Rose_LyrikBerlin schreibt vielen Menschen, auch mir, die Geschichten wie von selbst – die Jahreszeiten geben ihr übriges noch dazu. Und so begleitet mich und die Leser von Rosegarden die kommenden zwölf Monate die Geschichte um eine Gemeinschaft von vierzehn Personen in Episoden, die erst im Laufe des Jahres entstehen. Die Fotografin Saskia Kyas gibt jeden Monat den passenden optischen Zusatz.

Saßen immer schon derart viele Krähen in den kahlen Baumkronen? Mussten Erinnerung und Vorausschau diese Kälte transportieren? Fuhren die Heizkörper nur heute so lautstark auf? Wird der Mantel diesen Winter bloß noch halten? Trägt nicht jeder etwas und meistens ist es schwarz?

Der Dezember war so rasch und beinahe unauffällig voran geschritten und offenbarte plötzlich Fragen, die einem die Feiertage in Sichtweite schenkten. Die Stadt fand quasi nicht statt, nur man selbst mit dem an und in sich. Niemand war auf der Suche nach Abschluss oder einem Kapitelende.

David Massari konnte das Riesenrad vom Bett aus schon erkennen. Es leuchtete und blinkte im grauen Etwas und David konnte nicht denken, wer am Vormittag bereits in einer der Gondel sitzen konnte. Die Dusche machte ihn eher schläfrig und erst als er mit nassen Füßen die Wohnung abgegangen war und eine angesammelte Spur Hundehaar von unten her spürte, war er im Tag angekommen. Dennoch zögerte er jeden Schritt zwischen Kaffee kochen und Abwasch hinaus, schließlich hatte er sich noch immer nicht zurück gemeldet, wie er denn nun am Nachmittag nach draußen kommen würde. Ihm war nicht nach einer Fahrgruppe, nicht nach Entscheidungen und Mehrsamkeit. Es würde sich schon noch ergeben.

Nur keinen Streit aufkommen lassen, jeden Anflug von Unklarheit in Rückhaltung ersticken. Mathilde vom Felde wusste um ihre Stimmung, die mit dem Weihnachtsfest verbunden war. Es beginnt mit Diskussionen, fortgeführt von schrägen Blicken, bis schließlich Türen knallen und große Gesten die Option von Feierlichkeit abrupt zerschlagen. Doch dies war früher. So sagte es sich Frau vom Felde zumindest. Sie hatte nicht vor, Wolter mit ihren klassischen Zügen zu verprellen. So vergingen die Tage harmonisch im Schein von Schwippbogen und Pappstern. Aber ach, an diesem Morgen warf Mathilde ihre Planung über Bord. Sie würde sich nicht von jemanden der Gruppe chauffieren lassen, nein, nein. So recherchierte sie den Vormittag über, mit welcher Krautbahn und unregelmäßigen Buslinie sie es bis zum Treffen schaffen würden. Die Telefonate waren laut, die Selbstgespräche anstrengend. Nun überkam Wolter der Schweiß auf Stirn und Händen, um sich mit Tasche und Beutel wortlos im Laden gegenüber zu verstecken. Die letzten Einkäufe waren sein persönliches Alibi. Er wusste, dass er jedes Mal etwas länger brauchte, um die gelisteten Artikel zusammen zu finden.

Frietjof hupte selten, doch er wartete schon einige Minuten vor dem Haus und Hennes war noch immer nicht am Wagen. Der telefonierte mit Maren, die ihm versicherte, niemand müsse auf eine Pension zurückgreifen, Platz wäre vor Ort für alle vorhanden. Einen Moment später öffnete Hennes den Kofferraum, wunderte sich über die vielen Gepäckstücke, die kaum noch Platz für seinen Rucksack ließen, wollte sie dennoch übersehen und fragte nicht nach. Er legte eine Decke auf den Rücksitz, schließlich musste Bierko auch noch mit. Der hatte eine spannende Adventszeit hinter sich, wurde von den überforderten Wächters mehrmals weitergereicht und war seit vorgestern bei Hennes gelandet, dem die Ablenkung gerade recht kam.

Gerda sprach ihren Mann im gleichen Moment sehr wohl an, was der Baum, die Geschenke und all die Tüten im Kofferraum zu suchen hätten. Vorher noch einmal nachzufragen, ob nicht schon ein Baum in Biesenthal stände und sich an die Abmachung zu erinnern, es würde sich nichts geschenkt werden, wurde ihm eindringlich vermittelt. Da musste Sarik schon schmunzeln, stiegen Barbara und Claudia auf der anderen Straßenseite aus einem Taxi und konnten ihr Gepäck kaum alleine tragen. Gerda schüttelte bloß mit dem Kopf, setzte sich hinter das Lenkrad, stellte das Radio laut und fuhr passend zum Gesichtsausdruck Richtung Autobahnzubringer.

Alexander hatte die Aussage verstanden. Tilly hatte diese Fahrt nicht mit Familie und Wohngemeinschaft abgestimmt und gab somit eher den Fahrdienst, der auch nicht viel Zeit eingeplant hatte. Sie könne nichts versprechen. Valentina hatte Anne soeben in den Schlaf gesummt, sich bei Manon an der Ampel noch verabschiedet und ihre ruhige Art hinter dem Fahrersitz machte deutlich, wie sehr sie sich auf die Fahrt aufs Land freute.

Eine Stunde später. In einem Automobil bellte ein Hund aus voller Kehle, in dem anderen war ein Kind kaum zu beruhigen. Frietjof hielt an einem Feldstück an und ließ Bierko eine großzügige Runde rennen, warf knorrige Stöcke als Unterhaltung, behielt den nachdenklichen Blick auf und sah aus der Ferne, wie Hennes mit dem Kopf an die Fensterscheibe gelehnt eingeschlafen war. Valentinas Tochter war so einfach nicht von ihrer inneren Unruhe abzulenken. Die kahlen Bäume über dem Kopf machten der kleinen Anne eher Angst, der Spaziergang war mehr für ihre Mutter und Alexander gedacht, die von Tillys Monologen der letzten halben Stunde reichlich genervt waren. Sie verstand auch die Pause im Irgendwo, wahrscheinlich kurz vor der Ankunft, nicht. Alexander erzählte von einer neuen Bekanntschaft. Mit einer Handvoll Sätzen hätte Valentina die Relevanz und Zukunft dieser Bekanntschaft realistisch zerteilen können, doch sie war heute nicht auf Offenes und Ehrlichkeit aus und versuchte sich gar nicht erst, Eckdaten der Person zu merken, er wäre doch bald wieder Geschichte.

Barbara sang bei den Weihnachtsliedern falsch mit, irgendwas musste sie neben ihrer stillen Schwester schließlich tun. Gerda war keine positiv stimmende Fahrerin. Der Routenplaner wurde ihrerseits ausgestellt, hatte der soeben den Wagen falsch geleitet und vor einer schlecht geführten Landwirtschaft im Nichts stehen lassen. Sarik hatte ein paar Kinder mit großen Augen an der Straße stehen sehen und fragte nach der Ortschaft Biesenthal. Gelangweilt zeigte eine den Weg Richtung Wald, die andere den Mittelfinger. Das wiederum war für seine Frau amüsant und ein guter Aufhänger für die letzten Kilometer.

Alle bisher erlebten Mitarbeiter hatten sich den Begriff Service überraschend groß auf ihre Dienstkleidung geschrieben und empfingen Frau vom Felde eben so, wie es ihren Erwartungen gleich kam. Wolter hatte die reibungslosen Umsteigezeiten auch nicht kommen sehen und betrachtete mit Mathilde die Umgebung aus dem Fenster der Regionalbahn aus. Am Bahnhof stand ein alter Mann, der auf die beiden zu warten schien. Er stellte sich als Edgar vor, lief am Gehstock und ließ das Gepäck von einem jungen Mann mit dem Fahrradanhänger schon vor zum Landhaus transportieren. Sie gaben eine schöne Truppe ab, lediglich Wolter versuchte, in das Gespräch mit einzustimmen. Er war immer für Besuch, doch im gleichen Satz verneinte der Einheimische umgehend, zu beabsichtigen mit der Gruppe zu feiern. Er wolle sich im kleinen Kreis zusammenfinden, wie man das eben im Alter so täte. Die Stadtleute sollten unter sich bleiben. Frau vom Felde gab Wolter mehrmals ein unmerkliches Zeichen, Egon nicht derart anzutreiben. Sie sah ihren Atem vor sich, frierte an den Füßen und genoss die Spazierfahrt dennoch.

Es wurde schon langsam dunkel, als sich David an einen der Stände für ein Handbrot anstellte und die drängenden Menschenmassen zu ignorieren versuchte. Eine Runde würde er mit diesem verdammten Riesenrad fahren, dann zu den anderen aufbrechen. So sagte er sich, als er in der Kabine mit einer Dame saß, bei der sich Mut und Angst miteinander abwechselten. Hoch oben, mit dem Blick über die Stadt und den Händen in den Jackentaschen, bemerkte David, dass weder Telefon noch Schlüssel zu fühlen waren. Und er sah beides quasi vor sich, neben dem Spiegelschrank liegend. Er musste die Dame beruhigen und gleichzeitig nachdenken, wie nun weiter vorzugehen sei. Das Hochhaus leuchtete, die Tatsache ebenso, dass es Diane wäre, die ihm schnell helfen könnte. Ein Kontakt, den er nicht ohne Hintergrund hat ausfädeln lassen.

Maren Kluge war in ihrem Element. Führte die einkehrenden Gäste durch das Haus, bedankte sich für einen zweiten und gar dritten Weihnachtsbaum, verteilte großzügig Alkohol in leichten Gläsern und Gebäck in gemusterten Schalen und schien trotz all der Hektik ausgeglichen wie selten. Während Tilly nicht zum Bleiben überredet werden musste und den Wächters beim Schmücken unter die Arme griff, hatte Frau vom Felde einen ersten Schwipps und sang mit Valentina und Alexander internationale Adventslieder. Wolter hatte sich mit Anne etwas zurück gezogen. Sie war eingeschlafen und er telefonierte flüsternd mit seiner Tochter, die sich für Silvester anmeldete. Hennes war mit Frietjof und den Reinerts ein Stück durch den Ort gegangen und irritiert von Bierko, der etwas oder jemanden erspäht haben musste. Schließlich standen sie vor einer Gaststätte, aus dessen Eingang der Wirt trat und die Dorffremden auf ein Abendessen einlud. Er hatte unangemessen vorbestellt, da kam ihm der ambivalente Trupp gerade recht. Frietjof machte deutlich, dass das mit etlichen weiteren Freunden zu besprechen sei, aber der Duft aus dem Küchenfenster überzeugte die Vier schnell.

Diane hatte es sich bereits gemütlich gemacht, einen angeblich guten Bekannten neben sich sitzen und sprach mit Maren über Neuigkeiten, die diese glaubhaft abnickte und doch ein Auge auf David warf, der wohl nicht erst seit der Ankunft in Biesenthal mit schlechter Laune zu tun hatte. Er bereute es schon jetzt, sie um Hilfe gebeten zu haben, war aber froh, als sich im Haus herum sprach, dass man auf die Käsesuppe verzichtete und heute noch im Krug einkehren würde. So passierte es tatsächlich. Hungrig blieb niemand, von nüchtern gar nicht zu reden. Der Punsch des Hauses brachte eine Stimmung an die große Tafel unter dem Wildschweinfell, die nur bedingt absehbar war. Die Nacht wurde lang, der Heimweg beschwerlich, der Morgen grau.

Die beiden Frauen müssen sich schon einen Moment betrachten, um sich wiederzuerkennen. Tilly, die sich heimlich davon schleichen wollte, ohne das gemeinsame Frühstück abzuwarten. Frau Gleisen, die mehrfach von Maren eingeladen wurde und sich bis zum Vortag unsicher war, dies auch anzunehmen, nun vor der Tür wartete und die vielen parkenden Autos dabei zählte.

“Frau Gleisen, mit Ihnen hatte ich nicht gerechnet. Guten Morgen!”

“Ich selbst nicht. Doch Sie wissen sicher, warum ich dann doch kommen musste.”

“Ja, er ist hier überall. Drinnen wird noch geschlafen, aber ich hatte das Gefühl, der Doktor wäre im Haus unterwegs. Entschuldigen Sie, jetzt wo ich Sie sehe, fühle ich mich nochmal so schuldig. Doch, doch, das ist das passende Wort. Ich habe ihn verwirrt, mindestens.”

“Bitte seien Sie mir nicht böse, doch Sie haben keinerlei Anteil an Doktor Nebels Tod, so wenig wie ich oder sein gräßlicher Bruder. Es wird allmählich kalt hier. Sie wollten gerade fahren, nicht? Lassen Sie uns Kaffee kochen, Sie wollen ja doch auch bleiben.”

Barbara hatte ihre Schwester angetippt und um etwas Decke gebeten. Der Vorhang hatte mehrere Löcher und legte den Tag nach und nach frei. Die Reinerts fühlten sich elend, eine der beiden hatte sich im Morgengrauen einen Eimer gesucht und parat gestellt. Nun gab es bloß noch schwere Köpfe und ein ungutes Gefühl, das Barbara erwachen ließ.

“Ich habe von deinem Hans geträumt. Und nicht nur das, ihr habt euch getroffen, immer wieder.”

“Wovon redest du da? Wir treffen uns nach wie vor, ganz egal, was du träumst.”

“Ist das so? Daran war nicht zu denken, so wie du neulich von ihm gesprochen hast.”

“Wir fühlen uns wohl miteinander, fassen uns natürlich nicht mehr an und erwarten nichts. Aber Hans ist ein Guter, nicht weniger seltsam als du und ich. Und nun drehen wir uns nochmal zur Seite und versuchen zu schlafen.”

Diane war hellwach, erkundete den Kühlschrank und hatte ihre Begleitung zum Rauchen geschickt. Da betrat David die Küche, setzte die Stirn in Falten und spürte eine Abneigung, die nicht nur von der Nacht im Krug herrührte. Wie selbstsicher sie durch das Zimmer spazierte. Mit einem Mal fielen ihm die Sätze wieder ein, die nach dem Verabschieden vom Wirt fielen. Er dachte an die gehässige Stimmung, die Diane nicht nur beim Thema Matthew Porter verbreitete, besonders erschrak ihn der Anschein, sie hätte geradezu darauf gewartet, so offen zu sprechen.

“Du bleibst noch länger? Deine Begleitung wirkt etwas gelangweilt.”

“Das ist sein typischer Blick, er ist da nicht so abwechslungsreich. Gut, dass du ihn nicht meinen Freund nennst.”

“Sagt dir eigentlich gelegentlich jemand, wie unangenehm du sein kannst? Nein, nein, so ist es falsch ausgedrückt. Diane, ich will nicht wissen, wie du über mich oder uns alle hier sprichst, wenn der Typ da draußen nicht mal zehn Meter von uns entfernt steht.”

“Es ist Masche, mehr nicht. Ich suche Honig.”

“Das ist eine verdammte Scheißmasche, die Menschen nicht verdient haben. Ich kann mich sehr wohl noch an gestern Nacht erinnern, ach, an das ganze letzte Jahr. Du hast Matthew behandelt wie Dreck und dich daran ergötzt, wie es ihm ergangen ist. So plötzlich wie du damals da warst, kannst du bitte einfach wieder verschwinden. Ich fühle mich jeden Tag schlecht, vermisse Matthew so unglaublich. Bei dir gibt es da nichts.”

“Wo war diese Art all die Zeit? Das hätte dich schnell voran gebracht, beruflich, privat, nur für dich. Du hast natürlich recht, ich gebe nichts auf Matthew und den ein oder anderen, der sich mit seinem Leben immer und ewig schwer tut, es nervt so. Vielleicht bin ich in fünf Minuten weg und du wirst dir irgendwann eingestehen, dass ich dir mehr gebracht habe, dich verändert habe, wie es diese Truppe hier nie getan hat.”

“Du gehst. Ich spreche für uns, ungefragt, aber überzeugt, geh jetzt.”

Wolter hatte auf einer der Treppenstufen Platz genommen, einige vorbei laufenden Gesichter gegrüßt und war doch in sich gekehrt. Seine Haare waren noch nass vom Duschen, doch er wollte das Bad freigeben.

“Hier bist du, ich hatte dich gesucht.”

“Tilde, ich habe gestern mit Norwegen telefoniert.”

“Sehr gut, und was gab es Neues, habt ihr etwas verabredet?”

“Ja, das Gespräch war recht kurz. Ich kann nicht viel sagen, ich weiß es nicht.”

Für Frau vom Felde war diese Antwort nicht überraschend. Und doch wurde ihr das Herz schwer und die Augen ebenfalls. Walter, der durch sie zu ihrem Wolter geworden war, sich so nennen ließ und sich auch selbst so nannte, stand nicht erst an diesem Vormittag in einer Veränderung. Seine Gedanken hatten an Sortierung verloren, die Stimmung an Furcht gewonnen. Die Monate in kleiner Runde, mit vielen Stunden Schlaf und Ruhe hinter zugezogenen Vorhängen konnten auch nicht helfen. Wie er da saß, bedrückt und erschrocken von sich selbst, drückte sie sich aus dem Rollstuhl, setzte sich neben ihn, nahm seine Hand und sagte ihm, wie sehr sie ihn liebte. Mit großen Augen betrachtete er das Gesicht von gegenüber und nickte ihr zu. Sie hatte eine Frage auf den Lippen, doch hob sich diese für eine Stunde zwischen den Jahren auf. Derweilen hatte Gerda den Tisch gedeckt, in Etappen kamen Maren, Sarik und Tilly dazu und verteilten sich dann wieder im Haus. Frietjof war an der Garderobe vorbei gehuscht, leichtfüßig und wortlos. Sie folgte ihm unaufgeregt und sah durch die Türscheibe, wie er rauchend an seinem Auto stehen blieb.

“Gar kein Kaffee? Es ist genug da. Die nächste Ladung Brötchen ist auch gleich fertig. Es ist doch Heiligabend, wir müssen uns nicht hetzen.”

“Ich werde heute Abend fahren, nun sag ich’s doch jemanden. Ich bin gerne hier, aber es zieht mich los.”

“Wir haben schon ein bisschen spekuliert. Wo geht es hin?”

“Es werden vier Stationen sein. Ich werde nicht vor dem Sommer zurück sein. Erzähle es doch morgen den anderen. Auf Fragen bin ich momentan nicht eingestellt, ich kann mich kaum vor mir selbst erklären, darum. Ja, um das Kind tut es mir leid.”

“In Ordnung, Frietjof. Es ist für nachher noch etwas geplant, wo du dich unbemerkter davon stehlen kannst als jetzt. Komm doch nochmal mit ins Wohnzimmer, ich verstehe den Kamin hier nicht.”

Kater und Magen hatten sich bald bei beinahe allen begradigt und sie saßen zusammen. Das Fest konnte für die Gruppe wie so oft Fluch und Segen sein. Doch Sarik hatte seinen Moment gefunden und stand vom Stuhl auf und stellte sich vor alle.

“Ich halte keine Rede, das würde nicht passen oder etwas zu gut. Gerda hat mich schon angesprochen auf unser Abkommen, doch ich habe mich dagegen entschieden. Ich habe Geschenke. Ja, ganz klassisch gibt es die später, nachdem wir uns etwas bewegt haben. Oh, Maren, es ist schön dass wir hier sein dürfen. Bleib doch sitzen, du brauchst mich nicht retten.”

“Ich wollte dich gar nicht unterbrechen, ich wollte nur etwas sagen, das bisher nie ausgesprochen worden ist. – Der Doktor hätte nun etwas Musik geliebt, aber die Stille passt auch. Ich will nur einen ganz kurzen Moment erinnern: Du warst es damals, der zwischen uns allen stand, die Polizei nach Stift und Zettel fragte. Sarik, du hast deine Kontaktdaten an uns verteilt, weil du Minuten nach diesem schrecklichen Moment eben so reagieren musstest. Es war kein Aktionismus und ging dir nicht um dich. Du wusstest, unter Schock wie wir alle, dass wir uns, die mit dabei waren, vielleicht schon bald brauchen würden – fremd oder nicht. Ohne dich würde es diese Gruppe hier nie so geben und dafür danke ich dir und der Rest von uns sicherlich ebenso.”

Sarik hätte sich am liebsten zur Seite gedreht, jemanden zum Klavier geschickt oder Tilly darum gebeten, ein lautes Gespräch zu beginnen, doch er hatte die Worte gehört, auf die er so lange gewartet hatte. Die Gruppe gehörte niemandem, doch er hatte am Ort des Geschehens eben dafür gesorgt, dass man nicht bloß sich selbst haben würde, mit dem die plötzlichen Bilder und Geräusche zu verarbeiten wären. Gerda drückte ihren Mann fest, als sein Telefon aufleuchtete und er alle nach draußen bat.

Die Temperaturen hatten noch einmal kräftig angezogen. Der ein oder andere bereute schnell den fehlenden Schal oder zweites Paar Socken. Vom Garten ausgehend, über einen Feldweg, dem jede zweite Beleuchtung fehlte, folgte die Runde Sariks forschen Schritten. Sie waren im Wald angekommen, lediglich Frau Gleisen und Mathilde ließen sich Zeit, ihnen war der Spaziergang im Dunkeln nicht geheuer und im schlimmsten Fall gar unpassend. Sie schauten durch die Bäume und Büsche und konnten doch nichts erkennen, außer der Handvoll wackelnder Mobiltelefonlichter, die auf den Boden leuchteten. Dann blieben alle stehen.
Björn, der von Gerda und Sarik eingeladen war, stand zur Verwunderung aller auf einer Lichtung. Mit ihm eine Gruppe, die einen guten Abend wünschte, sich für die besondere Einladung bedankte und schließlich zu einem mehrstimmig vorgetragenen Lied ansetzte.
Sarik hatte sehr wohl gemerkt, wie unglücklich die Gruppe über das Aufeinandertreffen in Alexanders Wohnung war. So sollte es nicht sein. Er wünschte ein Treffen. Dieses fand schnell statt und Björn berichtete davon, dass er selbst eine Gruppe gefunden habe, die sich regelmäßig für Gespräche und Ausflüge zusammen fände. In ihrem Fall, um die Tat eines Familienmitglieds, einer Bekannten oder einer Freundin zu verarbeiten. Bei ihnen wurde selten zusammen gegessen, zu Grüppchenbildung konnte es kaum kommen. Dafür sangen sie. Und eben das taten sie auch jetzt. Sie sangen und die eigenwillige Akustik der Umgebung machte aus den vorgetragenen Liedern etwas Besonderes, das nicht idyllisch war, kaum feierlich oder erhaben, eher finster und bedrückend und doch das Jahr eben so zusammen fasste, wie es keine Konversation im Landhaus vermocht hätte.
Von all dem konnte Matthew Porter nur wenig mitbekommen. Zweimal, dreimal vielleicht, hatte er aus dem Fenster gesehen und Alexander oder Claudia gesehen, doch dabei wollte er es belassen. Er hatte Egon versprochen, sich mit ihm durch das Fernsehprogramm zu schalten. Maren Kluge wusste natürlich Bescheid und nur sie. Sie hatte mit ihm zwei Tage in Biesenthal verbracht und der Nachbar Egon bot umgehend sein Fremdenzimmer an. Sie hatte ihn aus Berlin abgeholt und wollte ihm die Möglichkeit geben, jedem Moment dazu kommen zu können, ganz wie es eben passen würde.
Es passte für ihn nicht, er lachte mit Egon, der das ganze Durcheinander mit all den Menschen im Haus nebenan gar nicht erst versuchte zu verstehen.

Alexander hatte Anne für einen Moment an Hennes weitergegeben und legte seinen Arm um Valentina. Sie ließen sich Zeit mit dem Weg zurück ins gut gewärmte Wohnzimmer und blieben immer wieder stehen.

“Ich bin froh, wie sich alles entwickelt hat. So ist es richtig.”

“Siehst du das auch so, Valentina?”

“Den Tag, an welchem man klar zu sehen scheint, muss man nutzen. Es hat niemandem von uns geschadet, ich spreche einfach mal für Frietjof mit. Wir sind gut befreundet, mehr als zuvor und die Verbindung hat endlich etwas Leichtes.”

“Aber es wird bei Maren und dir nicht anders sein, oder irre ich mich da?”

“Entschuldige, wovon sprichst du?”

“Habt ihr nicht auch beide davon profitiert, einen Schnitt zu machen? Auf mich wirkt Maren zufriedener denn je.”

“Hier gibt es scheinbar ein Missverständnis. Maren und ich haben uns zu keiner Zeit getrennt, wir leben nur bedingt zusammen, das ist wahr, haben uns neben der Beziehung noch etwas anderes aufgebaut. Sie ist oft hier, was ich unterstütze. Ich liebe sie, wir sind gefühlt mehr zusammen als noch im März oder August.”

Als Hennes im Haus ankam, stellte er die Schuhe unter die Heizung und setzte sich auf den Stuhl neben der Abstellkammer. Er musste nachdenken. Es war seltsam und doch besonders, dass die Gruppe seine Beziehung mit Maren scheinbar längst abgeschrieben hatte, doch sie all die Zeit auf ihre Weise existiert hatte. Da lief Maren aus der Stube an ihm vorbei, hatte ihn kurz übersehen, kam dann die drei Schritte zurück. Er spürte die Augen ihrer langjährig Verlobten zu gerne im Türrahmen, die wortlosen Beobachtungen erfüllten ihn mit dem Gefühl, nichts von der frühen Anziehung verloren zu haben.

Alle Fotos: Saskia Kyas.

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