Rose LandkarteManuela Czapka vermisst es, altmodisch umschwärmt zu werden. Sie verflucht den neuen Wiener Flughafen und erklärt uns,  was „ur leiwand“ bedeutet. Ein neuer Beitrag in ihrer Kolumne Wien-Berlin.

 

Wer will, findet Wege?

Zuletzt im Flieger am Weg nach Wien steigt so ein Grant in mir auf, das muss am neuen Flughafen liegen, den da ganz besonders fähige Personen hingestellt haben – ich hoffe Sie haben diesen diskreten Sarkasmus eben bemerkt. Hätte man diesen Verplanern als Kind mal lieber Lego Technik zu Weihnachten geschenkt und keinen Hamster. Nur so ist es zu erklären, dass auf elendiglich langen Gängen die Orientierung dermaßen abhanden kommt, dass man diese kleinen Markierungen sucht, die wie auf der Autobahn zum nächsten Notruf führen. Durch Zufall oder Ausschlussprinzip – ist ja auch egal – findet man die eine, mickrige, unscheinbare aber höchstbedeutende Rolltreppe, die ins nächste Level führen soll. Von wegen. Gänge. Die unendliche Weite. Bis es wieder abwärts geht. Das ist gleich viel passender und entspricht im Hamsterkäfig fast maßstabgetreu der Klopapierrolle: Runterrutschen, in noch mehr Gänge, noch mehr Wege.

Illustration: Shutterstock

Illustration: Shutterstock

Ich warte nur drauf, bis diese große Fläche parzelliert wird und als Eigentum erworben werden kann. Ein privater Elektroroller erscheint mir als lukrative Geschäftsidee. Ich werde einen E-Fuhrpark aufmachen, Caddy Service anbieten und personalisierte Flitzer tunen lassen. Oder doch lieber eine Curlingbahn? Damit man bei Laune gehalten wird, verstehen Sie?

Skylink schimpft er sich. Der Flughafen, nicht der Hamster. Das ist modern. Ein moderner Name für den Vienna International Airport – ich könnte das stundenlang sagen, Vienna International Airport, herrlich wie das klingt! Früher hieß er ja Flughafen Schwechat, war schön kompakt und logisch. Heute gilt es, einem hochtrabenden Namen gerecht zu werden. Aber, und das muss man ihm zugute halten, er ist zumindest in Betrieb, wenngleich nicht fertig.

Halt, was ist das? Licht am Ende des Tunnels: Die Gepäckhalle! Dank der groß an die Wand gedruckten Noten von Johann Strauss Sohns‘ Operette Die Fledermaus hat man nun auch eine Melodie zur Nahtoderfahrung. Da ist mein Koffer. Ein Glück, das war knapp. Raus hier. Rein nach Wien.

Foto: Manuela Czapka

Foto: Manuela Czapka

Sagen Sie niemals Weinschorle

Im 13. Bezirk in Wien, dem Nobelbezirk neben dem Schloss Schönbrunn, Sissi und so, Sie wissen schon, da auf jeden Fall, da ist mein Zahnarzt. Ich bin nicht oft da, bin ich doch nun eine deutsche Versicherte. Trotzdem komme ich ab und zu zum „Grüß Gott“ sagen vorbei. Er freut sich immer, mich zu sehen, und ich wiederum freue mich über ein Wiener Original, wie man es nur noch selten trifft. Man wird hineinkomplimentiert, hinreißend umschwärmt wie man es aus guten alten Filmen kennt, oder sich das höchstens noch vom Burgtheater abschauen kann. Das ist der berühmte Wiener Charme, der ein Wiener Mädel nachhaltig verwöhnt.

„Wenn Sie es allerdings einmal sein sollten, der von einem Wiener als g’spritzt bezeichnet wird, fassen Sie es nicht als Kompliment auf…“

Und so werde ich gefragt, wie es denn sei, dieses Berlin. Darauf folgende Erzählungen von seinen eigenen Erfahrungen mit den Deutschen sind so obligatorisch, als hätte man es im Knigge gelesen. Dann wird es plötzlich ernst und still, er blickt über seine Zahn-OP-Vergrößerungsbrille und ermahnt mich sehr eindringlich: „Bitte, tun Sie mir einen Gefallen, sagen Sie niemals Weinschorle.“ Er sagt mit Nachdruck: „Wer will denn schon eine (verzieht das Gesicht) Weinschorle trinken?“ Ein guter Österreicher bestellt einen G’spritzten, Pardon, einen Rot- oder eher Weißwein, aufgespritzt (verdünnt) mit Soda. Wenn Sie es allerdings einmal sein sollten, der von einem Wiener als g’spritzt bezeichnet wird, fassen Sie es nicht als Kompliment auf, dann sind Sie nämlich ein eingebildeter Schnösel und – wer weiß – vielleicht ja auch betrunken. In Wien redet man gerade heraus und tut es doch nicht. Ist direkt – sofern es richtig übersetzt werden kann. Lullt sich ein und fühlt sich wohl dabei. Keine Sorge, Berlin holt einen jäh raus, aus der klangvoll schmeichelnden Wiener Schule. Alles eine Spur härter hier. Aber geil. Apropos!

Supergeil…  Wenn aber meine Oma aus Österreich geil sagt, meint sie den hohen Fettgehalt einer Torte. Endgeil, oder?

Während die einen in der Werbung auf Minimalismus und Zurückhaltung setzen, wird eine andere Fraktion immer dreister. Und wann hat denn in Berlin bitteschön das Wort „geil“ in den Sprachgebrauch Einzug gehalten? Ne schöne Curry essen, geil! Gehalt bekommen, geil! Der neue Kindergarten – suuupergeil! Wenn die Berliner Senioren etwas geil finden, meinen sie die Steigerungsform von gut und wollen damit wohl noch besonderes jugendlich wirken. Für Jugendliche wiederum ist alles geil, denn sie selbst sind geil. Die Geilsten. Wenn aber meine Oma aus Österreich geil sagt, meint sie den hohen Fettgehalt einer Torte. Endgeil, oder?

Ein unabwendbarer Siegeszug eines hässlichen Substituts ist Ausdruck der Generation Generalist. Zugegeben, auch in Wien ist das Wort gebräuchlich und hält als moderne Steigerungsform von leiwand her. Leiwand bedeutet so viel wie cool. Und dann gibt es ja auch noch das superlative ur, das Attributen vorangestellt wird. Ur cool, ur leiwand, ur geil. Besser geht’s nicht. Ich traue es mich ja kaum zu sagen, aber ich habe unlängst festgestellt, dass ich nach etlichen Jahren in Berlin das Wiener ur komplett verlernt habe, respektive ersetzt. Und dreimal dürfen Sie raten, wogegen…

 

2 Kommentare

  1. Regine Heidorn Antworten 2. Juli 2014 at 13:04

    Das „ur“ gibt es in Berlin auch, etwa in „urst“ gemütlich oder „urst“ schau. Und das geil – das kam in den 80ern in die Jugendsprache (in Deutschland allgemein), flachte in den 90ern wieder ein wenig ab und scheint gerade wieder Konjunktur zu haben.
    Aber leiwand … das ist so ein österreichisches Wort, mit dem ich nicht warm werde – woher kommt das, also so ethymologisch gedacht – was genau bezeichnet es eigentlich, ausser, daß es cool bedeutet?

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top