Der vor allem bei wohlhabenden weißen Familien beliebte Wohnbezirk Park Slope wird oft mit dem Prenzlauer Berg verglichen und ist weithin bekannt für seine gute Infrastruktur, die besten öffentlichen Schulen und die besondere Architektur. Aber weil Park Slope auch als einer der teuersten Wohnbezirke Brooklyns gilt, sind die Wohnungen meist klein und auf Grund der hohen Gebäudedichte dunkel. Und die Miete kostet gerne das Drei- bis Vierfache des Berliner Vergleichsbezirks.

Zu den meist aus braunem Sandstein gebauten drei- bis fünfgeschossigen Häusern (Brownstones) führen großzügige Freitreppen die im Sommer gerne als verlängertes Wohnzimmer genutzt werden. Sobald der Winter vom Frühling zu Fall gebracht wird, flanieren Menschen unter großen Straßenbäumen die pittoresken Fassaden entlang, grüßen und plaudern mit den Anwohnern, die auf den Stufen vor dem Haus sitzen und dort Kaffee trinken, Zeitung lesen oder ihre Möbel, Kleider und andere Haushaltsdinge für ein paar Dollar zum Kauf anbieten. Stoop Sales werden diese Mini-Flohmärkte genannt und an manchen Wochenenden sind die Gehwege der Hauptstraßen an jeder Ecke mit Hinweisen auf einen „Stoop Sale – just down the road“ bemalt. So macht man hier aus der Not eine Tugend. Verkauft Dinge, die beim besten Willen nicht mehr in die winzigen Wohnungen passen, stärkt das Verhältnis zu Nachbarn und Community und macht wenn es gut läuft noch ein bisschen Geld.

Lingerie

Jacket

Aber auch an allen anderen Tagen der Woche werden Freundinnen und Freunde der Second-Hand Kultur in Park Slope fündig. Entgegen der hiesigen Hysterie vor Bakterien, die dazu führt, dass sogar jedes Kind „Hand Sanitizer“ als kleines buntes Anhänger-Fläschchen am Schulranzen trägt – ein anti-bakterielles Gel, das laut Hersteller 99,99 Prozent aller Keime tötet – gibt es wenig Berührungsängste vor gebrauchten Dingen. Beinahe vor jedem Haus stehen Lampen, Bilder, Geschirr, Kinderspielzeug, Möbel, Kleidung, Bücher oder auch mal ein Karton ungeöffneter Kosmetika. Alles zum Mitnehmen. Und nicht selten sind die Sachen in ein paar Stunden von der Straße verschwunden. Kinder davon fernzuhalten ist unmöglich und nachdem ich selbst das erste Möbelstück in unsere Wohnung geschleppt hatte, war die Regel „was auf dem Boden liegt, fast man nicht an“ nur noch schwer durchzusetzen. Nach Herzenslust wird seither in Kartons und Tüten gewühlt, die über gusseisernen Geländern hängen, Schubladen und Schranktüren geöffnet und das ein oder andere Spielzeug nach Hause geschleppt.

Besoners beliebt: Kinderspielzeug

Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld. Als meine Tochter ihren ersten Dollar fand, war ich nicht allzu überrascht. Aber auch 1, 10 und 25 Cent Stücke füllten bald ein Plastiktütchen in unserer Küche und als wir bei einem Spaziergang kurz hintereinander 10 und 20 Dollarnoten fanden, konnte ich meinen Blick nur noch schwer vom Boden heben.

Neben meiner neu entdeckten Leidenschaft für Second-Hand Kleidergeschäfte, die hier wie Pilze aus dem Boden sprießen, bin ich nun also auch dem Sachensuchen verfallen, wie es meine Kinder nach Pippi Langstrumpf nennen. Wir haben unsere Einrichtung durch Regale, Kindermöbel, Bilder, Regenschirme und Spielzeug von der Straße ergänzt. Umsonst ist umsonst, was nichts kostet tut nicht weh. Einiges habe ich aber auch wieder die drei Stockwerke nach unten getragen und vor der Treppe auf den Gehweg gestellt. Zum Mitnehmen. Als ich eine Stunde später wieder hinaus geschaut habe, war alles weg.

Fotos: © May-Britt Frank-Grosse

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