Rose Kranich ReiseDie Künstlerin Andrea Löfke lebt und arbeitet in New York. Nach dem Studium in Leipzig zog sie vor 15 Jahren mit einem Stipendium in der Tasche sofort in die USA. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten versprach ihrer Kunst einen Entfaltungsspielraum, den sie in Deutschland so nicht erlebt hatte. Bis heute profitiert ihrer Meinung nach die Kunstszene in den USA von diesem „everything is possible“ und schafft damit einen wesentlich größeren Reichtum an künstlerischer Vielfalt. Nach einer intensiven Phase, in der sie vor allem die Konsumbegeisterung der US-Amerikaner hinterfragte, interpretiert sie heute in ihren Installationen, Skulpturen und Bildern vor allem die Auswirkungen einer zunehmend vom Naturkatastrophen bedrohten Lebenswelt auf Natur, Kultur und Erinnerung.

Eine aufgebockte Ebene im Layout eines Bootsrumpfes. Eine Arche, die angeschwemmtes Treibgut aufgenommen hat. Dinge vom Straßenrand. Schranke, Absperrhütchen, Leiter, Getränkekisten, entwurzelte Baumstämme, eine zurückgelassene Einkaufstüte. Dazwischen gepflegte Erinnerung. Gerahmte Vanitas-Stillleben von Bäumen, gemusterte Tapeten, Omas Geschirrdekor, rot-weiß karierte Tischdecken, die bizarre Symbiosen mit Baumstämmen eingehen.

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Ausstellung „Homecoming“, Galerie Smack Mellon, Dumbo, NYC

Wäre unser Gedächtnis eine Arche Noah, welche Erinnerungen würden wir mitnehmen? Alles hängt irgendwie zusammen – allein durch den gemeinsamen Platz auf der Arche – und doch bleiben die Teile der Installation isoliert und merkwürdig zusammengewürfelt. Wie Fragmente von Erinnerungen, Bruchstücke einer Vergangenheit, mitunter aus dem Dunkel auftauchen und uns dennoch ratlos zurücklassen. Man kann sich eben nicht ganz auf sie verlassen. Erinnerung bleibt letztlich Quelle von Irrtum und Wahrheit. Sie ist unzuverlässig setzt falsche Perspektiven und Zusammenhänge. Was bleibt ist das Gefühl, das eine Erinnerung bei uns auslöst, die Assoziation, die wir mit den Dingen um uns herum verbinden.

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‚Homecoming‘ Detailansicht

‚Homecoming‘ hieß die Ausstellung von Andrea Löfke, die am Jahrestag des Hurrikans Sandy in der Galerie Smack Mellon in Dumbo, New York im Winter 2013/2014 eröffnet wurde. In der Installation verarbeitete sie das traumatische Erlebnis, das Wochenlang die Metropole lahm gelegt hatte. Sie selbst wohnt auch in Dumbo, einem kleinen Stadtteil in Brooklyn, der, eingeklemmt zwischen der Brooklyn Bridge und der Manhatten Bridge, im letzten Jahrzehnt eine rasante Entwicklung als Startup Hochburg erlebt hat. Das Spannungsverhältnis von Gegenwart und Erinnerung, Kultur und Natur, Ordnung und Chaos, beschäftigt Andrea in ihren Arbeiten, Themen, die in Zeiten des Klimawandels zunehmend an gesamtzivilisatorischer Bedeutung gewinnen.

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Installation ‚Folding an Orange Fish Out of Newspaper‘, 2008

Aber als Andrea vor 15 Jahren nach Amerika kam, war sie noch verrückt nach den ‚99 Cent Stores’, die mit billigen Plastikartikeln ausgestatteten Symbolträger einer vom Wegwerfkonsum geprägten Gesellschaft. Die Dinge, die sie dort fand, verwandelte Andrea in begehbare, märchenhafte, ja vertraut anmutende Installationen. „Diesen enormen Billig-Kitsch kannte ich aus Deutschland so nicht. Ich konnte damals Stunden in diesen Läden verbringen und mich inspirieren lassen. Oft entstand eine erste Idee direkt im Laden selbst und das aufgestöberte Objekt oder Material stellte den ersten Baustein für eine größere Installation dar.“

Die Arbeiten aus dieser Zeit wirken auf den ersten Blick einladend, fast unschuldig und verführerisch in Farbe und Materialität. Auf den zweiten und dritten Blick jedoch offenbaren sie ihre dunkle Seite – ein zweites Gesicht, eine bedrückende Realität. „Mit diesen alltäglichen, billigen Objekten habe ich lange Zeit gearbeitet.“ Andrea lacht, als käme es ihr selbst seltsam vor. „Erst in den letzten drei Jahren und mit der Installation ‚Homecoming‘ habe ich angefangen Natur mit in meine Arbeiten hinein zu holen.“

Auch ihre Kindheit und Jugend in Deutschland spielt in ihren jüngeren Arbeiten zunehmend eine wichtigere Rolle. Oft greift sie dafür auf ein Repertoire an Motiven zurück, die vertraut wirken. „Ich bin in einem sehr behüteten Zuhause aufgewachsen und habe eine schöne Kindheit verbracht.“ Sehnsucht nach Deutschland hat sie also schon mal, aber zurückgehen möchte sie nicht unbedingt: „Ich habe sehr schöne Erinnerungen und trage diese in meiner eigenen Familie weiter. Traditionen wie Ostern, Weihnachten und Geburtstage sind für mich daher sehr wichtig. Ich habe das als Kind schon geliebt und bei uns wurde immer ausgiebig gefeiert. Und wenn ich zu Besuch nach Hause komme, freue ich mich, wenn meine Mutter für uns kocht und wir alle zusammen am Küchentisch sitzen und erzählen können.“

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Andrea Löfke in ihrem Studio in Dumbo

Andrea Löfke sitzt in ihrem Atelier im zweiten Stock eines Lagerhauses. Einen Stock tiefer wohnt sie mit ihrer Familie in einem riesigen Loft. Um sie herum stapeln sich noch immer Teile der Ausstellung von ‚Homecoming’. „Die Verwüstungen, die Sandy in New York und Brooklyn angerichtet hat, auch direkt bei uns vor der Haustüre in Dumbo waren verheerend. Die gesamte Installation baute deshalb auch auf der Idee der Arche Noah auf. Natur und Kultur – die unbezähmbare Übermacht der Naturgewalten, die alles zerstören können auf der einen Seite und dagegen gesetzt Struktur, Kultur, unsere Erinnerung. Was können wir wirklich retten? Und was sagen diese Artefakte uns dann überhaupt noch?“

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Installation ‚Evergreen and Gold‘ 2015

Bis zur Geburt ihrer heute fünfjährigen Tochter Emmie hat sie immer eine Vielzahl von Ausstellungen pro Jahr verwirklicht, heute sind es weniger. 2015 waren es immerhin wieder zwei, eine mit dem Titel „Evergreen and Gold“ in der Gallery Belfry in Hornell, NY. Eine Gruppenausstellung in der Galerie Outlet im angesagten Brooklyner Stadtteil Bushwick ist gerade zu Ende gegangen. Dort war Andrea mit einer zweidimensionalen Arbeit vertreten. Wie auch in ihren Installationen verbindet sie hier Zeichnung mit gesammelten Artefakten (Tapeten und Stoffe), die auf Papier mit anderen Medien wie Aquarellfarbe, Bleistift, Pastelkreide und Akrylfarbe verwebt werden.

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‚Untitled‘, Galerie Outlet, Bushwick, NYC

Im Sommer 2016 wird Andrea zum ersten Mal in ihrer Heimatstadt Heidelberg ausstellen. „Ich freue mich sehr dann gleich mit zwei Ausstellungen in Deutschland vertreten zu sein. Im Juli in Heidelberg bei der Galerie Schillestraße. In der gleichnamigen Straße habe ich meine gesamte Kindheit verbracht. Anschließend werde ich in Darmstadt drei Wochen ortsspezifisch im Wald eine Installation erarbeiten. Für Heidelberg plane ich eine Serie von Zeichnungen die aber im engen Zusammenhang mit meiner Arbeit im Wald stehen wird.”

Internationaler Waldkunstpfad – “Kunst Transformation”
Internationales Waldkunstzentrum
Ludwigshoehstr. 137
64285 Darmstadt

Galerie Schillerstrasse
Schillerstrasse 1
69115 Heidelberg

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