Rose ContributorenSalman Rushdie liest in Berlin.

Was der IS mit seinem neuen Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ gemeinsam hat, diskutierte Salman Rushdie Samstagabend im vollbesetzten Haus der Berliner Festspiele. Beginnt man das Buch zu lesen, wird schnell klar, dass wir einen „typischen Rushdie“ in den Händen halten: Wissen spielt gegen Religion, Menschen gegen fabelhafte Dschinn-Wesen, es geht um Krieg zwischen Glaube und Vernunft. Ausgelöst wird er von zwei Philosophen des 12. Jahrhunderts, dem Freigeist Ibn Ruschd und dem tief islamgläubigen Ghazali, die sich über den Staub ihrer Gräber hinweg darum streiten, ob der Glaube an Gott oder die Vernunft die Menschen weiterbringe. In ihren Streit ziehen sie die Dschinn, die als magische Wesen anarchistisch, seelenlos und mit viel Freude an viel Sex im wunderschönen Peristan leben. Es beginnt ein apokalyptischer Kampf um Gut und Böse, in dem die Kinder der mächtigen Dschinnya Dunia und des Philosophen Ibn Ruschd ihre Rolle spielen werden.

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„Flöße ihnen Furcht ein“

Weite Teile des Romans, der zwischen 2012 und Anfang 2015 entstand, lesen sich wie eine Metapher auf das, was Anfang des Jahres und am Wochenende vom 13. November Paris heimsuchte: Krieg gegen die Freude. Sein Buch, so Rushdie am vergangenen Samstag in Berlin, sei wie aus den Schlagzeilen der Tageszeitungen geboren. Die Kampfansage Ghazalis beispielsweise könnte aus der Feder führender Islamisten stammen: „Nur Furcht bringt sündige Menschen zu Gott. […] Man kann sogar sagen, dass die Furcht das Echo Gottes ist, und wo immer man dieses Echo hört, knien Menschen nieder und flehen um Gnade. [… an den Dschinn gerichtet, fährt der Philosoph fort:] Gehe dorthin, wo der Stolz der Menschen aufgebläht ist, wo der Mensch sich gottähnlich fühlt, und lege seine Waffenkammern und Fleischtöpfe ebenso in Schutt und Asche wie seine Tempel der Technologie, des Wissens und des Wohlstands.“

Von Verantwortung und der Lust am Leben

Rushdie bleibt in der Diskussion, die die Lesung begleitet, hart in seiner Kritik gegen religiösen Fanatismus, der auch ihn persönlich bedroht. Gleichzeitig kritisiert er den liberalen Kanon, der die Verantwortung für die Attentate in unserem westlichen Verhalten suche. „Lasst uns doch einfach mal annehmen, dass die Mörder für die Morde verantwortlich sind“, ruft er den Berlinerinnen und Berlinern zu. Auch wenn westliche Staaten viele Fehler gemacht hätten – viele von ihnen übrigens begangen von Menschen namens Bush – läge die Schuld klar auf der Seite der Terroristen. Sie sind es, die unsere Freiheit, unsere Lebenslust und unsere Überzeugungen zerstören wollten. „Puritanismus sei die quälende Angst, dass irgendjemand, irgendwo glücklich sein könnte“, zitiert Rushdie den amerikanischen Schriftsteller und Journalisten H. L. Mencken. Und ist stolz auf die Franzosen, die mit Aktionen wie #jesuisenterrasse Widerstand leisten und sich die Freude am Leben nicht nehmen lassen.

Seine zehn Jahre währende Geschichte wechselnder Wohnorte, immer präsenter Polizeieskorten und ständiger Todesdrohungen im Hinterkopf, beeindruckt Rushdie mit geradezu sprühender Leichtigkeit, Freude und Esprit. Auf die Frage, wie man denn den IS nennen solle, wo er doch den Islam so schlecht repräsentiere, ja gar in den Schmutz ziehe, antwortet er mit einem Zwinkern: „ Well, don’t call them Islamic State. Let’s call them bastards!“ Die Berliner Literaturfans danken es ihm mit einem leicht beklommenen und doch erleichterten Gelächter.

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Der wunderbare Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ von Salman Rushdie ist Ende September 2015 bei C. Bertelsmann erschienen, hat 380 Seiten und kostet 19,99 Euro. Er ist Dr. Madny Reads ganz persönliche Empfehlung für ein magisch-realistisches Weihnachtsgeschenk. ISBN: 978-3-570-10274-9.

Von seiner Zeit im „Untergrund“ erzählt die 2012 erschienene Autobiographie „Joseph Anton“, die prompt auf Dr. Reads persönlicher Leseliste landet. Sie ist ebenfalls erschienen im C. Bertelsmann Verlag und hat 720 Seiten. ISBN 978-3-570-10114-8.

Titelfoto: https://www.flickr.com/photos/canada2020/  (CC BY-NC-ND 2.0)

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