Rose ContributorenGleich an zwei Orten konnte man in den vergangenen Tagen mit dem vielseitigen Schaffen einer Frau in Kontakt treten, die es als Personalunion aus Rockstar und Intellektueller wie kaum eine andere verstand, ‚high‘ und ‚low‘ zusammenzuführen.

Das Symposium „Susan Sontag Revisited“, das vergangenen Donnerstag und Freitag am ICI Berlin veranstaltet wurde, bot nicht nur einen zeitgenössischen und kritischen Blick auf ihr Werk, sondern oftmals auch einen ganz intimen Zugang zur Person der 2004 verstorbenen Theoretikerin und Schriftstellerin.

Erika und Ulrich Gregor, Mitbegründer des Arsenal, teilten mit ihr neben der Liebe zum Kino auch eine langjährige Freundschaft. Die Eheleute erzählten von Sontags Besuchen in Berlin, von ihrer im Arsenal veranstalteten Filmreihe, von den amüsanten aber auch tiefen Momenten mit der Wahl-New Yorkerin. Juliane Lorenz, Lebensgefährtin und Nachlassverwalterin Rainer Werner Fassbinders, berichtete von ihren ersten Begegnungen und den folgenden Treffen in New York. Sie gab einen Einblick in Sontags Bewunderung für Fassbinders Filme, in das Fan-Dasein der Kritikerin, aber auch die wachsende persönliche Beziehung, die sich zwischen den Frauen vor allem in den letzten Jahren von Sontags Krankheit entwickelte.

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Hintergrundbild: https://www.flickr.com/photos/ajawin/ CC BY-NC 2.0

Auf der Leinwand sah man den Hanser-Verleger Michael Krüger über die Autorin sprechen. In seiner Beschreibung brauchte sie Bücher nur zu berühren, um auf deren Inhalt verweisen zu können. Unisono stimmte Krüger in die Bewunderung seitens Freunden und Bekannten ein: Immer wieder wurde die einnehmende Präsenz beschrieben, die Susan Sontag umgab. Stets ihr luzider, analytischer Geist bewundert, ihre Belesenheit gepriesen.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung las die Schauspielerin und Fassbinder-Muse Hanna Schygulla aus Sontags autobiografischer Erzählung „Wallfahrt“. Beschrieben wird eine jugendliche Sontag mit unstillbarem Hunger nach intellektuellem Austausch, die sich schon bald nicht mehr von Autoritäten einschüchtern ließ. Zwar spannt sich die Erzählung in großem Bogen auf eine Audienz bei Thomas Mann hin, die sie mit ihrem Jugendfreund sorgfältig und ehrfurchtsvoll vorbereitete (schließlich war sein „Zauberberg“ zu ihrer Bibel geworden), doch stellte sich die reale Konfrontation ihres Gottes weniger als Erleuchtung, denn als Enttäuschung heraus.

Immer deutlicher tönt in den zwei Tagen an, dass genau darin die Stärke und Ausnahme, die Erscheinung „Susan Sontag“ lag. Ohne Furcht vor Fehlern proklamierte sie nach äußerster Überzeugung starke und polarisierende Thesen (nicht in jedem Falle genuin auf ihren Überlegungen beruhend). Wenn sie sich später davon distanzierte, dann bedeutete das aber nicht Scheitern, keinen Widerspruch, sondern Entwicklung. Wenn sie ihre misstrauischen Gedanken „Über Photographie“ (1977) veröffentlichte und das Medium dennoch für sich und das eigene Image dienbar machte, kann das als Erreichen einer Reflektiertheit gelesen werden, die den Kontakt zur Welt nicht verloren hat. Die Freiheit, mit der sie sich selbst jenseits der eigenen Prinzipien bewegte, äußert sich schließlich auch in dem Schaffen, das über die Arbeit am Schreibtisch hinausging.

Weitaus unbekannter ist nämlich vor allem die Film- und Theatermacherin Susan Sontag. Dabei scheint der Selbstversuch als logische Konsequenz ihrer ausgeprägten Faszination für diese Genres.

Noch bis 5. Februar präsentiert das Arsenal in einer von Ralph Eue kuratierten Werkschau Sontags filmisches Oeuvre. Mit Filmen wie „Duett för Kannibaler“ (1969) und „Bröder Karl“ (1971) taucht man in komplizierte Beziehungsgeflechte ein, die sich in skandinavischer Weite ungestört und immer absurder entwickeln. Gedanken Sontags über das Zwischenmenschliche kommen zum Ausdruck, teilweise lassen sich auch ihrem biographischen Hintergrund entlehnte Motive erkennen. Die Schwere wird ab und zu durch komisch überspitzte Szenen gebrochen. Trotz der charakteristischen Stille bleibt die Spannung – und die Filme – in Erinnerung.

Das Austreten aus der Sontag’schen Filmwelt erleichtert das Arsenal freundlicher Weise mit einem Wein zum Abschied. Vielleicht nimmt man selten so viel mit nach einem Kinobesuch und ist gleichzeitig so froh, in die kalte Realität am Potsdamer Platz zurückzukehren.

Weitere Informationen zur Filmreihe.

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