren konzentrieren, nicht auf das Styling.

Noch eine ernste Frage zum Schluss. Immer wenn ich mit Leuten sprechen, die in unseren Kreisen mit Essen arbeiten, wird klar: Wir leben im reichen Westen und können mit Essen „spielen“, uns austoben, Dinge kreieren. Hast du Momente, in denen du eine Tomate polierst und dir denkst: OK, an vielen Orten haben Menschen noch nicht mal eine Tomate zu essen…

Ja, absolut. Aber das Schlimmste von allem ist die Menge an Essen, die wir wegwerfen bei unseren Jobs. Es ist furchtbar. Ich fühle mich schlecht dafür, natürlich. Zumal ich mit echtem Essen arbeite – was nicht alle Food Stylisten machen. Klar essen wir dann nach dem Job mit dem Team von diesen Sachen, aber bei einen Buch mit 70 Rezepten? Ich nehme das Essen mit, schenke es Freunden, friere es ein, aber du wirfst immer etwas weg. Ich hatte eine junge Assistentin kürzlich für ein paar Jobs, sie hat alles mit so einem frischen Blick gesehen und als der Job fertig war rief sie ganz entsetzt: „Aber wir werfen das doch jetzt nicht alles weg?!“ – Und da hab ich gemerkt, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe. Und das ist nicht gut.

Wirst du für immer Food Stylistin sein?

Ich glaube nicht. Ich liebe den Job sehr und zum ersten Mal mache ich etwas mit sehr viel Leidenschaft. Aber ich hab schon einmal alles geändert in meinem Berufsleben. Und das mach ich bestimmt noch mal. Ich habe großes Glück mit diesem Job. Ich fahre nach Italien, Frankreich, um da zu arbeiten. Aber es ist auch anstrengend, auch körperlich, lange auf den Beinen sein… vielleicht werde ich Fotografin, oder etwas ganz anderes. Es wird eine andere Revolution kommen. Aber nicht morgen. Nach Berlin kommen war eine Revolution für mich. Nicht zu viel Revolution auf einmal:)

Audrey Cosson bei Instagram.

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