Jede Baumaßnahme kostet Geld, CO2, Ressourcen, nicht zuletzt die wichtige Ressource Boden. Allein in Deutschland wird noch immer täglich eine Fläche von 113 Fußballfeldern überbaut (Quelle: Umweltbundesamt). Umbau statt Neubau ist daher die Forderung der Streitschrift „Verbietet das Bauen!“ von Daniel Fuhrhop, die gerade im oekom Verlag erschien. Der ehemalige Herausgeber des Stadtwandel-Verlags erklärt darin komprimiert und anhand anschaulicher Praxisbeispiele, wie und warum der Verzicht auf den Neubau nicht nur Sinn macht, sondern auch realisierbar ist. Seine These: Es gibt genug leerstehende oder unzureichend genutzte Gebäude, um den Raumbedarf für Wohnen und Arbeiten zu decken. Wir haben Daniel Fuhrhop getroffen und einen sowohl reflektierten als auch humorvollen Menschen erlebt.
BER Berlin, © Daniel Fuhrhop

BER Berlin, © Daniel Fuhrhop

Herr Fuhrhop, warum sollte man das Bauen verbieten?

Natürlich ist der Titel erst einmal sehr plakativ. Aber wenn er auch augenzwinkernd gesehen werden soll, ist es mein voller Ernst, dass wir durch Neubau den Altbauten und den Städten schaden. Zum einen weil der Neubau ökonomisch oft ineffizient und teuer ist. Ökologisch wegen der Zersiedelung. Und sozial, weil neu bauen nie günstig ist. Wir sollten innehalten und sehen, was wir an Häusern haben und wie wir sie besser nutzen können.

Zudem gehen wir im Moment ja noch davon aus, dass eher weniger Menschen in 10 oder 30 Jahren in Deutschland leben werden. Vor diesem Hintergrund klingt Neubau noch absurder.

In Ihrem Buch geht es aber eher um Regeln anstatt von Verboten.

Am liebsten wäre es mir natürlich, man müsste nicht über ein Bauverbot sprechen: Wenn wir es schafften, mit Hilfe all der im Buch aufgezählten Möglichkeiten Neubau überflüssig zu machen, dann würde sich die Frage nach strengen Regeln gar nicht stellen.

An wen richtet sich Ihre Forderung?

Das Buch richtet sich von der Politik über Planer an jeden Einzelnen, einen Beitrag zum Umdenken zu leisten.

Neubau wird oft dadurch gerechtfertigt, dass alte Gebäude ökologisch nicht sinnvoll sind.

Man sagt, dass Passivhäuser energetisch günstiger seien als sanierte Altbauten. Das trifft für die Betriebsenergie, also das Heizen, mit Sicherheit zu. Aber man muss ganzheitlich schauen und auch darauf achten, welche Energie überhaupt für die Errichtung eines Gebäudes erforderlich ist, oder vorher sogar für den Abriss eines Altbaus aufgebracht wurde. Das nennt sich die Graue Energie.

Wenn zum Beispiel am Stadtrand gebaut wird, schaffen sich Menschen oft noch ein zweites oder drittes Auto an. Eine ganzheitliche, dreistufige Betrachtung des Bauens mit Errichtung, Betrieb und Mobilität ist beispielsweise in der Schweiz schon üblich. Sie zeigt nachweislich, dass sanierte Altbauten sehr viel besser abschneiden, als man üblicherweise meint.

Warum wird das nicht kommuniziert?

Natürlich gibt es ein starkes Interesse am Neubau, insbesondere von bestimmten, aber nicht allen Teilen der Immobilien- und Bauwirtschaft. Ich hoffe, dass wir eines Tages so weit kommen wie die Schweiz, wo es durchaus üblich ist, bei jedem Projekt eine ganzheitliche Energiebilanz aufzustellen.

„Städtebauliche Nachverdichtung im Klimawandel“ nennt sich ein Gutachten des BBSR von 2014. Damit verbunden ist natürlich auch Neubau.

Neubau in der Stadt wird immer wieder damit begründet, dass er nachhaltiger sei als Neubau vor der Stadt. Tatsächlich findet beides statt: Es wird in der Stadt und auf der grünen Wiese gebaut, so dass die Freiflächen in den Städten jetzt auch noch verschwinden. Das kann nicht nachhaltig sein.

Am Sinnvollsten wäre es, sich darauf zu konzentrieren, das Vorhandene zu verbessern. Seit 40 Jahren wird von Nachhaltigkeit geredet und mich persönlich macht es wütend, wenn ich überlege, wie einerseits in geduldigen Papieren von Bund und Europa bis zu weltweiten Vereinbarungen beschworen wird, dass wir dem Ideal der Nachhaltigkeit folgen sollen. Und man stattdessen aber jeden Tag erleben kann, wie neue Baugebiete ausgewiesen werden und wie die letzten Freiflächen in unseren Städten vollgebaut werden.

Das Ökologischste ist nun mal, überhaupt nicht neu zu bauen. Es wäre daher nachhaltig, wenn wir die Bewohnerdichte in den vorhandenen Stadtvierteln erhöhen, das heißt Leerstand beseitigen und nicht genutzte Flächen besser nutzen und auch in den vorhandenen Wohnungen wieder mit mehr Menschen leben.

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100 Prozent Tempelhof, Banner © Daniel Fuhrhop

In teuren Ballungsgebieten ist es ja üblich, dass Menschen auf engerem Raum leben.

Mir ist es an dieser Stelle sehr wichtig zu betonen, dass die Menschen, die am wenigsten Geld haben, auch mit Wohnraum zu angemessenen Preisen versorgt werden müssen. Aber das gelingt ja auch eher mit Altbauten, als mit teuren Neubauten.

Andererseits haben hohe Wohnungspreise wie in München oder in New York natürlich den Effekt, dass Menschen sich sehr viel genauer überlegen, was sie wirklich an Fläche brauchen. In Städten wie New York bewegen sich die Menschen dann auch viel mehr auf der Straße. Das beginnt morgens mit dem Frühstück, das man selbstverständlich im Café einnimmt.

Wie könnte das neue Zusammenleben konkret aussehen?

In dem Buch zeige ich einige Beispiele, wie man in Gemeinschaften wohnen oder arbeiten kann und dann als Zusatzeffekt der Wohnflächenverbrauch pro Person sinkt. Ein Beispiel ist „Wohnen gegen Hilfe“: In etwa 30 Orten in Deutschland leben Studierende bei meist älteren Menschen zur Untermiete und leisten dort einen Teil ihrer Miete durch Hilfe ab. Sie gehen einkaufen, kümmern sich um den Garten oder leisten einfach Gesellschaft. Dieses Modell finde ich sehr faszinierend, weil es aus sozialen Gründen entsteht, aber auch bestehenden Wohnraum effektiver nutzt.

Aber wie bekommt man Menschen in schrumpfende Städte zurück?

Sowohl in den schrumpfenden Gegenden Deutschlands, als auch in den beliebtesten Städten sollten wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die extreme Ungleichheit zu beseitigen. Dazu gehört nicht nur, schrumpfende Städte zu fördern, sondern auch, den Boom in den beliebten Städten abzubremsen. Mir geht es gar nicht in den Kopf, warum wir in München, Frankfurt oder Berlin noch weiterhin so viel Tourismusmarketing und Wirtschaftsförderung machen, wir sollten das Geld lieber dafür ausgeben, bekannter zu machen, dass München teuer ist, um davon abzuschrecken, dorthin zu ziehen.

Leerstand in Bochum, © Daniel Fuhrhop

Leerstand in Bochum, © Daniel Fuhrhop

Wenn man nicht mehr baut, schaffen wir dann nicht museale Städte?

In dem Buch führe ich Beispiele von Orten an – wir alle kennen welche – wo ein Drittel oder die Hälfte der Bevölkerung weggezogen ist und trotzdem neu gebaut wird. An solchen Orten wäre es doch nun wirklich das Vernünftigste, gar nicht mehr neu zu bauen.

Auf den Neubau zu verzichten würde zudem nicht heißen, dass sich nichts mehr ändert. Selbstverständlich müssen die Häuser immer wieder an wechselnde Bedürfnisse angepasst werden. Sie müssen beispielsweise von Büros zu Wohnungen umgenutzt werden, oder an anderen Orten vielleicht genau umgekehrt.[1] Es gibt ja bereits heute schöne Beispiele wie etwa alte Fabrikgebäude, die anders genutzt werden. In dem Sinne ist auch innerhalb des Altbaus sehr viel Wandel möglich.

[1] Laut Statista.de standen 2014 in Berlin 907 000 Quadratmeter Bürofläche leer. Auf dieser Fläche könnten etwa 20.000 Menschen wohnen.

 

Verbietet das Bauen!

192 Seiten
oekom verlag München
ISBN-13: 978-3-86581-733-4
Erscheinungstermin: 24.08.2015

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Der Autor Daniel Furhohp, Titelbild: Verbietet das Bauen!

Fotorechte: © Daniel Furhhop, oekom Verlag

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