Rose_LyrikBerlin schreibt vielen Menschen, auch mir, die Geschichten wie von selbst – die Jahreszeiten geben ihr übriges noch dazu. Und so begleitet mich und die Leser von Rosegarden die kommenden zwölf Monate die Geschichte um eine Gemeinschaft von vierzehn Personen in Episoden, die erst im Laufe des Jahres entstehen. Die Fotografin Saskia Kyas gibt jeden Monat den passenden optischen Zusatz.

Die Welt besticht nicht durch ihre Zufälligkeiten. Und an eben dem Tag, an dem der Teufel sich weniger aus dem Detail als dem großen Gesamtbild heraus traut und erwartungsvolle Hände schüttelt, wünscht mancher sich die Zeit der gefühlten Schicksale zurück.

Der Hausflur war von Stille erfüllt, die beunruhigte und Alexander die Wohnungstür von außen zuziehen ließ. Natürlich ohne die vorherige Kontrolle in der Jackentasche. Die Tür war zu, der Schlüssel lag auf dem Küchentisch, das Telefon im Auflademodus neben der Zahnbürste. Alexanders Ausatmen gestaltete sich lang, die Situation offensichtlich.
Es wurden Nachbarn auf den Stufen gegrüßt, die neu hätten sein können, vielleicht auch denen von letzter Woche ähnelten. Alexander lief aus dem Haus, mit großen Schritten über die dritte Brücke in Folge. Der Ablauf war klar: bei Frietjof klingeln, Ersatzschlüssel entgegennehmen, zurück nach Hause gehen, sich über die Kurzangebundenheit im Türrahmen ärgern, Zeitung anlesen, durch die vielen Gedanken überfordert von den vielen Sätzen sein, das Bett aufsuchen, sich selbst anfassen, bis zum Abend schlafen. Schließlich kam es so: bei Frietjof klingeln, Valentina als Vertretung begrüßen, von der seltsamen Stimmung überfordert sein, auf einen Tee eingeladen werden, erst ablehnen, Ausflüchte aufzählen, letztlich eintreten, mit Valentina Tee trinken, sehr allgemein sprechen, niemanden anfassen, auf Frietjof warten und zeitgleich hoffen, er bliebe länger in Charlottenburg, bis zum frühen Abend mit der natürlichen Höflichkeit Valentinas in einem Raum wach sein.

“Es ist doch ein schönes Gefühl, hier zu zweit zu sitzen. Ich genieße das. Hatte es so nicht mal angefangen?”

Natürlich hatte Valentina Recht, so begann es. Sie hatten Tage miteinander verbracht, letztlich einen kompletten Sommer, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Da half die durchgehend liebliche Saison auf den Parkwiesen Kreuzbergs wie auch die von Dürre gelähmte Stimmung der Mitmenschen. Jede Aufregung kostete Kraft, jeder zu schnelle Schritt brachte Durst. Erst nach und nach schloss Frietjof sich an, war von der Atmosphäre von beiden Seiten angetan, die da liegend auf den Decken verbreitet wurde.

“Aber es hat sich alles so verändert, Valentina, so verzerrt. Vielleicht nur für mich, das kann ich nicht sagen.”

“Kommst du mit in die Küche? Ich wasche schnell ab.
Wir wurden beide nicht gefragt, wie sich das zu dritt entwickeln sollte oder dürfte. Frietjof hat keinen Fehler damit begangen, sich für uns beide entschieden zu haben. Wenn, dann den, lediglich darauf gehofft zu haben, wir würden unsere Beziehungen mit ihm nicht gegeneinander aufwiegen, keine Vergleiche anstellen. Magst du vielleicht abtrocknen?
Und glaube mir, wenn ich dir sage, der erste Mensch, an den ich nach dem Arzttermin dachte, war eben nicht er, sondern du. Ich habe dich vor mir gehabt, wie du ein Kind als den langen Arm unserer Beziehung sehen wirst, dein Miteinander mit Frietjof zu einer Nebensache schrumpfen würde. Das tat mir weh, weil ich dich eben kenne, du mir nicht gleich bist. Du eben auch dazu gehörst.”

Alexander hielt sich am Handtuch fest, verharrte neben dem Spülbecken und erst Valentina gab ihm ein Zeichen, bitte doch an sie heran zu treten. Fremd machten sie sich selbst das Gegenüber, zu lange schon. Wie sie da stand, beantwortete sich Alexanders seit Monaten anhaltende Frage im Hinterkopf, was Frietjof abgesehen von Eleganz und Souveränität in Valentina sehen würde. Es gab wenig Menschen, die ihm in der  Vergangenheit das Gefühl schenkten, Zeit ohne sie wäre verschwendete Zeit. Ihm wurden die Beine weich, er roch die dunklen Locken auf der Schulter. Da läutete das Telefon.

Barbara und Claudia suchten verzweifelt nach einer örtlichen Auswegmöglichkeit für das Treffen am heutigen Abend. Walter hatte quasi in letzter Minute bei den Reinerts um eine Alternative gebeten, er hätte soeben erst im Kalender den Vermerk entziffert, selbst Gastgeber der Gesellschaft zu sein. Er war schlecht vorbereitet, noch schlechter als die enge Wohnung mit zu wenig Sitzgelegenheiten. Er entschuldigte sich zum wiederholten Mal bei Claudia, hoffte auf die Option Valentina. Die sagte noch in der Minute mit nassen Händen zu, griff nach ihrer Jacke und ging zusammen mit Alexander den Weg zum Kaufhaus am Herrmannplatz.
Und da war es wieder, dieses kurze Gespür, das Alexander in seinem ergriffenen Moment soeben schon hatte – die Erinnerung an die Sommerwochen mit Valentina. Schwangerschaft, Eifersucht, Vergleiche oder das Kontrollieren der scheinbar unauffälligen Gesten – davon war damals so wenig zu merken wie eben jetzt, beim Einkauf anderthalb Jahre später. An der Kasse grüßte ein Mädchen, vielleicht kurz vor volljährig, die beiden. Alexander nickte unsicher, Valentina wühlte im Portmonee und überhörte die scheinbar Fremde. Im Trubel des Feierabends hatten sie an der Ampel den flüchtigen Moment der Begegnung schon wieder vergessen.

Frietjof war bereits zu Hause, hatte ein wenig geruht, freute sich über die eintretenden Valentina und erschrak nahezu bei Alexanders Worten aus dem Hintergrund. Für große Erklärungen fehlte die Zeit, so nahm sie Frietjof mit sich an die Hand Richtung Aufzug und erklärte, sie müssten rasch zu dritt ihre Wohnung herrichten und das Essen zubereiten.
Wie immer war die Wohnung makellos, hier reimte sich nichts auf Staubkorn, hingegen alles auf Stilsicherheit. Alexander glaubte schon damals kaum, dass sie selbst Zeit und Nerven für die Hausarbeit auf sich nehmen würde, gefragt hatte er sie nie.

Falafel, Grillgemüse, Halloumi.
Mit Blumen in den Händen waren Hennes und Maren die ersten Gäste, dicht gefolgt von den laut Aussage immens hungrigen Eheleuten Sarik und Gerda und den Geschwistern Claudia und Barbara, die zur Sicherheit ein wenig Ersatzessen im Gepäck hatten.
Die Weinauswahl Valentinas bedeckte nahezu eine gesamte Küchenwand, Gerda sprach sich für einen wohl südfranzösischen Roséweine aus, der letztlich ein spanischer war. Es wurde neben der dampfenden Herdplatte bereits angestoßen, Maren lehnte heute lieber ab und griff der Gastgeberin beim Vorbereiten des Nachtischs unter die Arme. Alexander entkam derweilen dem zweiten Kussversuch Frietjofs, und David, der mit Matthew gerade zu der plaudernden Truppe gestoßen war, erkannte als erster das offensichtliche Problem:
Doktor Nebel und Mathilde vom Felde würden es wohl niemals bis in den fünften Stock schaffen, so ganz ohne Fahrstuhl. Die Geschwister erinnerten sich, weshalb Valentina bis heute nicht bei sich eingeladen hatte und die selbst hatte gerade Walter am Türsprecher, der seit fünf Minuten schon mit Mathilde und dem Doktor diskutierte, ob diese Einladung quasi als Ausladung zu verstehen sei. Sofort zog sich Valentina die Schürze aus und übergab sie der überraschten Gerda, flitzte die Treppen hinab zum Eingang und sah Doktor Nebel schon am Geländer lehnen, direkt neben Mathildes verbitterter Miene im Rollstuhl. Sie entschuldigte sich sogleich, überlegte mit dem beruhigend sprechenden Walter, was zu tun sei. Die einzig rasche Option kam David Massari in den Sinn.

Fünfzehn Minuten später saßen alle vierzehn Personen samt Hund Birko verteilt auf drei Sammeltaxis, mit Platten und Tellern auf Schoß und in Händen. David hatte im Südblock einen großen Tisch serviert, das mitgebrachte Essen angemeldet. Er kannte die Hälfte der Angestellten, dreiviertel der Gäste. Beim Eintreten in die Lokalität hatte er mit verdrehten Augen bei Ehepaar Wächter oder Frau vom Felde gerechnet, womöglich auch erwartet, doch keiner wollte sich die Blöße geben. Barbara lobte die Dekoration, der Doktor schielte auf die Nachbartische und Birko bekam von der Bedienung einen Wassernapf gereicht.
Hennes Wagenrot stand mit David am Waschbecken, sie schauten zeitgleich in den von unzähligen Aufklebern bedeckten Spiegel.

“Und wie waren die letzten Tage, hat er sich gut eingelebt?”

David wusste, dass er auf Matthew abzielte, den er vor zwei Wochen mit dem wiederholten Zureden von Diane zu sich holte. Es wurde nicht über diesen dubiosen Morgen gesprochen, im Grunde gab es inzwischen eher fünf ähnlicher Kategorie. Es hatte den Anschein, Matthew war geradezu erleichtert, als ihm die vorübergehende Bleibe angeboten wurde. Mehr noch hatte schnell wieder Struktur, was kurz zuvor als eine ambivalente Mischung an Stunden galt oder das, was einen Tag ergeben könnte.

“Ich wollte am Wochenende zu euch kommen. Habt ihr was vor? Oder wie immer?”

Gerade erst hatte David wieder mit dem Laufen begonnen, Matthew war für Sport, insbesondere kurz nach Sonnenaufgang, nicht zu gebrauchen, Diane mochte öffentliches Schwitzen so wenig wie heimliches, so trafen sich Hennes und David immer häufiger am Kanal und verbrachten anschließend die Nachmittage miteinander. Hennes wusste, dass Maren ihn eines Tages darauf ansprechen würde, er hatte schon die Sätze im Kopf, seine Antworten ebenfalls.

Als die beiden zurück an den Tisch traten, war Maren gerade dabei, sich über etwas Vergessenes zu ärgern, sie sprach von Geschenken. Alexander nippte an seinem Malzbier und erinnerte sich nicht erst jetzt an ihren Brief, der bis heute ungeöffnet blieb. Doktor Nebel hatte seinen entgegengenommenen Umschlag in der Minute vergessen, in welcher er im letzten Monat aus der Tür getreten war.

Von den Platten und Tellern blieb nichts außer Spuren von Fett übrig, die laute Atmosphäre brachte Hunger und Durst zugleich. Gerade Mathilde hatte an dem albernen Nachbartisch Gefallen gefunden, es wurde zum wiederholten Mal mit ihr gescherzt. Walter war kurz davor, dazwischen zu gehen, Mathilde zumindest zu fragen, ob es ihr zu viel sei, so auffällig wurden die Schlagabtausche Stuhllehne an Stuhllehne geführt. Aber er nutzte die gute Stimmung lieber für eine unerwartete Nachricht. Er gab sein Mobiltelefon mehr als stolz in die Runde – ersichtlich für alle das Foto eines Neugeborenen.

“Ja, es kam für mich auch unerwartet. Ich hatte mit dem Wunsch nach einem Enkel längst schon abgeschlossen, doch da ist er nun – der Ove. Meine Tochter wollte mich damit gestern überraschen, eigentlich hat sie mich eher überfahren. Ich kenne den Hardangerfjord nur von Erzählungen, genau wie meinen Schwiegersohn und nun den Ove. Aber gut, er ist gesund und munter, das bin ich auch. Wir werden uns schon noch kennen lernen.”

Die Freude und gratulierende Anteilnahme der Runde war groß, bei den meisten überwog gar ein schlechtes Gefühl, von Walter quasi nichts zu wissen. Mathilde staunte nicht schlecht und schob sich ein wenig aus ihrem Rollstuhl, um Walter zu drücken und ihm für die kleine Überraschung Glück zu wünschen. Wie er da saß, aus dem Nichts einen Ausschnitt seines Lebens teilte, das imponierte ihr und ließ sie die Tage zu zweit vermissen. Frau vom Felde bat eine Runde Honigwodka zu bringen, während lediglich Valentina auffiel, dass Maren die Gesellschaft verlassen hatte und gebückt vor dem Eingang verweilte. Sie entschuldigte sich, gab ihren Schnaps an Frietjof weiter und trat zu Frau Kluge unter die Lichterkette.

“Du musst nicht zu mir kommen, aber ich sehe es als gute Absicht.”

“Warum kommst du nicht zu uns? Ist es dir zu voll, Maren, oder sind wir dir zu laut? Du hast dich letztens gar nicht mehr gemeldet.”

“Weder noch, Valentina. Ich freue mich so für euch alle. Ich sehe die Gruppe und habe das Gefühl, auf euch wartet noch so viel. David, Walter, Frietjof, du natürlich, sogar der Doktor wirkt wie aufgeblüht. Ich gönne es jedem von euch, ohne Abstriche. Schade nur, schade trotzdem.”

Valentina verstand nicht, womit Maren haderte, was sie gegen sich selbst ausspielte und doch sah sie es kommen. Zwei Taxifahrer übten sich im hupenden Duell, ein Pärchen küsste sich unter einem Schirm.

“Maren, wie kann ich dir helfen? Denn das möchte ich wirklich, meine Mittel sind nur eben begrenzt. Die aufbauenden Floskeln sind das, was ich geben kann. Ich habe gute Kontakte – wenn ich dich vermitteln soll, sei ganz offen.”

Da schien Maren wie aus einem Traum erwacht, schüttelte den Kopf, gab einem nach einer Spende bittenden Mann ein paar Münzen, Valentina für die ausstehende Rechnung einen Schein und verschwand im Tumult der grünen Ampelphase.
Drinnen machten sich Gerda und Sarik langsam auf, diskutierten, wo sie ihr Auto nun abgestellt hatten. Auch Doktor Nebel wünschte bereits eine gute Nacht und klopfte murmelnd auf die Bierbank. Die anderen blieben, redeten viel und ausdauernd, als handelte es sich nicht um einen üblichen Werktag.

Den Heimweg zu dritt zog Frietjof in die Länge, dass es ein Leichtes war, seine Hoffnung zu durchschauen. So musste er laut lachen, als Alexander an seine ausgesperrte Situation erinnerte und auf den Ersatzschlüssel in Frietjofs Korridor hinwies. Valentina hatte die gesunde Bettschwere erreicht, die kühl wehende Luft erhöhte ihre Schrittfolge und Sehnsucht nach einer Übernachtung zu dritt. Und so kam es schließlich. Das Bild war ein Bekanntes. Alexander hatte vor dem Schlafengehen mit seinen vermissten Nachritualen – Knirschschiene, Ohrenstöpsel, Gesichtscreme – zu tun, die Valentina ihm für die heutige Nacht als verzeihlich zu erklären begann. Frietjof konnte sich nicht für die passende Schlafposition entscheiden. Die Nachbarn von oben machten aus ihrer körperlichen Zuneigung keinen Hehl, was zu plötzlicher Ruhe im übergroßen Bett führte. Valentina legte ihre Hand auf Alexanders Brust, derweilen Frietjof mit ihr füßelte. Im Schatten der anhaltenden Geräusche küsste Valentina beide mit müden Augen und sprach noch lose Worte, obwohl der Schlaf längst eingesetzt hatte. Alexander hatte sich eben noch geschworen, der letzte Einschlafende zu werden, da atmete er schon flach in Frietjofs Ohr. Der wiederum war zu aufgewühlt, um das erneute Miteinander als beruhigend aufzunehmen. Er genoss den Anblick und das Gefühl noch so lange, bis ihm bewusst wurde, was dies sagen oder meinen könnte, die Welt besticht schließlich nicht durch ihre Zufälligkeiten.Alle Fotos: Saskia Kyas.

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