Rose Landkartelisboa5Im Frühjahr 2009 kündigte ich meine Wohnung in München und zog nach Lissabon. Ich wollte einen Roman schreiben, hatte genügend Geld, mich etwa 4 Monate über Wasser zu halten und vage Vorstellungen davon, wie es danach weitergehen könnte. Kurz vor meiner Abreise traf ich eine alte Freundin, die bei einem Verlag arbeitete. Dort suchte man einen Ghostwriter für einen Schnäppchenplaner. Ich ließ mich auf das verkaufsabhängig honorierte Abenteuer ein und hoffte meine Schreibzeit dadurch verdoppeln zu können.

 

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Im Spätsommer desselben Jahres erzählte mir der sonnenverbrannte 62-jährige Senhor Jorge aus der Nachbarschaft, dass er Angela Merkel für ihre starke Hand bewunderte und dem ehemaligen portugiesischen Diktatoren Salazar nachtrauerte. Im selben Zeitraum kam der Begriff Eurokrise ins Gespräch. Portugal war einer der Wackelkandidaten. Ab 2010 verabschiedete die Regierung ein Sparpaket nach dem anderen. Die Zinsen für Staatsanleihen stiegen trotzdem unaufhörlich. 2011 flüchtete sich das Land unter den Euro-Rettungsschirm und aus den Sparbemühungen wurde ein Spardiktat. Steuern wurden erhöht, Renten gekürzt, das Kulturministerium abgeschafft.

Auch vor der Krise war Lissabon ein blasser Fleck auf der Karte europäischer Kulturstädte. Meistens wird es auf die Stichworte Fado und Saudade reduziert. Fado, die tristen Gesänge, die von unglücklicher Liebe und der Sehnsucht nach besseren Zeiten erzählen. Saudade, die unübersetzbare Schwester von Weltschmerz und Sehnsucht. Alle meine Besucher waren von Reiseführern und Reportagen entsprechend vorbelastet. Der gelangweilte Blick, den der lederhäutige Angler über die spiegelglatte Oberfläche des Tejo schweifen ließ, war für meine Mutter ein Blick in vermeintlich bessere Zeiten. In Filmen und Büchern über Lissabon herrscht stets trübes Winterwetter oder glühende Hitze, und die schmalen, malerischen Gassen sind weitgehend entvölkert.

In Bezug auf gegenwärtige Kultur, wird die Luft dünn. Der Literaturnobelpreisträger José Saramago ist tot. Die Installationskünstlerin Joana Vasconselos gibt die Kunsthandwerkerin für gehobene Einkommensklassen. Die Kuduro-Band Buraka Som Sistema ist nach London ausgewandert. Dabei vibriert in Lissabons schmalen Gassen das Leben auf eine sehr spezielle Art. Zum Teil hat das mit der exponierten Lage am südwestlichsten Zipfel Europas und der Kolonialvergangenheit zu tun. Afrika und Südamerika sind hier keine exotischen Zutaten, sondern Bestandteile des Alltags. Egal ob der Putz von den Wänden blättert, die Farben der Graffiti und Stencils leuchten hier kräftiger als anderswo. Egal ob die afrikanischen Trommeln in den Katakomben der Fábrica Braço de Prata dafür sorgen, oder die DJs auf dem Mercado Fusão, die Rhythmen kommen hier leichtfüßiger daher.

 

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Kulturelle Bereiche, die von einer gewissen Investitionsbereitschaft abhängig sind, haben es derzeit schwer. Film und Architektur lösen sich nur sehr allmählich aus der Schockstarre. Doch der beweglichere Teil der Kreativszene arrangiert sich bestens mit den Sparmaßnahmen. Wo keine festen Arbeitsverträge vergeben werden, sind Freelancer gefragt. Rafael Lourenço vom Design-Kollektiv vivóeusébio streicht sich den Allen-Ginsberg-Bart und erzählt, dass sie in den letzten Jahren etliche Kunden hinzugewonnen haben, die früher ausschließlich mit festen Designern arbeiteten. Er ist glücklich damit. So kann er mit Freunden arbeiten und sich um diejenigen Aufträge bemühen, die ihn herausfordern.

Wo der Druck von Außen zunimmt, wächst auch der innere Zusammenhalt. Lokale Modelabels, Kleinverlage und Musiker segeln seit einiger Zeit mit Rückenwind. Mittlerweile auch jenseits der Landesgrenzen. Planeta Tangerina ist 2013 bei der Bologna Children’s Book Fair als bester europäischer Kinderbuchverlag ausgezeichnet worden. Die Illustratorin Catarina Sobral gewann dieses Jahr den International Award for Illustration.

Bands wie Paus und Dead Combo eifern keinen angelsächsischen oder amerikanischen Vorbildern nach, sondern lassen sich von ihrer Umgebung inspirieren und haben Erfolg damit. Paus reichern ihren Postrockentwurf mit tribalen Rhythmen afrikanischer und lateinamerikanischer Färbung an und versetzen damit ihr Publikum in den USA, Mexiko und London gleichermaßen in Ekstase. Dead Combo nehmen traditionelle portugiesische Gitarren, vermischen sie mit Blues und Weltmusik, und werden rund um den Globus verehrt.

Auch die Konzertbühnen der Stadt haben einiges zu bieten. Ein ehemaliges Bordell, ein traditioneller Tanzsaal und ein altes Herrenhaus sind nur drei von zahllosen fantastischen Locations. Bespielt werden sie von einer lokalen Musikszene, die sich innerhalb immer neuer Kollaborationen permanent neu erfindet. Das ZDB ist Knotenpunkt und Veteran der Szene, und zugleich internationales Aushängeschild der lokalen Subkultur. Seit der Auflösung von Sonic Youth haben alle ehemaligen Mitglieder der Indie-Ikonen hier mindestens einmal hier aufgespielt. Thurston Moore dachte zwischenzeitlich sogar darüber nach, seinen Lebensmittelpunkt ganz an den Tejo zu verlegen. Vielleicht inspirierte ihn das Schaufenster neben der Bühne, durch das man ins Kneipenviertel Bairro Alto schauen kann. Oders das Sommernachtskino auf der Dachterrasse, bei dem Musikdokumentationen auf den Giebel des Nachbarhauses projiziert werden.

 

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Ein schlechter Nährboden für ein vitales kulturelles Leben scheint eine strauchelnde Wirtschaft nicht zu sein. Wenn die ökonomische Ausgangssituation so holprig ist, dass selbst Standardschritte auf dem Karriereparkett zu Wagnissen werden, versucht manch einer vielleicht gleich, seine Herzensangelegenheit ins Zentrum des Lebens zu rücken. Aus Deutschland war ich daran gewöhnt, dass jedes Gespräch mit einem Unbekannten durch die Frage nach dem Beruf eröffnet wird. Meistens nannte ich meinen jeweiligen Brotjob, aber manchmal sprach ich vom Schreiben. Wenn überhaupt, kam die Frage „Was schreibst du denn?“ immer lange nach dem „und davon kannst du leben?“. Ein paar Wochen nach meiner Ankunft in Lissabon ging ich vom Rossio-Bahnhof Richtung Bairro-Alto. Ich ächzte wegen der flachen Stufen, die zu breit waren, als dass man zwei auf einmal hätte nehmen können. Hinter mir ging der Kunstmaler Daniel Melim. Er fragte, was ich in Lissabon machte. Ich erzählte vom Schnäppchenplaner. Er lachte. „Aber darum geht es dir doch nicht. Ich will wissen, was du wirklich machst?“.

lisboa4Die Illustrationen stammen von Teresa Cortez.

Teresa Cortez ist in Lissabon geboren und immer wieder dorthin zurückgekehrt. Sie arbeitet als freie Illustratorin und Animatorin für Bücher, Magazine, Plattencover, Imagefilme und Videoclips. Im Winter erscheint bei Nave Especial ihre iPad-Applikation „Guarda-Sóis do Brasil“. (teresacortez.com)

 

1 Kommentar

  1. Michael Schnizler Antworten 20. September 2014 at 13:35

    diesen Artikel habe ich sehr gerne gelesen. macht lust darauf zu tun, was man tun will, egal wo.
    und mut dazu eine stadt wie lissabon mit den augen eines menschen zu sehen, nicht eines touristen

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