Rose Contributoren5 Fragen an „Die gleißende Welt“ von Siri Hustvedt

Worum geht’s im Buch?

Der Roman erzählt die Geschichte von Harriet Burden, die nach dem Tod ihres Mannes und einem bis dahin künstlerisch erfolglosen Leben beschließt, der Kunstwelt den Spiegel vorzuhalten. Ihre Theorie: Sie ist nur deshalb so erfolglos, weil sie als Frau vom Kunstbetrieb systematisch benachteiligt, ausgegrenzt, klein gehalten wird. Die Idee: Sie sucht sich drei Männer, drei Masken, die ihre Werke unter den jeweiligen eigenen, männlichen, Identitäten ausstellen. Ob Newcomer oder bereits angesagter Künstler – als Werke der Männer getarnt kommen Burdens Installationsarbeiten groß raus, die Künstler werden als hochtalentiert gefeiert. Als die Künstlerin schließlich das Spiel beenden, die Masken ablegen und ihren Triumph feiern will, kommt doch alles anders.

Was ist das Besondere an „Die Gleißende Welt“?

Siri Hustved erzählt die Scharade aus Masken, Täuschungen und schließlich auch Verrat nicht als lineare Geschichte, sondern enthüllt sie in Briefen, Tagebucheinträgen, Kommentaren und Zeitungsartikeln, die von der fiktiven Forscherin I.V. Hess zusammengetragen und posthum veröffentlicht werden. Das liest sich außerordentlich unterhaltsam, sehr amüsant und man lernt ganz nebenbei noch eine Menge über Literatur- und Kunsttheorie. Klingt anstrengend? Ist es ganz und gar nicht, da Hustveds Erzählstil leicht, häufig ironisch und überhaupt nicht belehrend ist.

FullSizeRender

Gehört das Buch schon jetzt zum Kanon feministischer Frauenliteratur?

Was soll das sein? Fakt ist: Wenn man noch kein Feminist oder keine Feministin war, ist man es spätestens nach dem Lesen. Hustved macht in ihrem Roman mit all seinen Beispielen und kulturhistorischen Winkelzügen schlicht überdeutlich, dass Frauen auch in der Kunstwelt bis auf wenige Beispiele schon immer übersehen oder ignoriert worden sind. Der Rachefeldzug der Harriet Burden wird zur Metapher eines Kampfes für Gerechtigkeit und gleiche Chancen. Und das ist schließlich nicht nur für Frauen ein Thema.

Was sagt Hustved über ihr Buch?

Auf der Lesung zur Buchpremiere im Juni dieses Jahres bezauberte Siri Hustved das Auditorium im Kino Babylon mit viel Energie, ihrem Lachen und klugen Gedanken zu Männlich- und Weiblichkeit und der Wahrnehmung von Kunstwerken, wenn man weiß, wer sie geschaffen hat. Auf die Frage des Moderators, ob Frauen auch in der Literaturwelt unterrepräsentiert seien, lacht sie: „The whole world is male dominated, honey!“ Und diese Leichtigkeit mit der sie unbequeme Wahrheiten ausspricht, spiegelt sich auch im Roman wieder.

Auf einer Skala von „1 – einfach im Regal stehen lassen“ bis „5 – der Wahnsinn, unbedingt lesen“, wo steht „Die gleißende Welt“?

Unbedingt 5. Das Buch ist ein einziges intellektuelles Fest! Und auch wenn man nicht alle intertextuellen Bezüge, Anspielungen und Verweise auf lebende und tote Künstlerinnen und Künstler versteht, macht es einfach Spaß sich in diesen Kreisel aus verrückten Persönlichkeiten, Literatur und Kunst fallen zu lassen und nach einer Weile leicht atemlos, aber mit einem glänzenden Gedanken als Fundstück wieder aufzutauchen.

„Die gleißende Welt“ von Siri Hustved ist im Mai 2015 im Rowohlt Verlag erschienen, 491 Seiten lang und kostet als Hardcover 22,95 Euro.

1 Kommentar

  1. May-Britt Frank-Grosse Antworten 3. September 2015 at 22:16

    Vielen Dank für diese ‚Rezension‘, mit der ich sehr übereinstimme. Ich habe eine Lesung des Buches von Siri Hustvedt im Jaunar im Brooklyn Museum gesehen – übrigens mit Ehemann Paul Auster im Publikum.

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top