Rose_GedankenWrocław ist 2016 eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte und zeigt sich weltoffen und jung. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich jedoch die politische Haltung vieler Polen. Der Blick auf die Dinge.

Wrocław. Wroohzuav. Ungefähr so wird der Name der polnischen Stadt ausgesprochen. Bis ich das hinbekommen habe, war der Kurztrip in die schlesische Stadt auch schon fast wieder vorüber. Wrocław war früher einmal Breslau und ja – auch einmal deutsch.

Die Geschichte dieser Stadt ist unstet und gekennzeichnet von verschiedenen politischen Zeiten. Deutsch geprägt, sowietisch geprägt. In den 1980ern entwickelte sich Wrocław zu einem wichtigen Zentrum für die polnische Solidarność Bewegung, die maßgeblich mitverantwortlich war für die politische Wende von 1989. 2016 ist Wrocław mit der baskischen Stadt San Sebastián europäische Kulturhauptstadt. Es ist eine Stadt, deren jüngste Geschichte viel über das heutige Polen aussagt.

Wenn man durch das grüne Wrocław schlendert, meint man den Geist vergangener Zeiten noch zu spüren, die verschiedenen kulturellen Einschläge diverser Epochen. Gemischt mit dem sehr jungen Auftreten dieser Stadt (das polnische Google Office im Zentrum der Stadt leistet seinen Beitrag mit den riesigen Lettern des Unternehmens), kann man die Beweggründe verstehen, Wrocław als eine der beiden aktuellen Kulturhauptstädte gekürt zu haben.

Man mag meinen: Das ist das europäische Polen

Die Stadt will sich europäisch zeigen – offen, weltgewandt. Am 1. Mai ist die Innenstadt von Wrocław die wohl größte Bühne der Welt. Gemeinsam wird „Hey Joe“ von Jimi Hendrix gespielt. 7356 Gitarristen sind zusammengekommen, um den bisher bestehenden Weltrekord zu sprengen. Festivalstimmung, viele lachende Gesichter, junge und alte Menschen tummeln sich und genießen diesen ersten Maitag. Man mag meinen: Das ist das europäische Polen.

Am Rande des Spektakels formieren sich einige junge Leute mit einem Transparent. Ich frage meine polnische Begleitung, wofür sie demonstrieren würden: Gegen Ausländer, gegen Immigration. Schlichtweg gegen multikulturelle Veränderung.

Diese jungen Mittzwanziger, die dort protestieren, könnten genauso abends in den gleichen Bars sitzen wie ich. Sonnenbrille, lässige Sneakers, Jungs und Mädels gleichermaßen. Wie sie so da stehen, könnte man sie in Paris, Berlin oder San Francisco ebenso wiederfinden. Ich staune nicht schlecht. Sie bedienen modisch einen global kodierten Trend,  ihre Forderungen sind gleichwohl ultrakonservativ und ausländerfeindlich.

Wie kommt es, dass junge städtische Menschen in einer so jungen, kulturell weltoffenen Stadt (wenn auch stark politisch verordnet) wie Wrocław, den eh schon verschwindend kleinen Ausländeranteil weiter senken wollen?

Die polnische Geschichte mit den fremden Einflüssen hat ihr Übriges getan

Die Gründe hierfür sind vielfältig und haben doch eine gemeinsame Quelle. Die polnische Geschichte mit den fremden Einflüssen leistet hier ihren Beitrag. Die PIS-Partei positioniert sich deutlich gegen Migranten und Flüchtlinge. Ministerpräsidentin Beata Szydlo demonstriert wo sie nur kann, dass eine europäische Lösung in Bezug auf den Flüchtlingsstrom von Polen nicht unterstützt wird. Die Medienlandschaft in Polen ist geprägt von einer kritischen Betrachtung gegenüber neuen Einwohnern. Polen will polnisch bleiben. Keine Veränderung mehr. Auch die jungen Menschen, die in einem integrierten Europa aufgewachsen sind, wollen das. In jenem Europa, in dem ich ebenso aufgewachsen bin.

An diesem Sonntag sind es nur circa 40 Leute, die am Rande des sonst so friedlichen Festes in Wrocław für etwas stehen, das gegen die Idee einer europäischen Kulturhauptstadt steht und überhaupt gegen die Idee von Menschlichkeit. Man mag meinen, dass sie hier zwischen den musizierenden Jimi Hendrix Fans national denkende Außenseiter sind. Sie sind sie aber leider nicht in Polen.

Es ertönt die Hymne von Jimi Hendrix, gespielt von fast 8000 Menschen. Erste Zeile des Liedes ist: „Hey Joe, where you goin‘ with that gun in your hand?“ Fast schon ironisch.

 

Titelbild: © Soren Wolf, Wrocław form the sky. Via: https://flic.kr/p/B7SuHt is licensed under a Creative Commons license: CC BY-ND 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/.

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