Rose LandkarteThere is no valley like Noe Valley. Bericht aus einem unwirklichen Stadtteil in San Francisco.

Von Mario Münster

Noe Valley ist ein Stadtteil von San Francisco. Das ist die technisch richtige Bezeichnung. Soziologisch betrachtet ist Noe Valley eine Art Traumlandschaft für erfolgreiche Mitdreißiger. So etwas wie der Prenzlauer Berg in „richtig schlimm“. Individualität gibt es kaum. Aber es ist dort sehr flauschig, wirklich. Ich meine das vollkommen ironiefrei. Auch wenn ich mir nicht vorstellen könnte in Noe Valley zu leben, habe ich dort ein paar sehr entspannte Tage verbracht. Vermutlich vor allem deshalb, weil es so unwirklich heimelig ist.

Die Hauptschlagader des Viertels ist die 24th Street. Eine entspannte Straße, links und rechts zweistöckige Häuser in bunten Farben mit kleinen Gärten. Im Erdgeschoss jeweils ein kleines Geschäft: Zahllose Cafés, Teehäuser, Weinhandlungen, Büchereien. Die Menschen auf der Strasse kennen und grüßen sich. Es ist wirklich gemütlich hier. Beispielsweise im Bernie’s – einem Café in einem wunderschönen viktorianischen Haus. Es gibt dort Mandel-Gebäck zum Café. Es ist natürlich noch lauwarm. Das Gebäck! Nicht der Kaffee!

Entspannt Kaffee trinken im Bernies.

Entspannt Kaffee trinken im Bernie’s.

Kind, Hund, Yogamatte, Kaffee

Alle Menschen, die durch diese Straße laufen haben mindestens eines der folgenden vier Accessoires bei sich:
Ein Kleinkind.
Eine Yogamatte.
Einen Coffee to go.
Einen Hund.

Wenn ich schreibe „mindestens eines dieser Accessoires“ dann heißt das, dass mir auch Menschen begegnet sind, die in der einen Hand ein Kind, in der anderen einen Kaffee, hinter sich einen Golden Retriever und im Rucksack eine Yogamatte hatten. Das klingt jetzt übertrieben. Aber das ist wirklich so.

Mit dem Google-Bus zur Arbeit und das Internet beatmen

Die meisten von denen sind Mitte dreißig und ihr Job ist es vermutlich, das Internet am Leben zu halten. Früh morgens kann man sie dabei beobachten, wie sie in den Google-Bus oder den Yahoo-Bus einsteigen, der sie dann ins Silicon Valley bringt. Ich hielt diese Busse für einen Scherz, bis ich die jetzt gesehen habe. Es sind keine Nerds, die da in diese Busse steigen. Es waren wahrscheinlich auch nie welche. Sie ist vermutlich Projektmanagerin für irgendein CSR-Projekt bei Netflix (Mögliches Projekt: Lebenslang Gemüse umsonst für alle Obdachlosen mit dem Nachnamen Underwood). Und er ist Unit-Leiter für den Bereich „Ungerade Algorithmen“ bei Facebook. Oder noch schlimmer:  Jemand aus der Legal-Abteilung bei Google. Also eigentlich ein Typ, für den man Schimpfwörter braucht. Er ist aber wahnsinnig unverbindlich informell mega-freundlich mit sehr geraden weißen Zähnen. Deshalb ist das  Gesetz auch Googles Freund.

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Getrunken wird hier natürlich auch lokal.

Noe Valley: Ein Paradies für Feinschmecker

Ich schweife wirklich ab. Was ich eigentlich erzählen will ist, dass dieses Noe Valley ein wunderbarer Ort ist. In den vielen kleinen Restaurants ist alles organic und local. Und es schmeckt unglaublich gut. Mir ist dort nicht ein schlechter Bissen untergekommen. Und wenn ich dem Urteil meiner sozialen Bezugspersonen glauben darf, bin ich, wenn es um die Qualität von Essen geht, mittlerweile ein Mensch, für den man Schimpfwörter braucht. Handzahm, war ich in meinen Noe Valley Tagen.

In der Mitte der 24th Street gibt es einen sehr sehr großen Supermarkt mit Bioprodukten von Firmen, die ihre Mitarbeiter anständig bezahlen. Die Produktpalette beinhaltet unter anderem eine Auswahl an Bier von Mikro-Brauereien, die mich sprachlos gemacht hat (vor dem Konsum!).

Also, irgendwie ist dieser Text ja eine Reiseempfehlung. Fahrt da mal hin und schaut es euch an. Trinkt einen Café im Bernie’s, geht zum Frühstück ins La Boulange, nehmt ein Pork Belly Sandwich im Caskhouse, probiert den Saft in der Pressed Juicery und esst das Sushi bei Saru. Es wird euch an nichts fehlen.

Ich denke derweil darüber nach, ob Noe Valley nicht der Titel einer neuen TV-Serie werden könnte. Hinter dieser glatten, samtweichen Fassade können nur übelste Abgründe lauern.

Titelfoto: © Mario Münster.

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