Rose

„Was ist Zuhause?“ – unsere Autorin Lydia Korndörfer dachte dabei plötzlich an den Staubsauger und seine Rolle als Gegenstand der Kunst und Spiegel der Gesellschaft.

 Vom ›Terror der Behaglichkeit‹

Ich bin vierzehn Jahre alt. Es ist Samstagmorgen, 10 Uhr und mein jugendlicher Tiefschlaf wird von Geräuschen unterbrochen, die mir für einen halben Tag Kopfschmerzen bereiten sollen und bis heute aktiv von mir verabscheut werden. Vor der Tür steht meine Mutter und hält unserem Staubsauger die Hand, der sich im Todeskampf windet und seinen Kopf im Zustand äußerster Verzweiflung immer wieder heftig vor meine Zimmertür stößt. Das tragische Gebahren wird von unheimlichem Brummen und hochfrequentigem Pfeifen begleitet. Ich öffne missmutig mit halbgeschlossenen Augen die Tür, schaue mitleidig herunter, versuche nicht auch noch über das arme Ding zu stolpern und schleiche wortlos an den halb abgeräumten Frühstückstisch. Erbarmen für altersschwache Haushaltsgeräte gab es nicht bei uns. Jeden Samstag musste der Blasebalg vor meiner Tür aufs Neue um sein Leben ringen, bis er sich mit einem letzten fietschenden Atemzug verabschiedete.

Als Spätfolge hege ich eine äußerst entschiedene Abwehrhaltung gegenüber Staubsaugern. Keines dieser Geräte wird jemals die Schwelle meiner Wohnung überqueren. Allein die Erinnerung ruft bei mir körperliche Stresserscheinungen hervor. Manchmal dringt durch die Dielen der gedämpfte Todesschrei von älteren Modellen aus der Nachbarschaft, aber da nicht einmal meine Mutter mein vorwurfsvolles Schweigen verstanden hat, mache ich mir keine Hoffnung auf Erlösung. Laut Internet bin ich sogar ganz gut davongekommen: Es soll Menschen geben, die durch den akustischen Reiz des Staubsaugers den zwanghaften Drang verspüren, Schwimmreifen oder ähnliches einzusaugen. Ich bekomme nur schlechte Laune.

Der Staubsauger unter günstigen Sternen

Nach Recherchen zum Ursprung dieses Elends, muss ich feststellen, dass es sich vor allem ab den Fünfzigerjahren massenhaft verbreitet hat. Vor meinen Mad Men belegten Augen ziehen Szenen vorbei, in denen unzählige blondierte Hausdamen adrett gekleidete Hoover-Vertreter mit einem Lächeln und leuchtenden Augen empfangen, sie ins Wohnzimmer bitten und sich – zu unser aller Verhängnis – eine dieser Terrorzellen aufschwatzen lassen. Der Staubsauger war quasi Luxus und Zukunft in einem, auch in Großbritannien. Als Richard Hamilton, der Vater der britischen Pop Art also 1956 fragte: „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“, schien nämlich niemand seine augenscheinlich zynische Vorhersage dieses Unheils zu verstehen. Und Zonk! Nein, liebe Nachbarn, es war nicht das neue Hoover-Modell ›Constellation‹, dass das traute Heim so reizvoll macht. Die Sterne stehen zweifelsohne gut für den vor Männlichkeit strotzenden jungen Mann und die nackte Schönheit Jo Baer, die sich unbekümmert auf der Couch rekelt. Ihr weiträumiges, farbenfrohes Wohnzimmer ist vollgestopft mit modischem Mobiliar und neuester Technik, mit Fernseher und Rekorder. Wie um alles in der Welt kann man also darauf kommen, dass ausgerechnet der Staubsauger der Schlüssel zum Glück sein soll? Daneben findet sich doch jede Menge tatsächlicher Luxus! Vollkommen offensichtlich dient der Hoover lediglich der phallischen Potenzierung des Hausherrn, aber was soll man sagen: Liebe Damen, bitte schnappen sie sich doch einen Staubsauger – Penisneid kommt in den besten Haushalten vor.

Schöne Frauen, schöne Häuser, starke Geräte

Mit ihrem neuen Attribut hat sich die Frau jedenfalls keinen Gefallen getan. Das zeigte neben der all sonnabendlichen Darbietung meiner Mutter auch schon Martha Rosler. In „Cleaning the Drapes“ aus der Serie „Bringing the War Home: House Beautiful“ (1967–72) kontrastiert die Künstlerin das Bild einer modebewussten Hausfrau mit dem von Soldaten. Im Zuge von Politik- und Gesellschaftskritik wird die Dame dabei nicht nur zum Sinnbild häuslicher Ignoranz, die gänzlich unbeeindruckt vom Schützengrabenszenario vor ihrem Fenster inniglich und mit portablem Staubsauger die Gardinen abfährt, sondern auch zur Verkörperung einer stereotypen Geschlechterrolle, die es mit samt der schweren Vorhänge unbedingt einzureißen gilt.

Nur wenig später gibt es dann endlich einen Bruch. Jeff Koons entführt den Hoover aus der sicheren Hand seiner Patronin und stilisiert ihn zum Inbegriff des Fetisch selbst. Abseits der Geschlechterdebatte präsentiert der amerikanische Pop Art Künstler in „The New“ (1980) vollkommen neue Staubsauger gemäß der Warenhausästhetik, in Plexiglaskästen aufgebahrt und mit Leuchtstoffröhren angestrahlt im Schaufenster des New Yorker „New Museum“. Im Neon-Licht verströmen die Objekte ihre kühle Aura und Sehnsüchte nach dem ›American way of life‹ in der Nachtluft Manhattans. Entgegen ihrer unschuldigen Ausstellung, waren die Geräte dabei durchaus sexuell aufgeladen. Über den Staubsauger sagt Koons: „Es ist eine Maschine, die atmet und sowohl weibliche wie männliche Geschlechtsmerkmale aufweist – Öffnungen und phallische Zusatzteile.“ Ein durchaus spannender Zugang zu Haushaltsgeräten, der seine Durchschlagkraft nicht verfehlt zu haben scheint: Die Passanten strömten ins Museum, um die androgynen Apparate zu erwerben.

Die gefährlichste Waffe der Wohnung

Doch die Geschichte des Mannes, der versucht das Faszinosum „Staubsauger“ zu ergründen, geht weiter. Manchmal lässt sich dabei hinter der Auseinandersetzung tatsächlich eine traumatische Kindheitserinnerung vermuten, wenn beispielsweise Martin Kippenberger und Freddie Mercury 1984 das Bild der friedlichen Hausfrau mit Staubsauger aufgreifen und für immer zerstören. Zumindest Kippenberger teilte wohl meine ausgeprägte Abwehrhaltung. „Die Frau ist die gefährlichste Waffe der Wohnung“ heißt das Gemälde des deutschen Malers, das eine blonde Sexpuppe in geöffnetem Morgenmantel mit Staubsauger zeigt. Ihre schlaffen, großen Brüste hängen müde über den üppigen Bauch. Sie trägt Schlappen, raucht und schiebt das Haushaltsgerät vor sich her. Ein unschöner Anblick. Der betont weibliche Körper wird durch die masochistische Pose jeglicher Anmut beraubt. Alles Frauliche ist verschwunden und der Staubsauger substituiert mal wieder den Penis. Diese Frau hat also eigentlich Hosen an. Das ironische und alptraumhaft gezeichnete Szenario vom „Terror der Behaglichkeit“ (Zdenek Felix), spricht aber laut Kippenberger auch vollkommen seriös vom gesellschaftlichen, vor allem familiären Druck auf die Frau in den Achtzigerjahren. Er kritisiert die Männer: „Sie strömen zurück in die Wohnung und tragen ein Riesenpaket an Riesenerwartungen, Liebe und Fürsorge betreffend, mit sich herein. Die Frau poliert die Widersprüche weg, sie ist ein gigantisches, aus einem Blick gemeißeltes: ›Ich tat es für euch.‹“, schreibt der Künstler anerkennend. Da bekomme auch ich plötzlich ein kleines bisschen Verständnis für das Bedürfnis nach Terror in den eigenen vier Wänden.

Und dann kommt Freddie Mercury, der das auch versteht und zeigt, wie man trotz psychischer Bürde und mit Staubsauger sexy aussehen kann. Irgendwo zwischen Schwulen-Porno und Haushalts-Horror räumt er in „I want to break free“ auf mit konservativer Ordnung. Geschlechterrollen sind hinfällig, das Zuhause ist deutlicher als bisher ein ambiguer Ort zwischen Gefängnis und trautem Heim. In rosa Wäsche und Leder-Mini träumt er vom Ausbruch, von einer Ausflucht in die Unterwelt und mir wird klar, dass es bei uns zu Hause so schlimm nicht gewesen sein kann, denn zumindest auf böse Geister musste meine Mutter nie zurückgreifen.

Die er rief, die Geister

Etwa ein Jahrzehnt später versucht Richard Hamilton das Missverständnis, dass der Staubsauger ein Zuhause auf irgendeine Art moderner oder angenehmer gestalten würde, aufzuklären. 1992 fertigt er ein Remake seiner Collage für den BBC und formuliert erneut die Frage: „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“. Dabei bleiben die Antworten im Wesentlichen unverändert. Einzig die Rollenbilder haben sich vertauscht, die Frau posiert als Muskelpaket, der Mann sitzt gebückt über seinem Schreibtisch. Eine Pluto-Leuchte hängt von der Decke. Nicht nur Mercury schwelgt also in Gedanken vom Hades, sondern auch dieses Wohnzimmer wird von dessen kühlen Schein erleuchtet. Aus dem Fenster eröffnet sich ein Blick auf die politischen Krisen der Zeit. Irgendwie bleibt alles beim Alten, nur der Staubsauger fehlt.

Schon wieder eine überhörte Prophezeiung? Hält sich nicht da bereits ein Saugroboter unter dem Sofa versteckt? Verschwunden ist der Staubsauger jedenfalls nicht, stattdessen hat er sich im Stillen verselbstständigt. Geräuschlos schleichen die neuesten Abkömmlinge dieser Spezies über die Fußböden unserer Wohnungen. Zuweilen findet man sie furchterregend bemannt, etwa mit als Haifisch getarnten Katzen.

Beim Anblick werde ich sentimental. Der berechenbare Haushaltsterror in der Hand der Frau scheint mir dann doch das kleinere Übel.

Titelfoto: © Florian Forster, champion. Via https://www.flickr.com/photos/fforster/  is licensed under a Creative Commons license: CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

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