Rose NerdBecks hat drei neue Biere auf den Markt geworfen, mit denen die Brauerei die Craft-Bier Welle reiten will. Beladen mit Vorurteilen haben wir mal probiert.

Becks. Das Bier, ihr wisst schon. Wenn man es aufmacht riecht es wie eine Mischung aus Pisse und einem frisch angezündetem Joint. Also eigentlich der Corporate Smell des Görlitzer Park in Berlin.

Eben jenes Becks gibt es jetzt auch als „Amber Lager“, „1873 Pils“ und „Pale Ale“. Anders gesagt: Die Monsterbrauerei Anheuser-Busch InBev springt dann doch überraschend zügig auf den Craft-Bier Zug auf. Wobei laut Pressemitteilung Craft-Bier nicht der Aufhänger ist, sondern „Internationale Bierspezialitäten.“ Egal – wenn man bedenkt, wie lange ein Produkt bis zur Markteinführung braucht, hat da jemand frischen Hopfen gewittert und schnell geschaltet.

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Foto: © Mario Münster, Holz und Bier… es könnte so schön sein.

Auch wenn ich nebenberuflich Weinhändler bin, liebe ich Bier. Das weiß offenbar auch der Algorithmus, der für die Werbebanner bei Spiegel Online zuständig ist. Denn seit fünf Tagen sehe ich bei jedem mobilen Besuch auf Deutschlands hektischster Nachrichtenseite ein Werbebanner für die neuen Biere von Becks. Immerhin gibt es noch keinen Liveticker zu den ersten Verkaufszahlen. Ebenso häufig wie die Werbeanzeige sehe ich übrigens entsetzte Posts zu dem Thema in den Timelines meiner Food-affinen Freundinnen und Freunde.

Also gut, ich muss das wohl probieren. Austesten, was Becks so kann. Riecht es eher wie blumige Pisse? Oder ein geräucherter Joint? Ich bin gespannt.

Pale Ale von Becks kratzt an meinem Snobismus

Man soll als Autor dem Leser ja immer dabei helfen, seine eigene Position zu verstehen. Wissen, wer da mit welchem Hintergrund schreibt. Ich bin gewiss kein Super-Early-Adopter in Sachen Craft-Bier. Mein Erweckungserlebnis hatte ich im frühen Herbst 2011 zwischen New York und der Küste von Maine. Dort trank ich das erste mal Biere aus Mikrobrauereien mit intensiven Hopfenaromen. Und war dann schnell verliebt. Im vergangenen Jahr habe ich während eines dreiwöchigen Aufenthalts in Kalifornien versucht jeden Tag ein anders Craft-Bier zu trinken. Am Ende zählte ich mehr Biere als Tage. Und als Weinhändler bin ich es eh gewohnt erst mal alles in mich reinzuschütten und dann darüber nachzudenken. Sprich: Ich finde, ich darf eine Meinung zu dem Thema haben und sie veröffentlichen. Und voreingenommen bin ich auch. Denn Pale Ale von Becks ist in bisschen so, wie wenn die Underground Lieblingsband plötzlich Stadien füllt. Es kratzt an meinem Snobismus. Wer will schon sein wie die anderen?!

Wenn man im Herbst 2011 in Berlin Craft-Bier gesagt hat, haben die Leute nicht verstanden, wovon man redet. Mittlerweile gibt es in Berlin so viele Mikrobrauereien, das eigene Bars und Festivals für sie organisiert werden. Mit Stone Brewing kommt eine der größten Craft-Bier Brauereien aus Kalifornien nach Berlin, um hier für den europäischen Markt zu brauen.

Der Pro-Kopf Bier-Konsum in Deutschland geht insgesamt zurück. Auch wenn es im Jahr 2014 ein klitzekleinen Anstieg gab. Craft-Bier boomt. Die Zahl der Mikrobrauereien stieg von 508 im Jahr 2005 auf 677 im Jahr 2014. Aber bisher war dieser Boom etwas für das Distinkstionsstreben von Großstadt-Menschen. Und genau die haben das Thema cool gemacht. Heute sieht man auf den Bierfestivals vor allem zwei Sorten Menschen: Weißgesichtige Langzeitstudenten in ihren späten Dreißigern, die vor fünfzehn Jahren schon in der Badewanne ihr eigenes Bier gebraut haben, welches sie dann mit ihren drei Kumpels beim Rollenspielabend tranken. Die fanden Bier schon immer gut, waren aber noch nie cool. Zu dieser Gruppe gesellen sich nun seit neustem die besseren Herrschaften der Stadtgesellschaft: Bionade-Bohème, Hipster, Foodies. Dass die Meinung machen und Trends setzen, weiß auch Anheuser-Busch InBev. Siehe die Themen Streetfood und Vegan.

Es schmeckt wie ARD und ZDF

Und so sitze ich jetzt hier an einem gewöhnlichen Dienstagvormittag mit einem Fass voller Vorurteile vor drei Flaschen Becks und denke mir: Das Leben ist schön. Denn, hey, selbst wenn das Bier scheiße schmeckt, wird es mich in diesen wohlig-gleichgültigen Zustand des Daydrinkings versetzen. Danke, Anheuser-Busch InBev.

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Foto: © Mario Münster.

Nachdem ich alle drei Biere probiert habe, wird vor allem eines klar: Der neugierige Kunde soll nicht überfordert werden. Zwar haben alle drei Biere die Charaktereigenschaften, die man von ihnen erwartet. Allerdings sind die sehr leise ausgeprägt. Anders gesagt: Verglichen mit den wirklich guten Bieren aus Mikrobrauereien schmeckt das ziemlich lahm. Der Kunde soll was erleben, aber eben nicht so viel, dass es verstören könnte. Ein wenig schmeckt es wie ARD und ZDF.

Das „1873 Pils“ ist belanglos. Wer ein Pils will, ist da mit einem Pilsener Urquell glücklicher. Das „Pale Ale“ hat zwar den klassischen blumigen, leicht fruchtigen Duft und schöne bittere Noten im Abgang… aber auch das verhallt so schnell wie eine Regierungserklärung von Angela Merkel. Am besten ist noch das „Amber Gold“, das wirklich toll nach Malz und Honig riecht, sehr schön kupferfarben ist und insgesamt sehr rund schmeckt. Aber auch das ist mehr als offensichtlich für den Massen-Gaumen gemacht. Denn wirklich etwas hängen bleibt nicht.

Fazit: Man braucht das alles nicht. Junge Bänker in Frankfurt und Anwälte in Düsseldorf werden das vielleicht bald in Szene-Kneipen trinken, weil es schick ist und Anheuser-Busch InbeV genug unternehmen wird, um es dort auf die Karten zu bringen. Die wirklich überraschende Erkenntnis ist, dass keines der Biere nach Pisse und Hasch riecht. Das ist doch mal was.

2 Kommentare

  1. Bertl Antworten 19. Mai 2015 at 15:05

    mag ich: Bier mit Bildungsauftrag

  2. Simon Waldmeier Antworten 23. Mai 2016 at 10:40

    Das haschischartige Aroma ist bekannter unter der Bezeichnung Lichtschaden. Es rührt daher, dass das Bier in grünen oder gar in weissen Flaschen abgefüllt schnell ein zuviel an Sonnenlicht abbekommt, und daher einen schlechten Geschmack entwickelt. Das betrifft grundsätzlich alle Biere in grünen und weissen Flaschen. Beck’s in Dosen hat dieses Problem nicht, da bekommt man ein durchaus angenehmes Hopfenaroma verkauft. Seltsamerweise sind aber viele Bierfreunde allergisch auf Dosen, die kaufen sich lieber verdorbenes Flaschenbier, als jemals ein Bier aus einer Dose anzurühren.

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