Rose KurzgeschichteEine Kurzgeschichte.

In einem Buch hatte er gelesen, dass es rein gar nichts daran änderte, wenn man durch den Regen rannte. Die Tropfen würden einen dennoch bis auf die Haut durchnässen, ganz gleich ob man eilte oder gemächlichen Schrittes ging. Er hatte an diesem Abend nur wenig Muse, dieser These auf den Grund zu gehen, stattdessen presste er die lederne Mappe enger zum Schutz an seinen Körper und steuerte zielstrebig das nächstgelegene Licht in der stetig wachsenden Dunkelheit an. Als er die massive Eichentür zum Eingang eines gut besuchten Pubs aufstieß, schlug ihm die feuchte, schwere Luft von dampfenden Mahlzeit, frisch gezapftem Bier und Zigarettenrauch an diesem nasskalten Regentag beinahe einladend entgegen.

Foto: shutterstock, Illustration: Bertram Sturm

Foto: shutterstock, Illustration: Bertram Sturm

Der Dunst legte sich auf seine dicken Brillengläser, sodass er sich eilends bemühte, diese mit einem letzten trockenen Hemdzipfel von Nebel und Feuchtigkeit zu befreien, ehe er sich in der verwinkelten kleinen Schankstube umblicken konnte. Die Einheimischen kümmerten sich nur wenig um den fremden Gast, welcher nun den Raum betrat und seinen Blick suchend über die belegten Plätze schweifen ließ. Schließlich sank er, seufzend resignierend, auf einen der freien Barhocker und gab dem Schankwirt mit der Hand ein Zeichen. Er seufzte ein zweites Mal, als er die lederne Mappe aufschlug und sah, dass sich auf der obersten Seite eines Stapels Papier erste Wassertropfen gebildet hatten. Verstohlen blickte er sich in der dunklen Schankstube um, niemand nahm Notiz von ihm. Er war unsichtbar – nicht nur hier, im entlegensten Küstenstädtchen, an den es ihn jemals verschlagen hatte. Mit den Zehen streifte er sich die durchnässten Schuhe von den Füßen und bewegte diese eine Weile, um die Feuchtigkeit aus den Knochen zu vertreiben. An seinem Nacken lief von dem kurz geschorenen Haar ein dünnes Rinnsal von Regenwasser hinab. Wie ein Hund schüttelte er ein Mal kurz den Kopf, dann ein zweites Mal. „Stürmisch heute“, bemerkte plötzlich ein alter Mann rechts von ihm.

Foto: shutterstock

Foto: shutterstock

Der Fremde blickte sich kurz verwirrt um, nicht ganz sicher, ob der Mann ihn angesprochen hatte. Dieser schwieg wieder – war es nur ein Selbstgespräch gewesen? Er blickte den alten Mann noch einmal verwirrt an, musterte ihn kurz und vertiefte sich dann in das Bier, das er geordert hatte. Die beiden Männer saßen eine Weile da, nur für sich, schweigend. Die Gedanken des Fremden schweiften erneut ab, er dachte an die Arbeit, die heute Abend noch in der Mappe auf ihn wartete und an das ungemütliche Hotelzimmer, das ihn nur noch mehr anonym erscheinen ließ. Er wünschte, er könne sagen, dass er sich nach Daheim sehnte, doch die Dachgeschosswohnung am Standrand war kaum weniger spartanisch und ungemütlich eingerichtet als das fremde Zimmer in der kleinen Küstenstadt. „Beruflich hier?“, fragte der alte Mann nun und blickte ihn auffordernd an. Der Fremde stockte, blinzelte hinter den Brillengläsern verwirrt zwei Mal. Er runzelte kurz die Stirn, mehr verlegen als verärgert über die Unterbrechung seiner Gedanken, dann nickte er bejahend auf die Frage, kurz darauf noch einmal, zur Sicherheit. Der alte Mann nickte ebenfalls, brummte etwas in seinen grau-gestutzten Bart und nahm einen Schluck aus der Flasche vor ihm. „Sie sind nicht von hier“, stellte er fest und wiegte seinen Oberkörper leicht vor und zurück, während er sprach. Der Fremde schüttelte den Kopf und zuckte dann fast entschuldigend mit den Schultern. „Nee, nee, sind Sie nicht“, sagte der Mann nun wieder. „So wie sie bei diesem Hundewetter rumlaufen, ohne Mantel und mit diesen schnieken Herrenschuhen“. Er blickte dabei auf die durchnässte Socken, der Fremde lief rot an. Der alte Mann hingegen trug ein festes Paar Gummistiefel und ein wettergegerbtes Regencape. Auch ihm lief ein feines Wasserrinnsal den Nacken hinab, doch er schien es noch nicht einmal zu bemerken.

Foto: shutterstock

Foto: shutterstock

„Wissen Sie, wenn man hier seit sechzig Jahren lebt und arbeitet, kennen man jeden Hosenknopf“, erklärte der alte Mann und seine Barthaare zuckten beim Sprechen. „Das Städtchen ist klein, doch mit dem Meer als Vorgarten vor der Haustür lebt man gern. Und wenn’s zu viel Getratsche gibt, steig ich auf meinen Kutter und hör nur den Wellen zu, mehr braucht es nicht. Sie kommen bestimmt aus der Stadt, mit dem Anzug und Ihren schnieken Herrenschuhen“. Der Fremde lief erneut rot an, vielleicht war er es noch immer, er wusste es nicht. Er hatte einfach nur da gesessen und dem sonoren Brummen seines Nachbars gelauscht. Die Stimme des alten Mannes strahlte eine tiefe, innere Ruhe aus und die vielen Lachfalten in seinem Gesicht zeugten von einem langen, glücklichen Leben. „Schauen Sie nicht so unglücklich, was macht Ihnen denn zu schaffen? Das bisschen Regen ist morgen wieder vorbei und wenn nicht, geht das Leben trotzdem weiter. Solang sich die Fische noch munter im Wasser tummeln, hab ich was zu tun. Das sollten sie mal sehen, wie die im Netz springen und zappeln.“ Der Fremde schwieg noch immer, er dachte wieder an die Verträge in der Ledermappe, die er heute noch durchgehen musste, um sie am nächsten Morgen seinem Chef faxen zu können. „Was schauen Sie denn so unglücklich?“, fragte der Fischer neben ihm. „Solang man noch springen und zappeln kann, gibt’s für jeden noch Hoffnung. Sie sollten mal mit mir raus fahren, bisschen Seeluft schnuppern, das würde Sie auf andere Gedanken bringen. Aber Gummistiefel müssen Sie schon selbst mitbringen, für diese schnieken Herrenschuhe sind wir hier nicht gemacht“. Der Mann schob seinen Barhocker zurück und erhob sich ächzend. „Mehr als sechzig Jahre mach ich das jetzt schon und die Feuchtigkeit wohnt in jedem einzelnen Knochen. Jeden Morgen muss ich meine alten Beine dazu überreden, dass sie mich noch einen Tag tragen und jeden Abend kriegen meine Finger kaum noch den Knoten ins Tau. Das einzige, was nach einem harten Tag da draußen auf mich wartet, sind dieser Hocker und die Möwen, die sich nur gierig auf den Fisch stürzen wollen. Aber glauben Sie mir eins: Mit dem Meer als Vorgarten vor der Haustür kann man gar nicht unglücklich sein.“

Was meinst Du dazu?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Go top