Rose NerdEigentlich war ich zu einem Interview mit Ivy Pochoda über ihr Buch „Visitation Street“ verabredet. Dazu kam es auch und das Ergebnis könnt ihr hier nachlesen. Wozu es aber auch kam, war ein lebendiges Gespräch über Williamsburg und Berlin mit der in Brooklyn aufgewachsenen Autorin.

Ivy, ich muss dich das fragen, weil es hier in Berlin gerade so ein Thema ist. Was sagst du zu dem großen Brooklyn-Hype? Hier in Berlin wird immer wieder versucht Teile der Stadt zu einem neuen Brooklyn zu stilisieren…

Ivy Pochoda: Ich weiß, es ist furchtbar! Weißt du, als ich nach Amsterdam gegangen bin… oder lass mich noch weiter ausholen… Meine Eltern zogen 1978 nach Brooklyn als ich ein Jahr alt war. Wo wir lebten, war es verglichen mit heute wirklich hart. Leute wurden erschossen, mit Waffen bedroht. Aber es hatte diesen Aspekt eines Abenteuers, was meine Eltern da machten. Sie gingen damals ein großes Risiko ein. Damals ist man nicht einfach nach Brooklyn gezogen so wie heute. Es gab auch keine Umzugswelle nach Brooklyn. Wer da hin ging, musste sich alleine in dieser Welt einrichten. Ich habe immer gedacht: So etwas würde ich selbst nicht machen. Das ist so, als würde ich mich heute entscheiden, nach Detroit zu ziehen.

Ivy Pochoda

Ivy Pochoda (Foto: Justin Nowells)

Trotzdem war ich auch immer etwas neidisch darauf, dass meine Eltern etwas auf eigene Faust entdecken konnten. Als ich dann nach Amsterdam gezogen bin, wollte ich irgendwie mein eigenes Abenteuer haben, ein bisschen was von meinem Brooklyn dahin bringen. Das war so eine persönliche Sache.

Brooklyn als eine Haltung
in Flanell-Hemden…

Um endlich zum Kern deiner Frage zu kommen: Was ich aber nicht verstehe, ist der massenhafte Versuch eine Art Brooklyn-Ästhetik nach Berlin – oder Stockholm, wo es einen ähnlich Hype gibt – zu exportieren. Berlin ist wahnsinnig cool, so, wie es ist. Und das eigentlich spannende ist: Das Brooklyn, das Leute zu exportieren und an anderen Orten zu kreieren glauben, ist ein Brooklyn das niemand kennt, der in Brooklyn aufgewachsen ist und das man nie als seinen Bezirk erkennen würde. Es ist irgendeine Williamsburg-Hipster Version von Brooklyn. Brooklyn ist so groß: Italienische Arbeiter, arme Afro-Amerikaner, Jazz-Musiker in Fort Green, chassidische Juden aus Williamsburg. Aber dieses Brooklyn als eine Haltung in Flanellhemden ist eine Fälschung von Brooklyn! Das existiert nicht in Wirklichkeit. Mein Gott, ihr habt so eine großartige Kultur in Berlin. Wozu braucht ihr unser Fake-Brooklyn?!

Das treibt dich ja wirklich um…

Ivy Pochoda: Die Leute, die aus Manhattan in die alten Lagerhäuser nach Williamsburg zogen, haben da nicht auf irgendwelchen Wurzeln eine Nachbarschaft geschaffen. Sie haben etwas erfunden. Das hat keine Wurzeln in Brooklyn. Williamsburg hat nicht so eine Geschichte wie beispielsweise Red Hook. Also haben sie eine Art Geschichte erfunden und behaupten jetzt, das sei Brooklyn…ich hasse Williamsburg. Ich verstehe es einfach nicht. Es gibt dort viele tolle Restaurants, spannende Menschen aber keine Seele.

Lust auf Ivy Pochoda bekommen? Dann gibt es hier ein langes Interview mit ihr über ihr großartiges Buch Visitation Street.

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